Bankrotteur

Auf Abwegen: Vor rund 150 Jahren veruntreute ein Mümliswiler 3,25 Millionen

An der Bahnhofstrasse 17 in Zürich arbeitete Emil Schärr bei der damals angesehenen «Eidgenössischen Bank in Bern». (Symbolbild)

An der Bahnhofstrasse 17 in Zürich arbeitete Emil Schärr bei der damals angesehenen «Eidgenössischen Bank in Bern». (Symbolbild)

Vor gut 150 Jahren wurde der junge Emil Schärr aus Mümliswil mit seinen Börsenspekulationen zur unrühmlichen nationalen Berühmtheit.

Emil Schärr, geboren 1847, war der Sohn des Mümliswiler Gemeindeammanns Franz Josef Schärr, der von 1856 bis 1871 das höchste Amt im Dorf innehatte. Der junge Schärr arbeitete als Kassier und Buchhalter in der Zürcher Filiale der «Eidgenössischen Bank in Bern», die 1863 gegründet wurde. Schärr verdiente damals das schöne Gehalt von 2700 Franken pro Monat. Und doch veruntreute er als 21-Jähriger von Februar 1868 bis 1. Oktober 1869, also während 20 Monaten, die damals ungeheure Summe von insgesamt 3,25 Mio. Franken.

Der junge Bankangestellte hatte eingehende Beträge absichtlich falsch verbucht, um damit private Börsengeschäfte zu tätigen. Da er als einziger Mitarbeiter in der Filiale der Bank das neuartige und anspruchsvolle Buchungssystem wirklich verstand, genoss er das unbegrenzte Vertrauen seines Zürcher Vorgesetzten. Sein eigenes Wissen hatte sich Schärr bei einer vorherigen Anstellung bei einer Bank in Paris erworben.

Steckbrieflich gesucht in ganz Europa

Doch mit seinen heimlichen Börsenspekulationen verursachte Schärr nur Verluste. So nahm er sich immer neues Geld, bis sich der Schaden für die Bank auf die riesige Summe belief. Ende August 1869 wurde der Chef von Schärr von anderen Bankangestellten auf verdächtige Unregelmässigkeiten aufmerksam gemacht. Doch dieser schenkte den Hinweisen keine Beachtung.

Am 30. September stellte der Vorgesetzte Schärr dann endlich zur Rede, glaubte aber, was dieser zu seiner Entlastung vorbrachte.

Schärr bekam es aber dennoch mit der Angst zu tun. Er entnahm an diesem Tag nochmals Geld, ehe er am 1. Oktober die Flucht ergriff. Am frühen Morgen um 6 Uhr löste er ein Zugsbillett zweiter Klasse von Zürich nach Basel und fuhr zuerst bis nach Waldshut. Dort stieg er aus, denn wahrscheinlich war er im Zug erkannt worden. Ab Waldshut verwischte sich seine Spur.

Doch die Verfolgung war eingeleitet und Schärr wurde schweizweit gesucht. Aufgrund einer Fotografie wurde ein Steckbrief gedruckt. Schärr wurde darauf folgendermassen beschrieben: «Gross, schlank, blasses Gesicht, schwarze Haare, Schnurrbärtchen, Kinngrübchen und kleine Hasenscharte an der Unterlippe.» Der Steckbrief wurde in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache verfasst und eine Belohnung von 10'000 Franken ausgesetzt.

Zudem wurden Telegramme an alle europäischen Seehäfen geschickt und die Polizei der europäischen Hauptstädte wurde angeschrieben. Der Bundesrat informierte die französische, österreichische und englische Regierung und verlangte die Auslieferung für den Fall von Schärr’s Festnahme. Gut sechs Wochen verstrichen und schon schien es, Schärr sei unauffindbar. Doch dann traf bei der Zürcher Polizei ein Telegramm aus Triest ein. Der Gesuchte sei am 8. November in Cormons bei Görtz an der österreichisch-italienischen Grenze in einem Zug verhaftet worden.

«Sündengeld nichtswürdig verpufft»

Zurück in der Schweiz gab Schärr als Motiv für seine Tat an, er habe sich das Geld bloss «borgen» wollen, weil er beabsichtigt hatte, mit den erzielten Gewinnen fünf Einwohner aus Mümliswil auszuzahlen, die für ihn bei einer Bank eine Kaution von je 20 000 Franken geleistet hatten. Er habe das Geld als 19-Jähriger bekommen, doch wollte er «unabhängig dastehen». Doch dies war mit Bestimmtheit eine Ausrede, denn die Mümliswiler Bürgen haben ihr Geld nie zurückbekommen. In der NZZ war damals zu lesen: «Nie wurde bis dahin ein solches Sündengeld nichtswürdiger und elender verpufft als diese Millionen.» Alles Geld sei bei in- und ausländischen Banken verspekuliert und so verloren gegangen.

Man kann sich vorstellen, dass in Mümliswil viel Aufregung herrschte, umso mehr Emil aus einer angesehenen Familie stammte. Zeitzeuge Beat Walter schrieb in seinen Erinnerungen allerdings nur: «Ich war ihm, nebst drei anderen Amtsbürge für die Summe von 20 000 Franken. Eine Schreckensnachricht für ganz Mümliswil.» Vor Gericht wurde Schärr im Februar 1870 wegen Unterschlagung ersten Grades im Betrag von 3,25 Mio. Franken zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt. Darüber hinaus hatte er die Untersuchungskosten zu bezahlen und Ersatz für den gestifteten Schaden zu leisten.


Quellen: Das Guldental; Wikipedia; Daheim 1872.

Meistgesehen

Artboard 1