Kappel
Arbeit zwischen Realität und Fantasie

Als Annemarie Rudolf aus Oberbuchsiten 1976 ihre Stelle als Kindergärtnerin in Kappel antrat, war dessen Besuch für die Kinder noch freiwillig. Seither hat sie rund 760 Fünf- und Sechsjährige pädagogisch betreut.

Karin Schmid
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An der Schulschlussfeier auf dem goldenen Stuhl im Mittelpunkt gesessen: Annemarie Rudolf (rechts) konnte bei ihrer Verabschiedung von Schulleiterin Therese Chrétien viel Lob und Wertschätzung entgegennehmen. Foto:

An der Schulschlussfeier auf dem goldenen Stuhl im Mittelpunkt gesessen: Annemarie Rudolf (rechts) konnte bei ihrer Verabschiedung von Schulleiterin Therese Chrétien viel Lob und Wertschätzung entgegennehmen. Foto:

Urs Amacher

An der Schulschlussfeier entliessen Kinder, Lehrerkolleginnen und -kollegen sowie Eltern sie in den Ruhestand.

Annemarie Rudolf begann ihre berufliche Karriere allerdings nicht als Pädagogin. «Erst habe ich eine Lehre als Damenschneiderin bei Hilda Rudolf von Rohr absolviert. Sie war eine sehr bekannte Näherin in der Region und hatte ein grosses Atelier nur einige Meter die Strasse hinunter», erzählt Annemarie Rudolf und deutet mit der Hand aus dem Fenster ihres 1691 erbauten Bauernhauses an der Kirchgasse, in dem sie aufwuchs und bis heute lebt. «Damals – 1966 – kannte man Kindergärten noch nicht besonders gut auf dem Land.» Zwei Jahre lang habe sie auf dem Schneiderinnenberuf gearbeitet. «Dann dachte ich: Das kann es nicht gewesen sein – immer nur 200 Meter die Strasse hinunter.» Daraufhin verbrachte sie einen einjährigen Sprachaufenthalt in Paris.

Trotz Rahmenplan sehr frei

Zum Lehrerinnenberuf kam die Oberbuchsiterin durch ihre Schwester. «Sie war Primarlehrerin. Zu dieser Zeit kamen im Gäu die Kindergärten auf. Da dachte ich mir: Das wäre etwas für mich.» So meldete sie sich mit 22 Jahren beim Kindergartenseminar in Solothurn an, wie es damals noch hiess. Als sie es mit 25 Jahren mit Abschluss in der Tasche verliess, gab es «plötzlich viel zu viele Kindergärtnerinnen. Man bewarb sich überall, weil zu wenig Stellen vorhanden waren». erinnert sich Annemarie Rudolf. Im Januar 1976 übernahm sie in Zuchwil eine Stellvertretung für drei Monate. «Während dieser Zeit rief mich eine Kollegin an und erzählte mir, dass in Kappel der zweite Kindergarten wieder eröffnet wird. Dort gab es vorher schon zwei Kindergärten, doch mangels Kinder musste der zweite kurz vor meiner Zeit geschlossen werden.»

Wiedereröffnung im Untergeschoss des alten Schulhauses mit Annemarie Rudolf als Pädagogin und 19 Kindern in ihrer Klasse war im April 1976. «Wir waren sehr frei in allem, obwohl wir einen vorgegebenen Rahmenplan hatten», erinnert sich Annemarie Rudolf an ihren Anfang als Teil eines Kindergärtnerinnenduos in Kappel. «Ich hatte grosse Freiheit in der Unterrichtsgestaltung. Das gefiel mir enorm. Auch konnte ich von der Kollegin profitieren. Wir hatten es sehr gut. Damals gab es auch noch kein Inspektorat, das Weisungen herausgab. Das kam kurz danach.»

Damals fand der Kindergartenunterricht Montag bis Freitag von 9 bis 11 und 14 bis 16 Uhr sowie am Samstag statt. «Man arbeitete themenbezogen», antwortet Annemarie Rudolf auf die Frage nach dem grössten Unterschied von heute zu früher. «Man wählte ein Thema, zum Beispiel Bauernhof, und gestaltete den Unterricht so, dass die Kinder den Bauernhof mit Kopf, Hand und Herz erleben konnten.» Im Gegensatz dazu arbeite man heute zielorientiert. «Man setzt sich mit den Kindern ein Ziel und arbeitet darauf hin. Zudem ist die Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz in den Vordergrund gerückt. Damals gehörte das zur Arbeit, doch man sprach noch nicht davon. Heute ist man sich dessen mehr bewusst.»

«Beruf ist aufgewertet worden»

Die Kinder an und für sich haben sich nach Auffassung von Annemarie Rudolf nicht «gross verändert, eher das Verhalten der Einzelnen. Heute, da Kinder aus der ganzen Welt den Kindergarten besuchen, ist es schwieriger. Jedes Kind hat einen anderen Hintergrund. Es macht das Arbeiten aber auch interessanter, wenn so viele verschieden Kulturen zusammenkommen.» Nach Angaben der Oberbuchsiterin hatte Kappel «bis vor etwa zehn Jahren wenig fremdsprachige Kinder. Mir gefiel es, mich auf die verschiedenen Kinder einzulassen».

Sie habe früher das «Freisein» gemocht, sagt Annemarie Rudolf. «Ich konnte wirklich im Kindergarten arbeiten, wie ich wollte. Durch die gesetzliche Integration des Kindergartens in die Schule ist das heute nicht mehr im gleichen Mass der Fall.» Man müsse zielorientiert nach dem Rahmenlehrplan und damit nach sechs Bildungsbereichen arbeiten, wodurch «das Unterrichtsprogramm viel konkreter und strukturierter wurde». Der Vorteil: «Der Beruf der Kindergärtnerin wurde aufgewertet. Früher hiess es: ‹Als Kindergärtnerin hütet man Kinder.› So war es zwar nie, aber es wurde so wahrgenommen.»

Auf die Frage nach besonderen, grossen Erlebnissen nennt Annemarie Rudolf «sehr viele schöne Aufführungen, Projekte und Schulschlussfeiern, einmal inszenierten wir eine tolle Zirkusvorstellung». Eine traurige Erinnerung ist für sie der Leukämietod eines Kindergärtlers.

Sie habe den Tod mit den Kindergärtlern, die den Jungen besser kannten, thematisiert «mit einem Bilderbuch. Das war ein eindrückliches Erlebnis. Die Kinder gingen sehr natürlich mit dem Thema um». Als grosses Erlebnis bezeichnet Annemarie Rudolf zudem den Umzug des Kindergartens in den Neubau 1989. «Ich arbeitete vorher in einem kleinen Raum und konnte danach in einen schönen Kindergarten ziehen, dessen Einrichtung ich auslesen durfte.» Um das Jahr 2000 entstand in Kappel ein dritter Kindergarten, der im Primarschulhaus untergebracht war. Nach einiger Zeit in einer Wohnung – ausserhalb, aber in der Nähe des Schulareals – konnte dieser 2011 in einen weiteren Neubau neben dem bestehenden Doppelkindergarten ziehen.

Jeder Tag als neuer Anfang

Annemarie Rudolf arbeitete gerne mit Kindern. An der Kindergartenstufe faszinierte sie «das Alter zwischen Realität und Fantasie. Die Kinder sind sehr offen und neugierig, machen gerne mit, man muss sie nicht so stark animieren. Es kommt auch viel von ihnen. Sie wollen viel wissen.» Und: «Sie merken es, wenn es einen nicht gut geht. Wenn sie auf einen zugehen am Morgen, ist man sofort bei den Kindern und das andere ist nicht mehr so wichtig. Das stellt einen gleich auf.» Schön an der Arbeit mit Kindern fand sie, dass im Kindergarten «jeder Tag anders war. Auch wenn es an einem Tag nicht so gut lief – man konnte jeden Tag wieder neu anfangen. In einem Geschäft kann man das weniger.»

In ihren 38 Jahren als Kindergärtnerin hat Annemarie Rudolf 760 Kinder ein Stück ihres Lebens begleitet. «Das habe ich sehr gerne getan, zusammen mit den Kindern.» Die administrative Seite und die Karriere innerhalb der Schule sei ihr weniger wichtig gewesen. «Die Zusammenarbeit mit den Kindern, Eltern und Kolleginnen hat mich interessiert und mir viel gegeben», hält sie fest. «Erst war ich für die Kinder manchmal ‹Mami›, zuletzt wurde ich in vertrauten Momenten mit ‹Grosi› angesprochen. Ich werde die Kinder vermissen.»

Keine Langeweile nach Beruf

Sie habe sich auf die Pensionierung gefreut, so Annemarie Rudolf, die diesen Monat ihren 64. Geburtstag feiert. In ihrem letzten Schuljahr reduzierte sie ihr Pensum auf zwei Vormittage. «Dadurch konnte ich mich stark auf andere Beschäftigungen nach der Pensionierung konzentrieren. Das war wichtig.» Sie hat nach wie vor Kontakt zu zwei ehemaligen Arbeitskolleginnen, mit denen sie sich zum gemeinsamen Kochen oder Ausgang trifft. «Das behalten wir bei.»

Ohnehin wird es Annemarie Rudolf künftig kaum langweilig werden. So hat sie «ein sehr gutes Verhältnis» zu ihren Nichten und Neffen, mag «Viecher» gerne – bei ihr leben eine Katze und eine Maus –, singt im Kirchenchor und wandert «sehr gerne». Zu ihren Hobbies gehört im Weiteren das Handarbeiten. Dafür trifft sie sich gerne mit und bei Monika Girard, die nach ihrer letztjährigen Pensionierung als Werklehrerin in Kappel ein Werkstüblein eröffnet hat. «Ausserdem habe ich einen grossen Garten und ein grosses Haus. Das wird mich auch beschäftigen.»

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