Oensinger Familienfehde

Angeklagter «wollte Schwester in Sicherheit bringen»

Am 5. Juli 2012 kam es um 22.43 Uhr auf dem «Bobst-Hof» in Oensingen zur unfassbaren Bluttat, bei welcher zwei Menschen ums Leben kamen.

Am 5. Juli 2012 kam es um 22.43 Uhr auf dem «Bobst-Hof» in Oensingen zur unfassbaren Bluttat, bei welcher zwei Menschen ums Leben kamen.

Die zwei Angeklagten des Doppelmords von 2012 auf einem Oensinger Hof widersprechen sich. Der Vater gibt an, im Gegensatz zu seinem Sohn nicht geschossen zu haben.

Was sich am 5. Juli 2012 auf dem Vorplatz des «Bobst»-Hofs in Oensingen ereignete, dürfte vielen noch in trauriger Erinnerung sein. Bei einem Streit zwischen zwei albanischstämmigen Familien wurden ein 51-jähriger Vater und sein 26-jähriger Sohn erschossen. Getötet wurden sie mutmasslich von Vater und Sohn der andern Familie – mit einem Sturmgewehr und einer Pistole. Zwei Jahre nach der Tat, im Juli 2014, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den heute 26-jährigen Schweizer und seinen 52-jährigen Vater wegen Mord, versuchtem Mord und vorsätzlicher Tötung.

Gestern Mittwoch mussten sich die zwei Angeklagten vor dem Amtsgericht Thal-Gäu für den Doppelmord in Oensingen verantworten. Unter grossen Sicherheitsvorkehrungen fand die mit Spannung erwartete Verhandlung im Solothurner Amthaus statt. Unklarheiten gab es bislang bezüglich des genauen Motivs der unvorstellbaren Tat. Die Staatsanwaltschaft hatte sich im Vorfeld mit Verweis auf die Gerichtsverhandlung bedeckt gehalten. Bekannt war lediglich, dass es sich um eine seit längerer Zeit schwelende Familienfehde handelte.

«Von Familie schlecht behandelt»

Die als Zeugin geladene Witwe des ermordeten 26-jährigen Mannes brachte etwas Licht in die undurchsichtige Sache. Gemäss ihrer Darstellung kam es zu der Bluttat, weil ihr Bruder Murat P. * sie aus den Fängen der Familie ihres ehemaligen Mannes befreien wollte. Diese habe sie sehr schlecht behandelt. So habe sie zum Beispiel gegen ihren Willen Haushaltsarbeiten bei den Schwiegereltern verrichten müssen. Ihr Mann habe sie zudem oft geschlagen und sie wie sein Eigentum behandelt. Besonders schlimm sei es nach der Trennung geworden, der häusliche Gewalt vorausgegangen sei, erzählte die 25-jährige Frau dem Gericht. Dass sie nach sechs Wochen zu ihrem Mann zurückgekehrt sei, begründete sie mit ihrer Schwangerschaft, obwohl ihr Mann sie zu einer Abtreibung aufgefordert habe.

Auslöser des tödlich endenden Streits vom 5. Juli 2012 war offenbar die Geburt des erwähnten Kindes, welche die Frau ihrer Familie nicht mitteilen konnte, weil ihr der Ehemann das Handy weggenommen hatte. Murat P. war darob offenbar so aufgebracht, dass er seinen Schwager anrief und sich darüber beschwerte. Bei diesem Telefonat habe ihr Mann gesagt, dass er mit seiner Ehefrau mache, was er wolle, sie zum Beispiel blutig schlagen, berichtete die Frau dem Gericht.

Zuerst verbal, dann mit Gewalt

Für Murat P. war dies Grund genug zu handeln, wie er dem unter Amtsgerichtspräsident Guido Walser tagenden Gericht ausführte. Weil er um das Leben seiner Schwester gefürchtet habe, sei er gegen 22.30 Uhr zusammen mit seinem Vater mit dem Auto auf den «Bobst-Hof» in Oensingen gefahren, um seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Dort angekommen, sei es zuerst auf dem Vorhof des ehemaligen Bauernhofs zu einem Gespräch mit seinem Schwager und dessen Vater gekommen. Letzterer habe seinen aggressiv auftretenden Sohn zurück ins Haus geschickt, um die Sache mit dem Vater seiner Schwiegertochter selbst zu regeln. Sein Schwager sei erzürnt und eine Drohung aussprechend zurück ins Haus gegangen.

Weil er befürchtet habe, sein Schwager könnte mit einer Waffe zurückkommen, habe er sein vorsorglich mitgeführtes Sturmgewehr aus dem Auto geholt. Kurz darauf sei dann sein Schwager in Begleitung einer zweiten Person auf ihn zugestürmt, führte der kräftig gebaute Mann mit dunkelblondem Kurzhaarschnitt weiter aus. «In diesem Moment habe ich mich bedroht gefühlt. Ich habe zuerst zwei Warnschüsse auf den Boden abgegeben und danach auf die auf mich zu rennenden Personen geschossen», gab der 25-Jährige zu. Getroffen wurde nicht der Schwager, sondern ein als Gast auf dem Hof weilender Mann, der einen Durchschuss am linken Oberschenkel und einen Steckschuss in der linken Hand erlitt.

Sohn nimmt Schuld auf sich

Gemäss Staatsanwaltschaft ist die Situation danach eskaliert. Der Vater des Schwagers, der vorher von Murat P. mit Faustschlägen niedergestreckt worden war, soll in der Folge von Murat P. und dessen Vater mit insgesamt neun Schüssen förmlich exekutiert worden sein, wie Staatsanwalt Martin Schneider erwähnte. Der ebenfalls angeklagte Vater von Murat P. habe eine Pistole verwendet, welche ihm von seinem Sohn vorher zugesteckt worden sei, behauptete der Staatsanwalt. Dieser Darstellung widersprach Murat P. Er sei für sämtliche Schussabgaben an diesen Abend allein verantwortlich, sein Vater habe zu keinem Zeitpunkt eine Waffe geführt. Er habe vom Sturmgewehr auf die Pistole gewechselt, weil das Gewehr eine Ladehemmung hatte. Demnach dürfte Murat P. auch für den tödlichen Schuss auf seinen Schwager verantwortlich sein. Dieser wurde gemäss Untersuchungsbericht von einem Projektil aus dem Sturmgewehr getroffen und war danach innerlich verblutet.

Murat P.s Vater, der von Anfang an bestritten hatte, an der Schiesserei beteiligt gewesen zu sein, sorgte für einen Widerspruch. Er behauptete, seinem Sohn das Sturmgewehr nach den ersten Schüssen abgenommen zu haben. Dieses habe er danach ins Auto zurückgelegt. Geschossen habe er nicht, beteuerte der 52-Jährige.

Zeuge ändert Aussage

Der in dieser Vollmondnacht angeschossene Gast auf dem Bauernhof bestätigte diese Darstellung in den ersten Befragungen durch die Polizei und die Staatsanwaltschaft. Bei späteren Einvernahmen wollte der im Elsass wohnhafte Mann aber gesehen haben, dass auch der Vater von Murat P. geschossen habe. Er behauptete, die beiden hätten die Waffen unter einander sogar ausgetauscht und herumgeschossen.

Für Rechtsanwalt Alexander Kunz, welcher den Vater von Murat P. vertrat, ist der Sinneswandel des als Privatkläger auftretenden Mannes unglaubwürdig. «Die Unwahrheit», wie er vor Gericht festhielt. Für die Schiesserei gebe es keine Zeugen und demnach auch keine schlüssigen Beweise. Die DNA-Spuren auf beiden Waffen erklärte er damit, dass sein Mandant die Waffen nach der Tat entladen habe.

In einer Ausnahmesituation

Rechtsanwalt Roland Winiger sah es hingegen als erwiesen an, dass sein Mandant Murat P. die ihm vorgeworfenen Taten begangen hat. Der 26-Jährige habe aber im Affekt gehandelt, seine Beweggründe, die Schwester zu schützen, seien nachvollziehbar und deshalb entschuldbar, nicht aber die Tat selbst. Zwei Menschen umzubringen und einen zu verletzen sei nicht entschuldbar, hielt Winiger fest. Von Mord könne aber dennoch nicht gesprochen werden, sondern höchstens von Totschlag oder vorsätzlicher Tötung. Murat P. beschrieb Winiger als guten und friedliebenden Mensch. Zur Zeit der Tat sei er aus beruflichen und privaten Gründen physisch und psychisch unter Druck gestanden. Seine Beziehung mit seiner langjährigen Freundin sei in Brüche gegangen und als Security habe er in dieser Zeit zu wenig Schlaf gehabt.

Am Schluss der Verhandlung entschuldigte sich Murat P. bei der betroffenen Familie. Es tue ihm leid, was geschehen sei. Er habe mit der Tat auch sein eigenes Leben zerstört.

* Namen von der Redaktion geändert

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