Amtsgericht Thal-Gäu
Staatsanwalt fordert mehr als 10 Jahre Haft für Post- und Banküberfälle – das sorgt für Unverständnis

Vor dem Amtsgericht Thal-Gäu musste sich zum zweiten Mal der Schweizer verantworten, der 2018 die Post in Matzendorf überfallen haben soll. Das Urteil wird am 31. März mündlich eröffnet.

Philipp Kissling
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Im Februar 2018 wurde eine Postfiliale in Matzendorf überfallen. Der Staatsanwalt fordert eine Haftstrafe von 10 Jahren und 3 Monaten für den Beschuldigten.

TeleM1

Die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Thal-Gäu im Prozess gegen zwei mutmassliche Räuber endete am Donnerstag mit dem Unverständnis der Verteidigung über das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass, wie TeleM1 berichtete. «Absurd» nannte es Markus Spielmann, der Verteidiger von Gustave R.*. Und Eveline Roos, die Anwältin von Marin P.*, sagte: «Es het mi grad tschuderet.» Ob man es mit einem Tötungsdelikt zu tun habe, fragte sie Richtung Staatsanwalt Ralph Müller. Der liess sich nicht beeindrucken und rief den Sachverhalt in Erinnerung: drei Raubüberfälle mit Geiselnahme. Müllers Antrag fordert eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren und drei Monaten für Gustave R. sowie sechs Jahre und neun Monate, zudem 15 Jahre Landesverweis für den Albaner Marin P.

Gemeinsam hatten die Männer am 1. März 2018 die UBS in Niederbipp und einen Tag später die Raiffeisenbank Courrendlin (JU) überfallen. Wochen zuvor, am 6. Februar, hatte R. bereits die Poststelle in Matzendorf überfallen und 3700 Franken erbeutet. «Niederbipp» mit 28 000 Franken und «Courrendlin» mit 87 000 Franken waren ergiebiger. Letztgemachte Beute konnte bei der Verhaftung des Duos im Anschluss an den Coup in Courrendlin sichergestellt werden. Zum Verbleib des Geldes aus Niederbipp machten die Beschuldigten widersprüchliche Aussagen.

Ihre Taten geben die beiden Männer zu. Und wie sie in ihrem «letzten Wort» durchblicken liessen, bereuten sie die Überfälle: Marin P. entschuldigte sich und sagte, er hoffe auf «Gerechtigkeit», denn er habe sich seit der Verhaftung stets kooperativ verhalten. Gustave R. tue es leid für die Überfallopfer.

«Und am meisten tut mir leid, was ich meiner Familie angetan habe.»

Der 55-Jährige möchte das Gefängnis schnellstmöglich verlassen, um mit der Frau, die er während der bisherigen Haft geheiratet hat, und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn zusammen zu sein.

Verteidigerin und Verteidiger hielten ein eigenes Plädoyer, inhaltlich aber hatten sie sich abgesprochen und spannten zusammen. Kritik übten sie an den Ermittlungsbehörden. Unter anderem habe man das Verteidigungsrecht verletzt, indem keine Konfrontationen stattgefunden hätten, bei zahlreichen Befragungen keine Verteidiger anwesend gewesen und keine Schlussbefragungen durchgeführt worden seien. Die Rede war zudem von «Abgründen in der Befragungstechnik». Eine Reihe von Dokumenten sei gar nicht verwertbar.

Wann ist ein Raub ein Raub?

Roos und Spielmann konstruierten ihre Strategie rund um die rechtliche Würdigung der Tatbestände. Es ging darum, die bezüglich des Strafmasses schwerwiegenden Vorwürfe des mehrfachen qualifizierten Raubs und der mehrfachen Geiselnahme zu entschärfen. Für Laien einigermassen schwer verständlich, legten sie dem Gericht dar, dass «Matzendorf» und «Courrendlin» gar keine Raubüberfälle im eigentlichen Sinn gewesen seien. Hier hätten Glasscheiben die Schaltermitarbeitenden geschützt, ergo sei der Raub eben kein Raub, sondern eine Erpressung. Erpressung aber komme in der Anklage nicht vor, also seien die Beschuldigten freizusprechen. Einen Schuldspruch wegen Raubs billigt die Verteidigung im Fall der UBS-Filiale Niederbipp, in der die Schalterhalle offen gestaltet ist.

Der Tatbestand der Geiselnahme sei nicht erfüllt, denn die dafür erforderliche Bedrohungslage für die Opfer habe nicht bestanden. In Matzendorf zum Beispiel habe die Postangestellte nie von einer Bedrohung gesprochen. Auch habe die anwesende Kundin sich im Schalterraum bewegt und zur Frau hinter dem Schalter gesagt:

«Kläri*, gib ihm dä Tuusiger, won ig izahlt ha!»

Die Argumentation der Verteidigung zerpflückte die Anklage regelrecht. Ob die Taktik aufgeht, wird sich zeigen. Unter Umständen erfolgversprechend hätte auch sein können, bei den in den ersten Einvernahmen gemachten Aussagen zu bleiben. Gemäss Staatsanwaltschaft sei damals der geladene Zustand der verwendeten Pistole nicht abgestritten worden. Ein umfassenderes Geständnis hätte sich erheblich strafmildernd auswirken können.

Posträuber ist mit Postangestellter verwandt

Das Urteil wird den Parteien am 31. März mündlich eröffnet. Damit wird zumindest erstinstanzlich ein Fall geschlossen, der auch mit skurrilen Details nicht sparte. Zwei Müsterchen: Gustave R. und die in Matzendorf überfallene Postangestellte sind sich entfernt verwandt, waren sich dessen aber nicht bewusst. Und Gustave R. führte mit seiner Metallbaufirma einst einen Auftrag für den Kanton Solothurn aus – in der Justizvollzugsanstalt Schachen in Deitingen.

* Namen geändert.