Amtsgericht Thal-Gäu
Die Version des Beschuldigten sei «Mumpitz» – nun muss Tunesier mehr als acht Jahre ins Gefängnis

Ein Tunesier muss wegen versuchter vorsätzlicher Tötung eine Freiheits­strafe von acht Jahren und zwei Monaten absitzen und zudem auch für zehn Jahre die Schweiz verlassen. So urteilt das Amtsgericht Thal-Gäu.

Philipp Kissling
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Das Amtsgericht Thal-Gäu verurteilt den Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung seiner Exfrau zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten.

Das Amtsgericht Thal-Gäu verurteilt den Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung seiner Exfrau zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten.

Bruno Kissling

An Hauptverhandlungen haben Beschuldigte das «Recht auf das letzte Wort». Ähnliches gibt es bei der Urteilseröffnung nicht, da reden einzig Gerichtsvorsitzende. Lounis* interessierte sich am Montagmorgen nicht dafür. Als Amtsgerichtspräsident Guido Walser ihm in seinen Ausführungen unterstellte, in den Befragungen ständig neue Geschichten aufgetischt zu haben, unterbrach Lounis den Richter lautstark. Walsers freundliches, aber bestimmtes «eifach zuelose» brachte den Beschuldigten zum Schweigen. Das Schlusswort von Walser quittierte Lounis mit Applaus.

Das Amtsgericht Thal-Gäu verurteilte Lounis wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und einer Reihe weiterer An­klagepunkte zu einer Freiheits­strafe von acht Jahren und zwei Monaten. Zudem zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 30 Franken, einer Busse von 1200 Franken, zu Genugtuungs- und Schadenersatzzahlungen in der Höhe von mehreren Tausend Franken sowie zur Übernahme der Verfahrenskosten von 33200 Franken.

Lounis ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung seiner Ex-Frau Neyla*. Die Tat geht auf den 15. Mai 2019 zurück. Der 46-jährige Tunesier hatte ihr vor ihrer Haustür ­abgepasst, sie geschlagen, gewürgt und mit einem Messer verletzt. Nachbar Manfred* gelang es mit Hilfe seiner Frau, das Opfer in Sicherheit zu bringen. Seinem mutigen Handeln sei es zu verdanken, dass

«die Sache am Schluss noch glimpflich verlaufen ist»,

betonte Walser.

Glaubhafte Aussagen von Opfer und Zeuge

«Die Beweislage ist erdrückend», bilanzierte das Gericht in der mündlichen Begründung. Die Tat sei vor dem Hintergrund familiärer Spannungen passiert, die Anwesenheit des Beschuldigten am Tatort zur fraglichen Zeit unbestritten. Die Aussagen des Opfers als auch des Zeugen seien glaubhaft und untermauerten das Verletzungsbild, das Stich- und Schnittverletzungen zeigte.

Zweifelsfrei müsse ein Messer zum Einsatz gekommen sein, sagte Walser und fragte rhetorisch, warum sonst Manfred sich mit einem Stuhl gegen den Angriff des Beschuldigten hätte schützen wollen. Lounis hatte bestritten, ein Messer dabei gehabt zu haben, vielmehr unterstellte er Neyla und Manfred, Dinge erfunden zu haben, um ihn «loszuwerden».

Der Amtsgerichtspräsident bezeichnete Lounis’ Geschichte als «Mumpitz», als eine «kaum zu überbietende Unglaubwürdigkeit». Es bestehe kein Zweifel am Sachverhalt, wie er in der Anklageschrift ­stehe. Der Beschuldigte habe den Tod der Ex-Frau mindestens in Kauf genommen. Wer so auf den Rücken eines Menschen einsteche, könne nicht steuern, ob die Folge der Tod oder eine einfache Körperverletzung sei. Dass letzteres resultierte, bezeichnete Walser als «reines Glück».

Dank Gutachten drei Jahre Strafreduktion

Das Gericht gab auch einen Einblick in die Strafzumessung. Für eine «virtuell vollendete Tötung» dienten zwölf Jahre Freiheitsstrafe als Ausgangspunkt. Die in einem Gutachten festgestellte «mittel- bis schwergradige Schuldunfähigkeit» reduzierte die Strafe um drei Jahre, der nicht eingetretene «Erfolg» des Tötungsversuchs weitere zwei Jahre.

Hingegen wirkten sich die Vorstrafen des Beschuldigten und sein Verhalten straferhöhend aus. Der Beschuldigte zeige weder Einsicht noch Reue, noch verhalte er sich im Strafvollzug vorbildlich, er sehe sich selbst als Opfer. Die Freiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten liegt gar zwei Monate über der Forderung der Staatsanwaltschaft.

Ebenfalls keine Gnade gibt es bei der Landesverweisung. Lounis muss die Schweiz für zehn Jahre verlassen, obwohl er mit Neyla gemeinsame Kinder hat. Es liege kein Härtefall vor, weil Lounis’ Kontakt zu den Kindern bereits vor der Tat «marginal» gewesen sei, begründete das Amtsgericht.

* Namen geändert.