Balsthal

Am Apéro zur Weltwirtschaft: «Der Handelsstreit schadet allen»

Börsenkurse- und Kurven sind seine Welt: Jens Korte, Wall-Street-Korrespondent.

Der Wall-Street-Experte Jens Korte referierte am Wirtschaftsapéro der Clientis Bank in Balsthal zur aktuellen Weltwirtschaftslage.

Was über unsere Köpfe hinweg zwischen den USA und China verhandelt wird oder eben auch nicht (mehr), kann uns nicht kalt lassen. Die Informationen kommen regelmässig und häppchenweise, nicht zuletzt in Form der berühmt-berüchtigten Kurznachrichten Donald Trumps.

Grössere Zusammenhänge bleiben meist auf der Strecke, weshalb es umso spannender ist, für einmal an der Oberfläche zu kratzen. Gelegenheit zur Vertiefung bot sich am Mittwochabend im Kultursaal Hauslimatt in Balsthal mit dem Wall-Street-Experten Jens Korte, bekannt aus Funk und Fernsehen. Korte ging in kurzweiligen rund 75 Minuten ein auf die Themen, die Amerika und die Weltmärkte bewegen: «Der Handelsstreit zwischen den USA und China schadet allen.» China, Asien, Europa und auch den USA selber. Den USA vielleicht noch am wenigsten, denn der US-amerikanische Motor brumme zu 70 Prozent wegen des Inlandkonsums und weniger wegen der Exportgeschäfte. «Aber», schätzt der Journalist, «dienlich ist die Situation nicht.»

Das Handwerk verschwindet

Korte macht keinen Hehl daraus, dass er die Zollpolitik Trumps für «nicht zielführend» hält. Weil China sich in der Vergangenheit oft nicht an die internationalen Standards gehalten hätte, zeigt er zwar durchaus Verständnis, dass die USA Gegensteuer geben wollen. Vielmehr sollten sie jedoch bei der Qualität der eigenen Produkte ansetzen, was allerdings schwierig geworden sei, denn «die Amerikaner haben unterdessen viel Handwerk verlernt.» Zum Beispiel Schuhe herzustellen; von den jährlich 2 Milliarden verkauften Paar kämen 90 Prozent aus dem Ausland. Oder: «Nach dem Hauskauf hatten wir oft mit Handwerkern zu tun – es war ein Trauerspiel.»

Der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen nach China in den letzten Jahrzehnten schmerzt die USA. Niemand aber habe die Unternehmen gezwungen, die Produktion zu verlagern, betont Korte, der glaubt, den Urheber des Übels zu kennen: Sam Walton. Der Gründer der Supermarktkette Walmart habe einst den Spiess umgedreht und die Konsumgüterunternehmen, die stets die Preise diktiert hätten, derart unter Druck gesetzt, dass sie mit der Produktion in Billiglohnländer flüchteten.

Jens Korte, der auf Einladung der Clientis Bank im Thal referiert, berichtet seit zwei Jahrzehnten von der New Yorker Börse und weiss, wie der Hase im Land der Tellerwäscherkarrieren läuft: «Sie müssen eine gute Geschichte haben und die Leute dafür begeistern, um an Geld zu kommen.» So einfach scheint es dann doch nicht zu sein oder zumindest nicht mehr. Die zuletzt horrend hohen Bewertungen bei Börsengängen für Firmen wie Uber und darauffolgende Kursstürze könnten bei den Investoren ein Umdenken bewirken. «Langsam», so Korte, «merkt man, dass an der Wall Street etwas die Fantasie durchgegangen ist.»

50 000 obdachlose Kinder in NYC

In der US-Bevölkerung stellt der Korrespondent eine sich verschlechternde Grundstimmung fest. «Die Leute sind angespannt, ihre Leichtigkeit nimmt ab. Die Kosten steigen stärker als der Lohn, was für enormen Stress sorgt.» Nur noch 20 Prozent des Vermögens befinde sich in der Hand des Mittelstands. Arm und Reich drifteten mehr und mehr auseinander, es gebe sehr viele Obdachlose; alleine in New York lebten 50 000 obdachlose Kinder.

Korte hält in Balsthal auch mit seiner Meinung zur Präsidentschaftswahl nicht hinter dem Berg. Eine zweite Amtsperiode Trumps «wäre problematisch», meint er mit Blick auf die Schulden in der Höhe von mehr als 1 Billion Dollar, eine fragwürdige Umweltpolitik oder sich verschlechternde internationale Beziehungen. «Aber», fragt Korte, «wer ist die Alternative zu Trump?» Elizabeth Warren sei in breiten Kreisen verhasst, und der 78-jährige Joe Biden auch kein innovativer Vorschlag. Gut möglich, dass Trumps Wortmeldungen über 2020 hinaus das Geschehen an der Wall Street beeinflussen werden. Jens Korte, zumindest das ist sicher, wird es vor Ort verfolgen und analysieren.

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