Es war einmal ein Hochstudhaus. Es stand in Obergösgen an der Oltnerstrasse, nahe der Grenze zu Winznau. Als Teil einer Häuserzeile führte es vor Augen, wie früher viele Kleinbauern im Niederamt lebten: in einem dunklen Wohnteil, mit Stall und Scheune unter einem grossen Dach. Der nahe Wald verstärkte den Eindruck einer beengten, düsteren Wohnlage.

Das Haus soll im Jahr 1770 erstmals erwähnt worden sein. Vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Stroh auf dem Dach durch Eternit ersetzt. Der vorletzte Besitzer, ein Metzger aus dem Nachbardorf, nutzte das Grundstück zur Schweinehaltung. Ab etwa 1950 mietete die Gemeinde Obergösgen die Wohnung für eine armengenössige Familie. Später wurde das Haus als Werkstatt zur Herstellung von Metallteilen vermietet. Viele Jahre stand es leer und wurde baufällig.

In der Ortsbildschutzzone

Nach dem Tod des Metzgermeisters planten die Erben auf dem Grundstück eine Überbauung. Doch das ging nicht: Das Hochstudhaus ist im Obergösger Zonenplan als «erhaltenswertes Kulturobjekt» eingetragen. Zusammen mit den fünf nächsten Häusern bis zur Dorfgrenze bildet es eine Ortsbildschutzzone, in der sich Neu- und Umbauten «hinsichtlich Proportionen, Massstäblichkeit, Dachform, Bauart, Materialien und Farbgebung» ins Ortsbild einzufügen haben. So will es die Gemeinde in ihrem Zonenreglement.

Dem Oltner Antiquitätenhändler und Restaurator Markus Borner war das Haus aufgefallen. Als er es 2010 kaufte, sah er darin den künftigen Ausstellungs- und Verkaufsraum für seine antiken Möbel. «Ich hatte die Absicht, es für mein eigenes Geschäft zu sanieren und zu renovieren», berichtet Borner. So stand es im Oktober 2012 in dieser Zeitung, als er seinen langjährigen Verkaufsstandort im Kornhaus in der Oltner Altstadt aufgab.

Doch das Projekt «Obergösgen» zog sich in die Länge. «In den ersten zwei Jahren harzte es extrem», schildert Markus Borner die Gründe der Verzögerung. «Ich hatte keine Unterstützung von der Gemeinde.» Erst nach einem personellen Wechsel in der Bauverwaltung ging es vorwärts. Und die Einholung von Stellungnahmen der kantonalen Fachstelle für Ortsbildschutz brauchte viel länger, als sich das der Bauherr gewünscht hätte.

Substanz schlechter als erwartet

Doch auch das Gebäude selbst machte ihm Sorgen: «Die Bausubstanz war schlechter als erwartet. Es zeigte sich, dass die Fassade wegen Eingriffen der letzten 100 Jahre nicht erhaltenswert war.» Blieb das Dach. Doch als der Eternit abgedeckt war, kam heraus: Auch die Balken waren nicht mehr zu verwenden. «Immer öfter habe ich mich gefragt: Warum tust du dir das an?», gesteht Borner.

Langsam reifte bei ihm die Vorstellung eines vollständigen Neubaus. Im Gespräch mit dem Ortsbildschutzbeauftragten Markus Schmid vom kantonalen Raumplanungsamt entstand die «verrückte» Idee einer Glasfassade. Für den Neubau vermochte Markus Borner, der die Bauführung selbst übernahm, die Behörden von wesentlichen Änderungen zu überzeugen: Auf der der Strasse abgewandten Seite wurden ihm Dachfenster bewilligt, er durfte das Gebäude unterkellern, und der Standort wurde um 5 Meter von der Strasse weg und um 3 Meter nach Osten versetzt. Diese Änderung des Strassen- und Baulinienplans erforderte sogar einen Regierungsratsbeschluss.

Alt ist nur die Form des Daches

Ausgeführt wurden Abbruch, Aushub und Neubau schliesslich zwischen Mai 2014 und Herbst 2015. Exakt erhalten sind Form und Grösse des alten Daches. Die Dachuntersicht wurde vom Holzbauunternehmen anhand von Fotos genau rekonstruiert, mit neuem Holz.

Wert legte der kantonale Experte darauf, dass das Dach wieder mit Eternit gedeckt wurde. Auch der Verzicht auf Dachtraufen entspricht dem ursprünglichen Zustand: Rund ums Haus wurde ein Kiesbett gelegt, in dem das vom Dach tropfende Regenwasser versickern kann. «Ich habe nicht alle Anforderungen des Ortsbildschutzes verstanden», gibt Markus Borner freimütig zu. «Aber jetzt, wo es fertig ist, muss ich sagen: Doch, sie hatten recht. Und: Es ist schön geworden, ich habe Freude daran.»

So viele Änderungen an einem «erhaltenswerten» Gebäude bringen auch Ruedi Bieri, Leiter Nutzungsplanung im Amt für Raumplanung, zum Schmunzeln: «Im Nachhinein kann man sich fragen, ob die Ortsbildschutzzone dort noch ihre Berechtigung hat», meint er auf Anfrage. Aber das sei Sache der Gemeinde Obergösgen, nicht des Kantons.

«Nicht mehr für mich»

Geändert haben sich in der langen Zeit auch Markus Borners Pläne. «Ende 2013 habe ich entschieden, dass ich den Neubau nicht mehr für mein eigenes Geschäft baue. Ich bin jetzt 63 und nur noch ein Einmannbetrieb. Mein Atelier in Rickenbach reicht», erklärt der Eigentümer.

Das topmoderne Haus mit der altertümlichen Dachform hat Borner darum multifunktionell ausstatten lassen, anpassbar an verschiedene Nutzungen: Büros, eine Praxis oder sogar ein Restaurant könnte er sich darin vorstellen. Noch ist offen, wer die Geschichte des Obergösger Hochstudhauses weiter schreibt.