Ein leichter Wind zieht durch Alt-Bechburg. Kühl ist es in den Gemäuern ob Holderbank. Regula von Ifenthal wird derweil aus einem leichten Nachmittagsschlaf geweckt. Ermattet steht sie auf und verflucht den ewigen Wind im Jura, die dunklen Mauern und ihre nervige Schwester in der vorderen Burg.

Geerbt haben Regula und Margaretha die Burg, doch Regula will weg: «Warum nur habe ich den alten Teil geerbt?», fragt sie sich, während sie neidvoll an den Turm der Schwester blickt. In ihrer Seele wächst langsam ein Entschluss heran, bis es 1404 soweit ist: Regula flüchtet nach Zürich, in die Stadt. Weg vom Jurawind, hin zum Trubel der Stadt.

Über die Schlosshöchi zur Ruine

So male ich mir auf meiner letzten Station zu den Burgen in der Amtei den Wegzug Regulas von Ifenthal in Richtung Zürich aus. Nach einer kurzen Kraxelei sitze ich sozusagen in ihrem ehemaligen Zimmer. Klar, die Gemäuer haben gelitten, und doch weht noch immer der Wind über die Jurahänge und somit auch der Geist des Mittelalters.

Rauf, runter, rauf. Oder nur rauf. So ist die Ruine Alt-Bechburg in Holderbank zu erreichen. Ich entscheide mich für den Weg von der Blüemlismatt aus hinauf auf die Schlosshöchi, runter zum Bauernhof unterhalb der Ruine und rauf zur Ruine. Ein kurzer Fussmarsch, und abgesehen von den unzähligen Tierchen, welche einem Korallenriff gleich die Ruine zu ihrer Heimat erkoren haben, bin ich heute der einzige Gast.

Verklärte Sicht

Die vier Burgen in der Amtei waren immer so was wie Sehnsuchtsorte für mich. Durch sie ersann ich mir etwa eine eigene, romantisierte Vorstellung vom Treiben während des Mittelalters. Im Fall von Schloss Neu-Bechburg war es gar mehr, nämlich das erste sichtbare Zeichen von Nachhausekommen auf der Ferienheimfahrt.

An dieser verklärten Auffassung der vier Burgen änderte auch ein Besuch als Schüler nichts. Mit einer Auseinandersetzung der Geschichte der Region hatte mein Zugang nie etwas zu tun. Diese gedanklichen Annäherungen habe ich erst mit dieser Serie ablegen können. Wobei sich an dieser Stelle die Frage stellt, ob es überhaupt nötig ist, die kindliche Vorstellung zu hinterfragen.

Denn die Besuche auf den Burgen haben einen Teil meiner zurechtgebastelten Vorstellung verändert. Ja, zerstört. Im Museum auf Alt-Falkenstein reihen sich Ausstellungsstücke aus allen Zeiten aneinander, sodass die mittelalterliche Burg in den Hintergrund rückt. Sie beherbergt zwar die Ausstellung, aber die Geschichte der Burg wird nicht fassbar. Neu-Bechburg ist gänzlich umfunktioniert, halb Event-Tempel, halb Museum für das ausgehende 19. Jahrhundert.

Vom ursprünglichen Ritterleben kaum mehr was zu erkennen. Und auch Neu-Falkenstein, die Ruine in Balsthal, ist geprägt von der Veränderung durch die Jahrhunderte, bis fast an die Grenzen der Moderne. Ursprünglichkeit? Fehlanzeige.

Vor allem auch, weil in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts ein grosser Teil der Ruine sogenannt konserviert wurde. Was das heisst? Weite Teil des Gemäuers wurden abgebaut und im Anschluss wieder aufgebaut. Die ursprünglichen Mauern lassen sich nur noch mit geschultem Auge erkennen.

Baugeschichte im Dunkeln

Doch ist es überhaupt schlimm, wenn sich die verschiedenen Epochen vermischen? Nein. Denn schliesslich zeigen gerade die drei besagten Burgen, dass die Langlebigkeit der Gebäude vor allem auch damit zusammenhängt, weil sie zu verschiedenen Zeiten verschiedene Funktionen hatten und auch weiterhin haben. Denn nur so bleiben sie erhalten. Und auf diese Weise lässt sich dann doch einiges über die Vergangenheit ablesen.

Und doch bin ich froh um Alt-Bechburg. Auch wenn sie genau gleich wie Neu-Falkenstein in den 1930er-Jahren konserviert wurde und so das historische gewachsene Mauerwerk ab- und wieder aufgebaut wurde und somit die baugeschichtliche Entwicklung nicht mehr nachzuvollziehen ist. Jedoch wurde sie dadurch erst wieder zugänglich.

Und im Gegensatz zu Neu-Falkenstein wurde sie bereits 1713 zur Ruine und vorher 300 Jahre lang an Privatpersonen vermietet, welche jedoch wohl eher an den Ländereien als an der Burg selbst interessiert gewesen sein dürften. So ist die verwinkelte Burg heute die am wenigsten erhaltene. Und trotzdem- oder gerade deswegen?- lebt für mich der Geist des Mittelalters hier am stärksten. Über ein Holzbrückchen betritt man die Burg, hier bereits die erste Assoziation mit einem mittelalterlichen Burggraben.

Dann die Vorburg links liegen lassen, die komische Stele Linkerhand verwirrt den Mittelaltersuchenden ein wenig. Nun geht es einige Treppenstufen hinauf zum sogenannten Zwinger, dann auf einem extrem schmalen Weg an den Aussenmauern der Vorderen Burg entlang. Ein kurzer Blick zum Hauptturm mit seinen gelblichen Steinen, durch den Hof in die Hintere Burg. Hier dürfte der älteste Teil der Ruine stehen.

Und hier spüre ich die alten Zeiten und den Geist von Regula von Ifenthal. So lässt es sich viel einfacher über das Leben im Mittelalter nachdenken. Wenn auch nur als verklärtes Fantasieprodukt. Einen Teil der Realität kenne ich zwar aus alten Quellen, aber so richtig lebendig wird das Mittelalter für mich nur in einem alten Gemäuer, so wie auf Alt-Bechburg.