Thal-Gäu

Als ihm die Mutter sagte: «Mach nicht blutti Wiiber, male Clowns, die gehen weg wie warme Weggli»

«Ich mag die Abstraktion»: Bei Christoph Aerni tun sich im Pensionsalter neue Horizonte auf.

«Ich mag die Abstraktion»: Bei Christoph Aerni tun sich im Pensionsalter neue Horizonte auf.

Der Gunzger Christoph R. Aerni löst sich von Aktmalerei und kämpft nun mit Abstraktion auch gegen Klischees.

Sein Schnauz war noch braunfarben, als Melanie Winiger – damals frischgewählte Miss Schweiz – Modell stand. Ein Foto im grosszügigen Atelier in Egerkingen erinnert daran. Wie es gehobene Restaurants üblicherweise tun, hat auch Christoph R. Aerni die wichtigen Momente verewigt. Jene, in welchen Grössen wie Astronaut Claude Nicollier oder Herzchirurg Thierry Carrel in seinem Atelier in Egerkingen eingingen. Jetzt ist Aernis Schnauz weiss. Und jetzt sagt der «bekannteste Aktmaler der Schweiz» (O-Ton der «Schweizer Illustrierten») einen Satz wie: «Ich mag die Abstraktion.»

Vorbei ist die Zeit, in welcher der Gunzger sich in seinem Schaffen durch Elemente von Albert Anker inspirieren liess. In seinen neusten Werken hat er Miro oder auch Picassos Guernica imitiert und diese mit seiner eigenen Körperkunst verschmelzen lassen. Hat Aernis Stil an Provokation, an Erotik eingebüsst? Die sich stets wandelnde Ausstellung im Atelier vermittelt ein wenig diesen Eindruck.

Von der Sexismus-Debatte gezeichnet

«Die reine Aktmalerei war mir vielleicht zu akademisch und ich wollte davon wegkommen», begründet Aerni die neuen Einflüsse. Zu denken gab dem Gäuer Künstler aber auch die Sexismus-Debatte. Im Atelier hängt ein Zeitungsartikel mit dem Titel: «Ist das noch Kunst oder schon Sexismus?» Der Text widmet sich der Debatte um zensierte Kunst. Ausgelöst wurde sie durch den Hashtag Metoo, unter welchem Frauen auf sexuelle Belästigung aufmerksam machten. In Bedrängnis kam dadurch auch die Aktmalerei. Darum kämpfe er dafür, die Aktmalerei wieder salonfähig zu machen, sagt Aerni.

Der Künstler nippt am runden Tisch am Weissweinglas. Der 65-Jährige ist ein guter Gastgeber und hat alsbald die Weinflasche entkorkt. Würde er gemalt werden, die Pfeife gehörte aufs Porträt wie sie auf jedem anderen Abbild seiner selbst Requisit ist. Als er aus der Schule gekommen sei, habe ihm der Vater eine Pfeife gekauft und ihm gesagt: «Du wirst ja sowieso nie eine Zigarette rauchen.» Paffend fährt Aerni fort, lose Episoden aus seinem Leben preiszugeben. Davon, wie er abends nach der Aktmalerei im Gäupark wie ein simpler Büezer seine Stange trinkt. Davon, wie er Eugene Cernan, dem letzten Mann auf dem Mond, die Hand schütteln durfte. Oder vom schönsten Kompliment. Es kam von einer Journalistin auf Palma, die ihm im Rahmen einer Ausstellung sagte, für sie sei er der Helmut Newton der Malerei. Aernis Drang nach Anerkennung und Nähe zu den Grössen der Gesellschaft ist ebenso nah wie die Realität des einfachen Lebens.

Aktmalerei ist für Aerni bis heute Lebensgrundlage. Dass er einst in einem alten Bauernhaus eine sechsköpfige Familie mit seiner Kunst ernähren würde, konnte er nicht ahnen. Mit 16 Jahren habe er ein paar Clowns gemalt und diese verkauft, worauf ihm die Mutter gesagt habe: «Du musst nicht blutti Wiiber malen. Mach Clowns, die gehen weg wie warme Weggli.» Aber der Junge, der davon träumte, Chirurg zu werden, entdeckte in der Aktmalerei seine Begabung. Nach einer Bildhauerlehre widmete er sich vermehrt der Malerei. Reich wurde Aerni, wie er sagt, mit seinen Werken gleichwohl nicht. «Ich habe Ausstellungen abgehängt, ohne ein Bild verkauft zu haben.» Dies habe mit Ablehnung seiner erotischen Kunst zu tun. Aber eben auch mit Vorurteilen. Klischees wie jenes, der Künstler gehe mit jedem Modell ins Bett, gehörten zur Konfrontation, der er sich stellen musste. Er habe immer wieder hören müssen: «Dr Aerni wei mer ned.» Aerni entgegnet: «Es kommt auf den Betrachter an, ob etwas anrüchig ist.» Wenn er sich sexistischen Vorwürfen ausgesetzt sieht, pflege er zu sagen: «Nicht alles, was nackt ist, ist blutt.» Er sieht die Ästhetik des Körpers als etwas Plastisches. Schon Michelangelo habe gesagt: Wenn ein Mensch lieber einen Schuh als ein nackter Fuss male, sei er prüde.

Atelierausstellung an der Tschertligasse in Egerkingen: Freitag, 29. November (16-20 Uhr). Samstag, 30. November, und Sonntag, 1. Dezember (11-18 Uhr).

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