Brandstiftung

Als der Kestenholzer Salon Tatjana in die Luft flog

Der Brand war in den Vormittagsstunden des 26. Februar 1984 gelöscht, Feuerwehr und Polizei suchten in den Trümmern nach Opfern und Spuren.

Der Brand war in den Vormittagsstunden des 26. Februar 1984 gelöscht, Feuerwehr und Polizei suchten in den Trümmern nach Opfern und Spuren.

Am Sonntag, 26. Februar 1984, wollten drei Männer in Kestenholz ein Haus abfackeln. Dabei kamen sie ums Leben. Als Reporter dieser Zeitung hat der Autor das tragische Ereignis hautnah mitverfolgt.

Drei Tote und ein völlig zerstörtes Haus an der Wolfwilerstrasse in Kestenholz – so lautete das Fazit an jenem Sonntag vor dreissig Jahren, am 26. Februar 1984. Damit endete auf tragische Weise die Geschichte eines alten Hauses, das zwar sehr bescheiden und klein war, jedoch vor der Explosion mehrmals in die nationalen Schlagzeilen gelangte. Nachdem der Hausherr Georg Studer, genannt «Salesi Schorsch», gestorben war, wechselten mehrmals die Besitzer, ebenso die Bewohner, und sie machten freiwillig oder auch unfreiwillig auf sich aufmerksam. Einmal war ein VW Käfer von der unmittelbar vor dem Haus durchführenden Strasse abgekommen und blieb in der Stube des Häuschens stecken. Ein späterer Bewohner beherbergte exotisches Getier, von dem dann das eine oder andere als gestohlen gemeldet wurde. Oder als entlaufen, so wie ein Puma, nach dem sogar die Polizei fahndete.

Für Aufregung sorgte dann eine «Madame Blanchette», die im Haus einen Salon für käuflichen Sex eröffnete und dies per Inserat weitherum anpries. Vielen Kestenholzern und den Behörden war das ein Dorn im Auge. Man fand es peinlich, auswärts deswegen gefoppt zu werden. Als nun im Februar 1984 das Haus buchstäblich in die Luft flog, hiess das Etablissement «Salon Tatjana». Da war die Vermutung schnell zur Hand, es könne sich um eine Abrechnung im Milieu handeln.

Es war am 24. Februar 1984 gegen vier Uhr in der Frühe, als ein gewaltiger Knall die Leute auf dem Kestenholzer Rain aus dem Schlaf schreckte. Um 3.50 Uhr ging bei der Feuerwehr der Alarm los. Franz Berger, der spätere, langjährige Feuerwehrkommandant, erinnert sich: «Wir sassen zu dieser Zeit noch bei der Aufrichtefeier für den Zelglihof meiner Eltern. Zusammen mit meinem Bruder Arthur und Niklaus Stalder war ich dann als Erster mit dem Tanklöschfahrzeug an der Brandstelle, und wir trauten unseren Augen nicht. Das Haus war nur noch ein Schutthaufen, die vordere Hauswand war durch die Wucht der Explosion praktisch am Stück auf die Hauptstrasse geschleudert worden.» Besonders beklemmend sei für sie und auch die kurz darauf anrückende Mannschaft gewesen, dass man befürchten musste, es befänden sich Menschen in den Trümmern. Schliesslich war dieses Haus als «Salon Tatjana» bekannt und in diesem Gewerbe herrscht bisweilen rund um die Uhr Betrieb.

Der Verdacht erhärtete sich, als die Polizei im Morgengrauen die Umgebung absuchte und im nahe gelegenen Wald ein Auto entdeckte, die Nummernschilder abmontiert, umgedreht im Wageninnern deponiert. Die Polizei fand einen Fahrzeugausweis, ausgestellt auf einen italienischen Staatsangehörigen, wohnhaft im Raum Olten. Anlass genug, zusätzliche Polizei- und Brandermittler (Wissenschaftlicher Dienst der Stadtpolizei Zürich) aufzubieten. Unter ihren wachsamen Augen wurden die Trümmerteile mit einem Kran abgetragen, und die Feuerwehrleute rückten mit Schaufeln vor. «Bald einmal kam eine Leiche zum Vorschein, etwas später zwei weitere, die wie ineinander verschmolzen schienen», berichtet Franz Berger. Dabei blieb es dann, der Salon war in jener Nacht geschlossen, die Betreiberin abwesend.

Im Dorf herrschte grosse Betroffenheit, der für diesen Sonntag vorgesehene Fasnachtsauftakt «Cheschtene Dätsch» wurde abgesagt. «Man hatte sich ja schon gewünscht, dieses Etablissement würde irgendwie verschwinden», sagte damals Gemeindeammann Florian von Däniken. «Aber so, wie die Sache jetzt ausgegangen ist, macht es einem schwer, erleichtert zu sein.»

Was zur Explosion geführt hatte, war dann relativ schnell klar. Die Ermittler wiesen den Einsatz von Brandbeschleuniger nach, von dem Dämpfe ausgingen. Die Täter waren noch im Haus, als die Elektroheizung einschaltete und einen zündenden Funken abgab. Aber warum eigentlich sollte das Haus abgefackelt werden? Um eine Abrechnung im Milieu handelte es sich nicht, vielmehr um eine Rechnung, welche die Versicherung hätte bezahlen sollen. Im Keller des Hauses war eine grosse Menge an Billigschmuck und Ähnlichem eingelagert – sehr hoch versichert. Im Dorf wurden zwei Versionen herumgeboten, wer den Versicherungsbetrug geplant haben soll. Die einen glaubten, es seien die drei italienischen Staatsangehörigen selber gewesen, die bei der Explosion ums Leben gekommen waren. Andere vermuteten, diese hätten im Auftrag Dritter gehandelt. Genaueres war vonseiten der Polizei nicht mehr zu erfahren.

An der Stelle, wo das Haus stand, wuchs relativ schnell Gras. Symbolisch passte dies zur Stimmung im Dorf: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das Interesse, genau dort wieder etwas zu bauen, war weg. Einer der vielen Besitzer musste nämlich, nachdem er das Haus renoviert hatte, beim Kanton einen Verzicht auf Mehrwert unterzeichnen. Denn das Gebäude stehe zu nahe an der Kantonsstrasse und am Wald.

Hier am südlichen Dorfende von Kestenholz, an der Kantonsstrasse Richtung Wolfwil, stand seinerzeit das Haus von «Salesi Schorsch».

Hier am südlichen Dorfende von Kestenholz, an der Kantonsstrasse Richtung Wolfwil, stand seinerzeit das Haus von «Salesi Schorsch».

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