Kestenholz
Abtretender Gemeindepräsident: «Es wird etwas ruhiger»

Wenn Roger Wyss Ende nach acht Jahren das Gemeindepräsidium von Kestenholz an seinen Nachfolger Arno Bürgi übergibt, tut er dies mit ruhigem Gewissen. Der Gemeinderat habe in den vergangenen Jahren seine Hausaufgaben gemacht, sagt Wyss nicht ohne Stolz.

Erwin von Arb
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In der achtjährigen Amtszeit von Roger Wyss konnte in Kestenholz die Pro-Kopf-Verschuldung von 1200 auf 280 Franken reduziert werden.

In der achtjährigen Amtszeit von Roger Wyss konnte in Kestenholz die Pro-Kopf-Verschuldung von 1200 auf 280 Franken reduziert werden.

Erwin von Arb

«Ich habe nie in Betracht gezogen, für die CVP nochmals als Gemeindepräsident anzutreten, weil deren Kandidat in letzter Sekunde abgesprungen ist», sagt Roger Wyss im Rückblick auf die Beamtenwahlen vom 9. Juni. Dass damit die 101 Jahre dauernde Ära von CVP-Gemeindepräsidenten ende, sei zwar schade, für das Dorf aber nicht existenziell wichtig. Parteipolitik rücke immer mehr in den Hintergrund und damit einhergehend werde auch die Personaldecke der örtlichen Parteien immer dünner, auch in Kestenholz, meint Wyss zur Situation. Dass Arno Bürgi von der Freien Liste am 31. Juli das Gemeindepräsidium übernehme, sei die bestmögliche Lösung. «Er sitzt seit Jahren im Gemeinderat und weiss deshalb bestens Bescheid», meint Wyss zum bisherigen Statthalter und Jahrgangskollegen Bürgi.

Am 1. Januar 2005 übernahm Roger Wyss das Präsidium der Einwohnergemeinde von Viktor Bürgi. «Ich brauchte schon ein wenig Bedenkzeit, bis ich schliesslich zugesagt habe, erinnert sich Wyss. «Mein Ziel war damals, Kestenholz ins 21. Jahrhundert zu führen.» Dies ist dem mittlerweile 41-Jährigen vor allem im Bezug auf die Finanzlage der Gemeinde gut gelungen. So investierte die Gemeinde während seiner achtjährigen Amtszeit rund 11,5 Mio. Franken in wichtige Projekte und senkte im selben Zeitraum die Pro-Kopf-Verschuldung von damals 1200 Franken auf aktuell 280 Franken. «Viele habe eine solche Entwicklung für undenkbar gehalten», sagt Wyss nicht ohne Stolz.

Zu den wichtigsten Investitionen gehören der neue Zweckbau (Werkhof) und die noch bis 2014 dauernde Sanierung der Gäustrasse. Auch die Renaturierung des Bachtelenbachs beurteilt Wyss als wichtiges Projekt.

Kestenholz war auf Initiative von Roger Wyss auch immer wieder Wegbereiter für neue Projekte wie etwa die Einführung von Tempo 30 in Quartierstrassen oder die Lancierung des Wärmeverbundes. Wyss gab für Wärmeverbund den Anstoss und die Einwohnergemeinde gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Danach sei glücklicherweise die Bürgergemeinde auf den Plan getreten und habe als erste Gemeinde in der Region dieses zukunftsweisende Projekt realisiert. «Heute sind viele Gebäude der Einwohner-, und Kirchgemeinde sowie unzählige Haushalte an der Wärmezentrale angeschlossen – und es werden jedes Jahr mehr», so Wyss.

Von grosser Bedeutung, aber noch nicht unter Dach und Fach, ist die Ortsplanungsrevision. Der Kanton habe in vielen Bereichen nicht kooperiert. Dies gelte vor allem für Neueinzonungen, welche der Kanton nur sehr restriktiv bewillige. «Manchmal hat man den Eindruck, als ob für den Kanton nur die Städte Olten und Solothurn existieren. Einen Konsens haben wir auf jeden Fall nicht gefunden», ereifert sich Wyss. Das neue Leitbild sieht vor, dass die Kestenholzer Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten von heute 1740 Einwohner auf rund 2000 Personen anwachsen soll.

Diese Entwicklung steht direkt im Kontext mit dem vom Souverän bewilligten Bau des neuen Schulhauses für 7 Mio. Franken «Es ist das Schlüsselprojekt für Kestenholz, um in Bezug auf die Infrastruktur nicht ins Hintertreffen zu geraten», sagt Wyss. Dass dies auch die Bevölkerung so einschätze, habe der Grossaufmarsch an der Gemeindeversammlung im März dieses Jahres deutlich gemacht. «Dass dem Projekt und der damit einhergehenden Schliessung des Hallenbades so deutlich zugestimmt wird, habe ich natürlich schon mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen.» Schliesslich sei im Vorfeld viel Arbeit geleistet worden. Inzwischen ist das Projekt auf gutem Weg. Über 20 Planungs- und Architekturbüros haben ihr Interesse für eine Teilnahme am Projektwettbewerb bekundet.

Positive Eindrücke hinterlässt bei Wyss auch die von der Einwohnergemeinde renaturierte Raubergrube und dass es ihr die Bürgergemeinde mit der Dickbangrube gleichtat. Inzwischen bilden die beiden Gruben ein Naturschutzgebiet. «Auch in die Natur muss investiert werden, unterstreicht Wyss.

Wenn er Ende dieses Monats abtritt, tut Roger Wyss dies mit ruhigem Gewissen. «Der Gemeinderat hat in den vergangenen Jahren seine Hausaufgaben gemacht und die Gemeindeverwaltung ist heute so solide und kompetent positioniert, dass sich der neue Gemeindepräsident und die Ratsmitglieder voll auf ihre Aufgaben konzentrieren können.

Langweilig werde es ihm ohne das Gemeindepräsidentenamt nicht. «Es wird vielleicht etwas ruhiger, wenn ich meine ungewöhnlich jungfräuliche Agenda anschaue». Nun habe er auch mehr Zeit, um auf Reisen zu gehen. Dieses Jahr war er in Dubai, zuvor in Indien. Nun steht eine Reise in die baltischen Staaten an.

Primär wird sich der gelernte Malermeister aber vor allem für seinen neuen Arbeitgeber, die Emil Frey Betriebs AG in Härkingen einsetzen, wo er für den Unterhalt von Gebäuden und Infrastruktur verantwortlich zeichnet. Seine Ausbildung zum Hauswart absolvierte Wyss in den letzten Jahren berufsbegleitend. Wegen des unerwarteten Hinschieds des Schulhausabwartes musste er in diesen Beruf früher einsteigen als geplant. Dieses Ereignis hat Wyss ebenso wenig vergessen, wie den im Amt verstobenen Gemeinderat. «Das hat mich getroffen.» Nun gelte es aber den Blick wieder nach vorne zurichten. «Das Leben geht weiter.»