Welschenrohr

Abtretender Gemeindepräsident: «Hier hinten ist mir pudelwohl»

Stefan Schneider in seiner «Höhle»: Nach elf Jahren als Gemeindepräsident lässt er los. – Ganz weg vom Milizsystem ist er doch noch lange nicht. Bild: Remo Fröhlicher

Stefan Schneider in seiner «Höhle»: Nach elf Jahren als Gemeindepräsident lässt er los. – Ganz weg vom Milizsystem ist er doch noch lange nicht. Bild: Remo Fröhlicher

Die Lokalpolitik war über zwei Jahrzehnte lang Stefan Schneiders Freizeitbeschäftigung. Er blickt zurück und spricht über das Milizsystem.

22 Jahre im Gemeinderat. 11 Jahre davon als Gemeindepräsident. Stefan Schneider verschrieb sich der Lokalpolitik und liess das Milizsystem in Welschenrohr leben. Erst jetzt, wo er das Amt nach langer Nachfolge-Suche an Theres Brunner übergeben kann, tritt Schneider ab. Nur noch wenige Male wird er das Büro des Gemeindepräsidenten aufschliessen. Vergangenen Donnerstag morgen tat er dies und führte ins eingedunkelte Büro. Er blickt im Gespräch auf den hinter ihm liegenden politischen Weg zurück.


Wie ist Ihre Gefühlslage, kurz bevor Sie den Schlüssel weitergeben?
Stefan Schneider: Es sind gemischte Gefühle. Ich hatte ein gutes Team in der Verwaltung, das ich ungern zurücklasse. Doch nun habe ich wieder etwas mehr Zeit für mich selbst. Als Polizist habe ich immer 100 Prozent gearbeitet. Diese 20 Prozent habe ich in der Freizeit ausgeübt.


Gab es Sprüche im Dorf, weil ein Polizist Gemeindepräsident war?
(lacht) Nein, dazu habe ich nie etwas gehört. Die Gemeinde war froh, dass überhaupt jemand das Amt übernahm. Vor elf Jahren gingen wir noch zu zweit ins Rennen. Heutzutage ist die Aufgabe nicht mehr attraktiv. Ein Gemeindepräsident muss viel Zeit aufwenden, er steht im Schaufenster und gewissen Menschen muss er manchmal auf die Füsse trampen.


Was hat Sie motiviert, sich zu engagieren?
Das Politisieren hat mir immer gefallen. Es war eine Herausforderung: «Kann ich das überhaupt?», fragte ich mich.


Wann haben Sie das Politisieren für sich entdeckt?
Als ich vor 22 Jahren in den Gemeinderat kam, hat es mich richtig gepackt. Aber schon zuvor in der Familie, als ich klein war, diskutierten wir politische Themen.


Über Politik diskutieren und Gemeindepräsident in einem Dorf sein, sind aber zwei verschiedene Dinge.
Ja, aber die Gemeinde ist die Basis der Politik. Hier kann man ins politische Leben einsteigen. Ich hatte nie Ambitionen, Kantonsrat oder Nationalrat zu werden. Nach meinem Gefühl kann sich eine Einzelperson, je weiter oben sie wirkt, umso weniger stark einbringen.


Sie trugen also ein ausgeprägtes politisches Gewissen in sich...
...meine Gemeinde war mir einfach extrem wichtig. Damals vor elf Jahren befanden wir uns in einer Abwärtsspirale. Der Dorfladen ging zu, die Bäckerei zog weg, Arbeitsplätze gingen verloren. Es war unsere Herausforderung, diese Spirale umzudrehen. Und dies ist uns Gott sei Dank auch gelungen. Vor elf Jahren wurde nichts mehr gebaut. Wir konnten die Einwohnerzahl nun konstant halten, obwohl der Kanton davon ausging, wir würden stark schrumpfen. Auch was die Steuern betrifft, sind wir nun eine gut aufgestellte Gemeinde. Als ich vor 24 Jahren nach Welschenrohr kam, hatten wir einen Steuerfuss von 148 Prozent – heute sind wir bei 124 Prozent.


Wie gelang es, die Spirale umzudrehen?
Manchmal ist es einfach auch Glück. Wir mussten innovativ sein und unkonventionelle Wege gehen. Wir haben beispielsweise Land erschlossen. Für den Wohnungsbau suchten wir ewig nach Investoren und es gelang uns, welche zu finden. Noch in diesem Jahr sollte der Bau von zwei Mehrfamilienhäusern beginnen. Auf qualitativ gute Wohnungen sind wir angewiesen, wenn wir die Jungen hierbehalten wollen.


Sie wollten schon bei der letzten Legislatur abtreten. Jetzt klingen Sie, als wollten Sie gar nicht aufhören.
Doch, doch (lacht). Ich werde nicht jünger und die Belastung ist gross. Zudem ist alles ein wenig komplizierter geworden als Gemeinderat.


Weshalb haben Sie diesen Eindruck?
Wir sind in der Schweiz völlig überreglementiert. Es gibt immer mehr Vorschriften, die zu beachten sind. Die öffentliche Hand wird extrem träge. Die Gemeindeautonomie können Sie heute auf einen Bierdeckel oder ein Konfetti schreiben. Obwohl die Autonomie in der Verfassung garantiert ist, greifen Kanton und Bund zusehends in diese ein. In welchem Land auf dieser Kugel müssen Sie ein Baugesuch einreichen, wenn Sie ein Cheminée bauen wollen? Das ist auf Dauer zermürbend.


Trägt die Zermürbung dazu bei, dass mancher vom Milizsystem genug hat?
In meinem Fall machte es einen kleinen Teil aus. Es gab Wochen, da hatte ich jeden Abend eine Sitzung. Im Sommer sassen die Menschen oft im Garten und ich lief mit der Mappe an eine Sitzung. Auch meine Frau war als Kirchenpräsidentin sehr engagiert. Wir haben uns manchmal nur die Türklinke in die Hand gedrückt. Nun möchten wir wieder mehr Zeit miteinander geniessen. In Welschenrohr arbeiten sehr viele auswärts. Sie kehren erst spätabends heim. Dass sie dann nicht noch das Bedürfnis haben, für die Allgemeinheit zu arbeiten, kann ich verstehen.


Und doch haben Sie in der Dorfzeitung geschrieben, Sie wünschten sich, dass sich mehr Menschen einsetzen.
Dies ist wahrscheinlich ein hehrer Wunsch. Auch wenn ich vom Milizsystem überzeugt bin. Ich sagte zum Spass: Wenn sich keine Nachfolge findet, drehen wir den Wasserhahn ab. Reklamiert die Bevölkerung, sagen wir: Es tut uns leid, das Ressort ist nicht mehr besetzt. Die Arbeit des Gemeinderats wird für selbstverständlich angesehen. Das ist vielleicht auch ein Wohlstandsproblem.


Wenn Sie auf die elf Jahre schauen: Welches sind die Höhepunkte?
Dass wir das Dorfzentrum erwecken konnten, ist einer. Mit dem Tearoom, mit dem Dorfladen und einer Bäckerei. Eine Zeit lang hatten wir eine traurige Situation. Aber es gibt auch ganz kleine Dinge, die Freude machten: Wenn es auch nur das ist, Blumenkisten aufzustellen und die Gemeinde attraktiv aussehen zu lassen. Auch gelang es uns, Arbeitsplätze nach Welschenrohr zu holen. Dies wird auch in Zukunft die Herausforderung sein.


Was schwierig ist, weil Welschenrohr oft auch als eigener Kosmos gesehen wird.
(lacht) Ich höre zwischendurch, wir im Thal befänden uns in einem eigenen Raum. Wir neun Thaler Gemeinden mögen ein wenig in einem abgeschlossenen Kosmos sein. Jedoch haben wir eine sehr gute Zusammenarbeit innerhalb des Thal. Wenn man schaut, was zwischen den Gemeinden abgeht – Musterbeispiel ist der Naturpark Thal –, dann sind wir dem übrigen Kanton voraus. Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns in Zukunft verstärkt zusammentun. Welschenrohr befindet sich in Fusionsverhandlungen mit Gänsbrunnen und ich hoffe wirklich, dass wir dies hinkriegen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass einige Thaler Gemeinden eine gemeinsame Baukommission bilden.


Womit sich das neue Raumplanungsgesetz vereinfacht umsetzen liesse.
Da sind wir wieder beim Thema der Überregulierung. Ich finde es problematisch, dass der Bund alle Schweizer Gemeinden über einen Leisten schlägt. Wir haben ganz andere Bedürfnisse als eine Vorortsgemeinde von Zürich. Bei uns sprechen wir nun auch von verdichtetem Bauen. Hier hat nun mal jeder noch seinen Garten. Und wenn pro Jahr ein oder zwei «Hüsli» gebaut werden, haben wir ein gesundes Wachstum. Um uns zu entwickeln, müssen wir die Einwohnerzahl im Minimum halten können, oder leicht wachsen. Aber wir sind nicht Oensingen, das in den letzten Jahren explodiert ist. Wenn ich sehe, was im Gäu abgeht – irgendwann ist es zubetoniert. Und der Verkehr... Da ist es mir hier hinten pudelwohl.

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