Als die Leserwanderer beim Passwang-Tunnel aus dem Bus stiegen, blickten sie an eine mächtige Felswand. Peter Brotschi rieb sich erfreut die Hände, sein Urteil hatte er da längst gefällt. «In Mümliswil ist die Welt noch in Ordnung», sagte der Solothurner Kantonsratspräsident. Urchige Beizen, kleine Lädeli und ein florierendes Vereinsleben – das sind für Brotschi die Erfolgsfaktoren eines intakten Dorflebens.

Die erste Leserwanderung im Kanton Solothurn war gleichzeitig die einzige Wanderung dieser Saison, die sich allein auf dem Territorium einer Gemeinde zuspielte.

9,5 Kilometer auf Mümliswiler Boden. Und doch, auch dieser Tag lag fest in Aargauer Händen. Mehr als die Hälfte der 75 Wanderer waren aus dem Rüebliland in den Naturpark Thal gereist. Ein Föhnfenster hielt den Regen in Schach und machte Leserwanderer fröhlich.

Wer braucht schon die Alpen?

Los gings, vorbei an spielzeughaften Kühen und einer Wirtschaft mit krähendem Hahn. Die Wanderer waren kaum die steile Strasse hochgestiegen und zum Höhenweg abgebogen, als Wanderführer Stefan Müller-Altermatt einen Halt einlegte. Der CVP-Nationalrat gehörte einst zu den Initianten des Naturparks, nun präsentierte er den Leserwanderern alpine Pflanzen, die im Umkreis von 150 Kilometern einzig hier gedeihen. Auf dem Kretenweg zum Oberen Passwang behaupten sie sich unter – sanft ausgedrückt – speziellen Bedingungen.

Hier gibt es keinen Schutz vor beissender Sonne und eisiger Kälte, hier kann kein Tröpfchen Wasser vom Boden aufgesogen werden. Die Krete kann sich, wenn Wind und Regen um die Ecken pfeifen, ziemlich unwirtlich präsentieren. Säumer waren in früheren Jahrhunderten manchen Gefahren ausgesetzt. Heute ist der Weg gefahrenlos begehbar. Trotzdem: jeder Schritt verlangte Konzentration von den Leserwanderern.

Es ging nur langsam voran, dafür wurden die Wanderer von einer wunderbaren Aussicht belohnt. Bei günstigem Wetter reiche die Sicht sogar bis zu den Alpen, erklärte Wanderführer Müller-Altermatt. Wie dem auch sei. Eine Lenzburgerin erklärte die Wanderung kurzerhand zu ihrer Lieblingsroute. «Diese Gegend ist lieblich und gut erschlossen – warum brauchen Sie da noch die Alpen?»

Saurer Most und kühles Bier

Auch für Naturfreunde blieb die Wanderung ein Höhepunkt: Auf dem Felsweg hinunter zum Berggasthaus Obere Wechten treffen harte und weiche Gesteinsarten aufeinander. Minuten später auf der Terrasse der Oberen Wechten: Die Wanderer bissen in butterweiche Nussgipfel. Manche genehmigten sich einen sauren Most, andere ein kühles Bier oder einen Stumpen.

Gestärkt und glücklich ging es dann die alte Passwangstrasse geradewegs hinunter nach Mümliswil, auf schlammigem Untergrund und entlang dichter Wälder. Und wo lässt man eine Wanderung «Mümliswiler Art» standesgemäss ausklingen? Im Museum «Haar und Kamm». Dort, wo einst eine Kammfabrik stand, befindet sich das einzige Museum im deutschsprachigen Raum, das sich mit Kämmen und Frisurkunst befasst.