Traditionssport
400 Waffenläufe und noch nicht am Ziel

Die Blütezeit der Waffenläufe ist vorbei, doch der «Frauenfelder» gilt noch immer als wichtigste Veranstaltung dieser Sportart. Und der Oensinger Toni Fluri hat seit 44 Jahren keinen Lauf ausgelassen.

Raphael Wermelinger
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Den ersten Lauf hat Toni Fluri kurz nach der Rekrutenschule absolviert. Hier ist er bei seinem 300. Waffenlauf im Jahre 2001 in Freiburg zu sehen. Fotos: zvg

Den ersten Lauf hat Toni Fluri kurz nach der Rekrutenschule absolviert. Hier ist er bei seinem 300. Waffenlauf im Jahre 2001 in Freiburg zu sehen. Fotos: zvg

Vor exakt zwei Wochen stellte Toni Fluri einen unglaublichen Rekord auf: Der 63-jährige Oensinger absolvierte seinen 44. Frauenfelder in Serie und seinen 400. Waffenlauf insgesamt. Total nahm er in seiner Karriere an 1115 Läufen teil, und im April des vergangenen Jahres legte er seinen 100 000. Wettkampf- und Trainingskilometer zurück. Laufen sei für ihn so selbstverständlich wie die Arbeit. «Beim Joggen kommen mir die besten Ideen», sagt Fluri, «ich kann wunderbar abschalten und an den unterschiedlichsten Sachen herumstudieren.»

Erster Lauf nach der RS

Obwohl es 43 Jahre her ist, sind die Erinnerungen an seinen ersten Waffenlauf, den Frauenfelder des Jahres 1971, heute noch sehr präsent: «Das war eine Woche nach der Rekrutenschule. Ich habe 5 Stunden und 29 Minuten gebraucht – bis heute ist dies meine schlechteste Zeit am Frauenfelder.» Inspiriert wurde er durch seinen ehemaligen Sekundarlehrer.

Was der kann, könne er auch, habe er sich gedacht. «Wir bekamen immer frei, wenn der Lehrer an den Bieler 100-Kilometer-Lauf ging», nennt er eine weitere positive Assoziation. «Und mit ihm haben wir zudem einmal im Jahr eine Nachtwanderung unternommen», fügt Fluri an, «einmal haben wir den ganzen Wiedlisbacher, das ist eine Strecke von dreissig Kilometern, zurückgelegt. Das war ein Erlebnis.»

Weniger Blasen

Toni Fluri hat während der über vierzig Jahre die Veränderungen des Waffenlaufsports hautnah miterlebt. Die angenehmen: Liefen die Teilnehmer früher noch im Tenü Grün, in den Ordonnanzschuhen und mit Bajonett sowie Munitionstasche beladen, wurde das Gewicht in den 90er-Jahren von 7,5 auf 6,2 Kilogramm verringert. Ausserdem sind mittlerweile Turnschuhe und Kämpfer erlaubt.

Die Zeiten, als sich die Läufer regelmässig wundscheuerten, offene Rücken und Blasen beklagten, sind vorbei. Die weniger schöne Veränderung ist die drastisch gesunkene Popularität des Sports. Früher waren am Frauenfelder noch weit über 1000 Läufer am Start, heute nur noch knapp ein Fünftel davon. Und während in der Blütezeit praktisch an jedem Wochenende ein Lauf stattfand, sind es heute nur noch sehr wenige. «Diese Entwicklung ist normal», konstatiert Fluri nüchtern, «zum Beispiel gibt es auch beim Schiessen einen riesigen Teilnehmerschwund. Es gibt heute sehr viele Sportarten und viel mehr Angebote.» Der Entwicklung kann der dreifache Familienvater aber auch Positives abgewinnen: «Der Sport ist dadurch familiärer geworden. Die Teilnehmer gönnen einander die Leistungen.»

Er läuft auch Marathon

Richtig grosse Siege konnte Fluri in seiner Karriere während langer Zeit nicht feiern. Erst in den vergangenen drei Jahren schaffte er es in der Ü60-Kategorie 13-mal aufs Podest. Dreimal stand er ganz zuoberst; der schönste Triumph war der Sieg am Frauenfelder vor drei Jahren. Das ist für ihn aber auch gar nicht wichtig, denn: «Ich will lieber nie gewinnen und dafür mit sechzig Jahren noch laufen können – das war von Anfang an meine Einstellung.» So hat sich denn auch sein Pensum bis heute nicht verringert. Noch immer kommt er auf 250 Kilometer im Monat, jeder Einzelne wird akribisch festgehalten. Und Fluri hat auch noch einige Meilensteine, die er erreichen will.

Nebst dem 50. Frauenfelder, der absolute Priorität geniesst, reizen ihn die Marathons von Boston und London – in New York, Berlin, Paris und an vielen anderen Grossstadt-Läufen war er schon dabei. Im nächsten Februar wird er erstmals in Tokio an den Start gehen. «Für alles andere bleibt noch genug Zeit», so der 63-Jährige.