Oensingen

29 Jahre totales Engagement: Oensinger Brunnenmeister geht in Pension

Brunnenmeister Roland Straub beim Spühlen eines Hydranten.

Brunnenmeister Roland Straub beim Spühlen eines Hydranten.

Nach fast drei Jahrzehnten im Amt geht der Oensinger Brunnenmeister in Pension. Den Beruf hat Roland Straub stets voller Stolz ausgeführt.

Er ist direkt. Etwas frech. Aber stets korrekt und sehr selbstbewusst. Das gehöre ein wenig zum Beruf, wie er behauptet: Seit 29 Jahren ist er in Verantwortung des wertvollsten Guts in Oensingen und war 20 davon gleichzeitig Standchef des wohl wichtigsten Anlasses der Gemeinde, des Zibelimärets. Alle drei Jahre beteiligt er sich ausserdem am Feuerwerksspektakel am nächtlichen Himmel als Mitglied des Ravellenclubs. Er ist zwar kein ursprünglicher Oensinger. Als Balsthaler kennt er die Gäuer Gemeinde jedoch besser als manch ein anderer: Er weiss, wo ihre Lebensadern, die Wasserleitungen verlaufen. Neben seinem anspruchsvollen und zeitintensiven Amt als Brunnenmeister sei ihm in all den Jahren jedoch nicht viel Freizeit geblieben. Umso mehr freut sich der 64-Jährige daher auf seine Pensionierung am 27. November.

Brunnenmeister Roland Straub lädt zum Gespräch über seine vergangene Berufszeit in sein Büro ein: Seit 29 Jahren teilt er diesen kleinen Raum im Werkhof Oensingen mit seinem Vorgesetzten. Auf seinem Pult leuchtet der Bildschirm eines modernen Rechners, wie er ihn zu nennen pflegt. «Als ich hier angefangen habe, hatten wir nur elektronische Schreibmaschinen», sagt er ein wenig stolz. Stolz auf die Digitalisierung, die er miterleben und umsetzen durfte. Der damals 35-Jährige hat nämlich die gesamte Entwicklung vom Pager bis zum modernen Smartphone mitgemacht. «Ich war damals bereits in einem gewissen Alter und musste mit der Zeit gehen.» 1990 stieg er als gelernter Mechaniker in den Brunnenmeister-Job ein: Nach seiner Lehre bei der Von Roll in Balsthal habe er lange Zeit als Unterhaltsmechaniker bei der Tela in Niederbipp gearbeitet und «einfach etwas ganz anderes machen wollen.» Was ein Brunnenmeister den ganzen Tag so umtrieb, wusste er damals nicht.

Den abwechslungsreichen Alltag und die mehreren Dutzend Tätigkeitsbereiche, die ein Brunnenmeister übernehmen muss, findet er heute reizvoll. «Man versucht, eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen und ist relativ selbstständig», sagt er. «Ich fahre daher im Werkhof mein eigenes Züglein.» Was für andere eine eher einsame Tätigkeit ist, gefällt Straub. «Ich arbeite gerne alleine - ich bin ein Einzelgänger.»

Mit 52 Jahren die Berufsprüfung abgelegt

Roland Straub scheint, vor 29 Jahren seinen Traumjob gefunden zu haben. Dabei hatte der 35-Jährige damals noch keine sanitäre Ausbildung, sondern lediglich Weiterbildungen in diesem Bereich besucht. Den Lehrgang für den eidgenössischen Fachausweis gab es damals noch nicht. Als dieser eingeführt wurde, sah sich Straub mit 52 Jahren noch gezwungen, die Ausbildung nachzuholen. Unter anderem auch auf Verlangen der Gemeinde. «Das war eine happige Sache», gibt der gestandene Mann zu. 16 Fächer, darunter Algebra und Chemie habe er beherrschen müssen. Mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel: Eine starke Leistung. Aber auch die einzige Alternative. Denn: Eine Umorientierung wäre für den eingefleischten und stolzen Brunnenmeister nicht infrage gekommen. «Ich hänge zu sehr an diesem Beruf.»

Trotz seiner Höhen und Tiefen. Trotz der vielen Überstunden im Pikettdienst, an Weihnachten und an anderen Feiertagen. «Ich nehme das Telefon immer ab», sagt er. Auch wenn er nicht müsse. Einfach sei das nicht immer gewesen. Denn auch die Familie habe an den nächtlichen Anrufen gelitten. Es sei für ihn aber eine Sache des Pflichtbewusstseins. «Schliesslich zahlen mir die Einwohner von Oensingen den Lohn. Ich habe über 6000 Chefs.»

Hohe Erwartungen an seinen Nachfolger

Er will seinem Nachfolger, dieses Pflichtbewusstsein weitergeben. Seit einem Jahr werde dieser bereits eingearbeitet, der junge Mann mit einer Berufsbildung in der Forstwirtschaft. Straub verlangt grosses Fachwissen und Schlagfertigkeit von ihm. «Wir arbeiten mit dem wichtigsten Lebensmittel der Welt und dementsprechend müssen wir auch auftreten können», sagt er. «Er muss einfach die Augen und Ohren offen halten und sich zu Herzen nehmen, was ich ihm erzähle.»

Es scheint, als sei Straub froh darüber, sein Amt ablegen zu können. Der Stress der vergangenen Jahre ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Er wiederholt zwar, dass er den Job nach wie vor liebend gerne macht, doch seine Augen strahlen beim Gedanken an die Pensionierung. «Ich freue mich darauf. Mir wird nichts fehlen.» Sein Camper warte bereits darauf, gebraucht zu werden.

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