Dienstagmorgen 7.30 Uhr: Peter Flückiger, Leiter des Naturmuseums Olten, erhält einen Wink. Traxführer Andy Wirz hat einen Mammutstosszahn gefunden. Wahrscheinlich über 20 000 Jahre lag er dort, begraben unter mehreren Metern Gestein. Am Montag erblickte der Zahn nun wieder das Tageslicht.

Für Finder Wirz ist es bereits das dritte Mal, dass er ein Relikt aus uralten Zeiten findet. Als erstes der Schienbeinknochen eines Kleinpferdchens, vor zwei Jahren dann ein Oberarmknochen eines Wollnashorns. Und nun also die Überreste eines Mammuts.
«Ich habe vom Bagger aus nur die obere Rundung des Stosszahns gesehen und dachte, von der Struktur her kann das kein Stein sein», schildert Wirz seinen Fund.

Er stieg daraufhin aus, barg den Stosszahn, wusch ihn und brachte ihn zu seinem Chef ins Büro. «Ich habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass da wohl noch ein Stück mehr rumliegt, die Abbruchstelle sah noch ganz neu aus», rekapituliert Rolf Wyss, Betriebsleiter der Wyss Kies+Beton AG, welche in der Härkinger Grube Tagebau betreibt. Und tatsächlich: Auch der vordere Teil des Zahnes kam im Kies zum Vorschein.

Interview mit Andy Wirz, dem Finder des Mammutstosszahns

Interview mit Andy Wirz, dem Finder des Mammutstosszahns

Kurzes Interview mit dem Finder des Mammutstosszahns in Härkingen.

Kein prähistorischer Geruch

Bei der Ankunft von Peter Flückiger liegt der Stosszahn in nasse Tücher eingewickelt im Büro von Wyss. Austrocknen darf der Zahn nur sehr langsam, sonst wird er spröde und könnte zerbersten.

Die Begeisterung bei Flückiger ob dem Fund ist spürbar und auch der extra mit ins Boot geholte Eiszeit-Geologe Christian Gnägi scheint sichtlich gespannt. Er erhofft sich durch den Fundort neue Erkenntnisse über den Gletscherverlauf während der letzten Eiszeit.

Eine kurze Fahrt in den südwestlichen Teil der Grube, der Stosszahn wird noch mal an seine Grabstätte zurückgebracht. Das abgebrochene Stück liegt schwer in der Hand, gut ein Kilo dürfte es wiegen. Reinstes Weiss ist an der Abbruchkante ersichtlich: Elfenbeinjäger hätten sich vor 20 000 Jahren gefreut über die Qualität.

Die Versuchung daran zu riechen, ist nur kurz aufzuhalten. Doch die Nase wird enttäuscht: Keine unbekannten prähistorischen Gerüche gehen von dem kleinen Stück aus. Kurz darauf beim Fundort: Andy Wirz steigt aus seinem Bagger aus, auch für ihn ein spezieller Tag.

Gut fünf Meter hoch baut sich die Kiesgrube vor uns auf, Wirz zeigt auf die Fundstelle, etwa drei Meter unterhalb des Waldbodens. Die feinen Gesteinsschichten im Wechsel, die den horizontalen Abbruch prägen, sind für das nicht geschulte Auge nur auf den zweiten Blick sichtbar. Daraus noch einen verschmutzten und darum von der Farbe her kaum zu unterscheidenden Mammutstosszahn herauszusehen; praktisch undenkbar. «Ich bin jetzt 17 Jahre hier, spezielles Gestein und auch Fremdkörper erkenne ich auch aus dem Bagger problemlos», so Andy Wirz.

Wohl 20 000 Jahre alt

Die verschiedenen Gesteinsschichten zeigen kein organisches Material wie etwa Torf, wie Eiszeit-Geologe Gnägi sich erhoffte. Doch Rückschlüsse kann er trotzdem ziehen: «Wir haben hier verschiedene Mulden und Rinnen, die ausgespült wurden und dann mit anderem Material im Laufe der Zeit wieder aufgefüllt wurden», erklärt Gnägi.

Dies könnte darauf hindeuten, dass vor gut 10 000 Jahren unter den damaligen klimatischen Bedingungen Permafrost herrschte. Noch weiter zurück lässt sich durch die Datierung der bisherigen Funde in der Region blicken.

So wurde etwa das Wollnashorn mittels Radiokarbonmethode auf 20 000 Jahre geschätzt. In derselben Schotterschicht lag nun auch der Stosszahn. Das gehe wohl nur, wenn in dieser Zeit die Vergletscherung bis auf das Gebiet von Niederbipp reichte, erklärt Gnägi.

Das genaue Alter des Stosszahnes muss nun ermittelt werden, doch zuerst wird der Fund langsam ausgetrocknet. Dafür nimmt Peter Flückiger den Stosszahn mit ins Atelier der Gebrüder Imhof in Trimbach. Ein schöner Zahn sei es, lässt Thomas Imhof bei der Ankunft verlauten.

Doch wie weiter, dass er auch in Zukunft so erhalten bleibt? «Ich werde den Stosszahn mit einer Schnur umwickeln, damit er sich beim Trocknen nicht spaltet», erklärt Thomas Imhof. Das Trocknen dürfte sich über ein bis zwei Monat hinziehen. Kurz unterbrochen durch die Radiokarbondatierung am Mittwoch in einer Woche.

Danach wird der Zahn zusammengeleimt und speziell behandelt, damit er auch die nächsten Jahre überlebt. Vielleicht nicht mehr ganze 20 000, aber sicherlich genug lange, um Generationen für die Urzeit zu faszinieren.