Nationalfeiertag
«Swiss at Heart»: Wie Auslandschweizer in Kanada 1. August feiern

Der Nationalfeiertag ist nicht nur hierzulande wichtig. Auch im grossen Kanada treffen sich Auslandschweizer, um auf die kleine alte Heimat anzustossen, darunter einige Exil-Solothurner.

Julian Perrenoud
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Der Hubersdorfer Martin Zuber (l.) ist vor 46 Jahren nach Kanada ausgewandert. Mit seiner Familie feiert er den Nationalfeiertag in Milton.

Der Hubersdorfer Martin Zuber (l.) ist vor 46 Jahren nach Kanada ausgewandert. Mit seiner Familie feiert er den Nationalfeiertag in Milton.

Julian Perrenoud

Unscheinbar steckt das Schweizerkreuz mit schwarzem Pfeil am Strassenschild, wie das Zeichen einer geheimen Organisation. Hier, in den Ausläufern der Metropolitanregion Toronto, wo sich die Natur mit Wald und Wiese zurückholt, was ihr im Osten achtspurige Autobahnen und riesige Shopping-Malls genommen haben, wird die Schweiz im Kleinen jedes Jahr gross gefeiert. Der 1. August ist da. Grund genug für den in der Provinz Ontario ansässigen Swiss Club Toronto, seine verstreute Herde zusammenzurufen, um der eigenen Wurzeln zu gedenken.

Unberührte Natur, riesige Agrarflächen und neue Berufsaussichten haben in den 1960er- und 70er-Jahren Schweizerinnen und Schweizer in Scharen über den Atlantik gelockt. In Kanada haben sie sich niedergelassen, haben Familien gegründet – und sind bis heute geblieben. Fast 40000 Schweizer leben im flächenmässig zweitgrössten Land der Welt, vor allem in den Regionen Vancouver, Toronto und Montreal. Sie haben die englische Sprache und nordamerikanische Kultur übernommen. Aber tief im Herzen sind sie dennoch Schweizer geblieben.

Die extra eingeflogene Appenzeller Familienkapelle Knechtle bittet zum Tanz.

Die extra eingeflogene Appenzeller Familienkapelle Knechtle bittet zum Tanz.

Julian Perrenoud

Idealer könnte der Country Heritage Park in Milton nicht sein für die diesjährige Nationalfeier. Auf dem Land im Grünen, die Lokalität eine zweistöckige, alte Scheune mit viel Platz. Der Vorstand und einige Helfer des Swiss Clubs haben ganze Arbeit geleistet: Kalbs- und Schweinsbratwürste zischen auf dem Grill, Züri-Gschnätzlets, Cervelat-Salat und Nussgipfel warten auf hungrige Mäuler. Schweizer Fahnen und Kantonswappen schmücken den bestuhlten Raum. Ramseier-Most und kanadisches Bier stehen für durstige Kehlen bereit. Die Sonne brennt vom Himmel. Ein perfekter Tag.

Mehr und mehr Besucherinnen und Besucher bevölkern die Festbänke, decken sich mit Import-Schlemmereien wie Basler Läckerli, Appenzeller Biberli oder Kägi-Frett ein. Martin Zuber sitzt mit seiner Familie im Schatten eines Baumes. Seit 46 Jahren ist er nun schon in Kanada. Früh ist der Werkzeugmacher aus Hubersdorf nach Westen gezogen, die wirtschaftlichen Zeiten waren rosig, das Land lechzte nach Arbeitskräften aus dem Ausland. Zwei Tage nach seiner Ankunft hatte Zuber bereits einen Job. Schliesslich heiratete er, seine deutsche Frau gebar ihm Tochter und Sohn. Mittlerweile ist der 69-Jährige Grossvater geworden. Mit beiden Enkelkindern spricht er so oft wie möglich Schweizerdeutsch – doch oft fällt er ins Englische zurück.

Auf Besuch in der Schweiz haben Zuber die Berge weniger imponiert als erwartet. «Zurück in Kanada musste ich aber zugeben: Gopferdecku, die Bärge si glich no schön gsi!» Zuber kennt fünf weitere Solothurner, die nach Kanada gezogen sind. Und natürlich sein jüngerer Bruder Franz, der zehn Jahre nach ihm ebenfalls die Koffer für Nordamerika gepackt hat. Gedrängt habe er ihn nicht. Franz Zuber, verschmitztes Gesicht am anderen Ende des Tisches, widerspricht. «Überschnuret» worden sei er, schliesslich habe sein Bruder ihm hier einen Job offeriert.

Der Festakt erreicht seinen Höhepunkt. Das Trillium Alphorn-Trio lässt die Wände der Scheune vibrieren, der Präsident des Swiss Club Toronto, Sascha Frassini, begrüsst die Gäste. In der ersten Reihe sitzt Peter Stäheli, Schweizer Vizekonsul in Montreal. Die Grussbotschaft von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ertönt als Audioaufnahme, andächtig singen die Anwesenden die Nationalhymnen der Schweiz und Kanadas. Danach bittet die extra aus dem Appenzell eingeflogene Familienkapelle Knechtle mit Handörgeli, Bassgeige und Hackbrett zum Tanz.

Draussen geniesst Peter Jäggi die Sonne. Ein zweijähriger Auslandaufenthalt sollte es werden, dann 1972 weiter nach Sapporo an die Olympischen Spiele und wieder zurück in die Schweiz. So sein Plan. «Doch dann kamen die Frauen ins Spiel», sagt der ehemalige Härkinger und lacht. Wohlwissend, dass er mit seiner Geschichte nicht der Einzige ist.

Obwohl im letzten Jahrhundert viele Schweizer in Kanada sesshaft geworden sind, ist die Destination heute längst nicht mehr im Trend. Die kanadische Währung schwächelt, die Wirtschaft schleppt sich nur langsam vorwärts. Das Einwanderungsland versucht, Immigrationsströme aus Asien, Osteuropa und Südamerika sowie Übervölkerung in Städten und Agglomerationen zu schultern. Alleine in Toronto leben heute 50 Prozent Ausländer – Tendenz steigend. Eine gemeinsame Identität, ein ökonomisches und soziales Ziel definieren: schwierig.

Von den Auslandschweizern sind viele bereits im Rentenalter, zweiter oder dritter Generation, denken und handeln kanadisch. Für einen Tag aber streifen sich alle das rote Hemd mit dem weissen Kreuz über und singen die Hymne. Happy Birthday, Switzerland.

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