Gleichzeitig steht die Uhr für den Umbau der kartellisierten Schweizerischen Uhrenindustrie zum freien Unternehmertum. In diesem Prozess, der von 1978 bis 1985 dauerte, ist die ETA Grenchen unter der Aegide von Ernst Thomke führend beteiligt.

Oft fehlt heute allerdings das allgemeine Bewusstsein, dass Grenchen der Ursprungsort der Swatch ist. Auch wer in einschlägigen Büchern nachblättert, trifft nicht immer auf Grenchen als Ursprungsort. In Anlehnung an die Weltausstellung 1992 kann man sagen: «Grenchen n`existe pas.» Im folgenden einige Beispiele.

60000 verloren zuvor ihre Stelle

«Verwöhnt durch jahrhundertelange Vorherrschaft, vernachlässigte man die Forschung und verschlief die Elektronik», steht im 1995 in München erschienenen Erinnerungsbuch «Schweiz» im Kapitel «Von der Turmuhr zur Swatch» zu lesen. «Zwischen 1970 und 1984 verloren 60000 von 90000 Beschäftigten in der Uhrenindustrie ihren Job, von 1600 Betrieben blieben noch 632 übrig. Im unteren Preissegment trug die 1983 lancierte Swatch Quarzuhr entscheidend zu dieser Erholung bei», hält das Buch fest. Von den fünf wichtigsten Uhrenstädten der Schweiz werden im Buch vier erwähnt (La Chaux-de-Fonds, Le Locle, St. Imier, Biel). Eine fehlt: Grenchen.

Nicht anders in Jean-François Bergiers Abschnitt zum «Wunder der Swatch», der im Buch «Die Schweizerische Wirtschaft. Geschichte in drei Akten» erschienen ist. Bergier, der als Vorsitzender der sogenannten «Bergier-Kommission» das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte, schildert, wie die schweizerischen Uhrenfabrikanten der 1967 im Centre Horloger in Neuenburg erfundenen, ersten elektronischen Uhr der Welt, die kalte Schulter zeigten. Beinahe hätten sie den Markt an die japanische Konkurrenz verloren. «Jedenfalls versetzte die Krise 1972/73 bis 1985 der Industrie entlang des Juras fast den Todesstoss. Dieser wäre wohl kaum ausgeblieben ohne das Wunder der Swatch.» Grenchen und den Namen der ETA sucht man vergeblich.

Reduktion auf Marketingkonzept

In seiner 2010 erschienenen, sehr gerafften Darstellung «Histoire de l’Industrie Horlogère en Suisse de Jacques David à Nicolas G. Hayek» schildert Pierre Yves Donzé auf fünf Seiten die Schwierigkeiten der SSIH und der Asuag zwischen 1974 und 1985 und wie aus deren Fusion die Swatch entstand. In einer einzigen Zeile hält Donzé fest, dass heute die Tätigkeiten der Ebauches SA in der ETA konzentriert sind. Doch der Hinweis auf den Entstehungsort der Swatch fehlt. Denn Donzé reduziert die berühmte Grenchner Uhr auf ihr geniales Marketingkonzept, ohne jedoch dessen Urheber zu erwähnen. Von den Akteuren dieser turbulenten Zeit erwähnt Donzé nur zwei Namen: den des Zürcher UBS-Bankers Gross und siebenmal den Namen von Nicolas G. Hayek.

Hayek dominiert

Im Buch «Schweizerische Erinnerungsorte» des Basler Professors Georg Kreis wird die Swatch als «eine von einem Ausländer initiierte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte in Krisenzeiten» vorgestellt. Kreis schildert zuerst, wie die 1963 gegründete Hayek Engineering zu Beginn der 1980-er Jahre beigezogen wurde zwecks Abklärung der Überlebenschancen der beiden grössten Uhrenhersteller ASUAG und SSIH. «Aus den Konsultationen der Beraterfirma ging mit Beteiligung des Beraters 1983 die Société Suisse de Microélectronique et de l’Horlogerie (SMH) hervor. Deren Erfolgsgeheimnis bestand unter anderem darin, dass die Komponenten der Swatch-Uhr von 151 Einzelteilen auf 51 genormte Teile verringert, der Mechanismus in einen vorgestanzten Plastikkörper eingeschweisst und ein Preis von 80 bis 100 Franken anvisiert wurden», schreibt Kreis.

Wie bei Victorinox und Toblerone sei Swatch ein Name, «den man erklären will und erklären kann: Zunächst hiess die Uhr «Second Watch», dann «Swiss Watch», dann «S-Watch» und schliesslich «Swatch». Zu Nicolas G. Hayek führt Kreis aus: «Von den andern schweizerischen Industriellen allerdings nur bedingt anerkannt, ist Hayek nicht zuletzt wegen seines Erfolges derart eingeschweizert, dass er als schweizerischer Idealunternehmer gilt, von dem die Medien gerne Ratschläge einholen und der mindestens so gerne diese Ratschläge erteilt.»

Dass Nicolas G. Hayek für den Erhalt der Schweizer Uhrenindustrie Grossartiges geleistet hat, ist anerkannt. Bedauernswert aber, dass die Leser von Kreis’ Buch nie etwas über den Ursprungsort der Swatch und ihre führenden Männer vernehmen. Um etwas von der ETA oder Grenchen zu erfahren, gibt Kreis lediglich einige Bücher an, unter anderem eine Biografie von Jürg Wegelin über Nicolas G.Hayek und «Gespräche mit Nicolas G.Hayek» von Friedemann Bartu.

Zum 700-Jahr-Jubiläum des Bestehens der Schweiz erschien im Verlag des Uhrenmuseums La Chaux-de-Fonds das Buch «Der Mensch und die Zeit, Die Schweiz 1291-1991.» Eine Vielzahl von Autoren ist beteiligt.

Die Autorin A. Winter bietet in ihrer Darstellung zuerst eine Abhandlung über die Entwicklung der verschiedenen mechanischen Armbanduhren, auch die Swatch wird auf eineinhalb Seiten gewürdigt. «Zwischen 1979-1982 erfinden und entwickeln die Ingenieure Jacques Müller und Elmar Mock sowie die Designer Marlyse Schmid und Bernhard Müller mit Unterstützung von SMH Direktor Ernst Thomke das, was sich in eine Uhrenbombe wandelt, die im Herbst 1982 explodiert». Leider unterlaufen der Autorin Fehler: Hans Zaugg, Derendingen, war der erste Designer der Swatch, die genannten Personen sind seine Nachfolger. Der Name SMH bezeichnet den 1985 aus der Fusion der Asuag und der SSIH von Nicolas G. Hayek gegründeten Nachfolgekonzern. Der Name «ETA» kommt nicht vor. Von den Uhrenorten werden La Chaux-de-Fonds, Le Locle, Neuenburg und Hölstein erwähnt. Welcher Ort nicht genannt wird, ist, vor allem für Grenchner Leser, leicht zu erraten.

Biel drängt sich auf

Weshalb ist so wenig von Grenchen in der Swatch-Geschichte die Rede? Woher das verzerrte Geschichtsbild kommen könnte, dazu lieferte die Wochenzeitung «Biel-Bienne» bereits im Herbst 1992 erste Anzeichen. «Inzwischen ist die Swatch weltweit so bekannt wie Coca Cola, Sony und Mc Donalds. Und wenn auch die meist verkaufte Uhr der Welt in Grenchen hergestellt wird – ihr Hauptsitz befindet sich in Biel, die Strategien entstehen hier in Biel, Swatch ist eine Bieler Uhr, Swatch ist Biel und Biel ist Swatch. So chauvinistisch dürfen wir sein», schrieb das Blatt am 30. September 1992. Und fährt fort: «Müsste man nicht auf allen Tourismus-Plakaten, in allen Inseraten, auf Biels Briefpapier und auf den Pins der Gemeinde- und der Stadträte immer wieder lesen: «Biel – Stadt der Swatch»? Und müsste sich Stapi Stöckli vor schweren Entscheiden nicht immer wieder Mut zusprechen mit dem Satz: Ich swatche – also bin ich?»