Spätestens seit der Teilliberalisierung des Strommarktes auf Anfang 2009 sind die Strompreise in aller Munde. Damals schossen die Tarife teilweise massiv in die Höhe. Und heute? Ein Blick auf den Internet-Stromrechner zeigt Interessantes auf.

Wie bei den Krankenkassenprämien warten die Haushalte nun jeweils im Herbst darauf, ob und in welchem Ausmass die Preise für die Energie auf das kommende Jahr hin steigen. Da rühmen sich einzelne Stromversorger, die Tarife zu senken oder zu stabilisieren oder geben eher kleinlaut zu, dass sie erneut steigen.

Aussagekräftiger als die Angaben über die Veränderungen ist aber, was der einzelne Konsument unter dem Strich für die Kilowattstunde Strom berappen muss. Dazu hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) einen Internet-Stromrechner aufgeschaltet. Da können alle ihre Wohngemeinden eingeben und das zutreffende Verbrauchsprofil wählen und schon weiss er, wie viel ihn eine Kilowattstunde gesamthaft kostet. Die Angaben sind nicht etwa zufällig, sondern basieren auf den Daten der einzelnen Stromversorger.

Gewaltige Unterschiede

Der Stromrechner zeigt, dass die Preise innerhalb der Gemeinden stark variieren. Den günstigsten Strom im Kanton für eine vierköpfige Familie in einer 5-Zimmer-Wohnung mit Elektroherd und Tumbler und mit einem jährlichen Verbrauch von 4500 Kilowattstunden – das Verbrauchsprofil H4 – gibt es in Neuendorf. Dort wird eine Kilowattstunde ab Anfang 2011 genau 15,61 Rappen kosten. Am teuersten ist die elektrische Energie mit 25,01 Rappen in Grenchen. Dies entspricht einer Differenz von 60 Prozent (siehe Tabelle). In den meisten Gemeinden liegen die Tarife relativ nahe beim kantonsweiten Durchschnitt von 22,86 Rappen.

Die happigen Preisunterschiede sind nicht einfach zu erklären. Einige Versuche. Zum Beispiel bestreitet Per Just, Direktor der SWG Grenchen, zwar nicht, dass Grenchen – basierend auf dem Verbrauchsprofil H4 – den höchsten Strom-Gesamtpreis ausweist. Dieses Profil sei aber für Grenchen nicht sehr relevant. Die Haushalte in Grenchen, die jährlich 4500 oder mehr Kilowattstunden Strom verbrauchten, würden über den Doppeltarif abgerechnet, also Tages- und Nachtstrom und nicht wie im Elcom-Modell über den Einheitstarif. «Und da liegt die SWG ungefähr im Durchschnitt», sagt Just. Ins gleiche Horn bläst Peter Kofmel, Leiter der Energieversorgung Biberist (EVB). «Die Elcom-Berechnungen basieren auf einem Standardprofil, welches nicht mit dem EVB-Profil übereinstimmt», hat er schon wiederholt erklärt. Der Anteil des günstigeren Niedertarifstroms sei in Biberist viel höher als im Elcom-Modell.

Preisvergleich zeigt Tendenzen

Diese Argumentation ist nicht ganz stichhaltig, weil das Elcom-Verbrauchsprofil auf keine Gemeinde exakt zutrifft, und deshalb gleichwohl Tendenzen aufzeigt. Per Just sagt denn auch, dass für den grossflächigen Vergleich eines so komplex zusammengesetzten Preises einige Parameter gesetzt werden müssten; auf die Gefahr hin, dass diese nicht für alle zutreffen.

Der SWG-Chef bringt noch einen grenchenspezifischen Grund für die Preisdifferenzen ins Spiel. Die Uhrenstadt weise einen hohen Anteil von Industriekunden auf, was sich indirekt auch auf die Preise für die Haushalte auswirke. Die gelieferte Jahresmenge sei rezessionsbedingt deutlich zurückgegangen, die Netzkosten dagegen seien mehr oder weniger stabil. «Dadurch steigen für den Einzelnen die durchschnittlichen ‹Transportkosten›.» Die SWG versuchten zwar, die Folgen für die Haushalte möglichst gering zu halten. «Aber diesem Mechanismus können wir uns nicht entziehen.»

Versorgungsnetz entscheidend

Ein weiterer Faktor ist das Versorgungsnetz, wie es bei der AEK Solothurn AG heisst, die sehr viele Gemeinden mit Strom versorgt. «Wir haben im Vergleich zu vielen anderen Netzbetreibern ein weitverzweigtes Netz, beispielsweise bis zur Belieferung des Weissensteins», erläutert AEK-Sprecherin Pia Daumüller. Das sei entsprechend kostenintensiver als ein eng begrenztes Netz. «Wir investieren jährlich über 10 Millionen Franken in das AEK-Netz, um eine hohe Versorgungssicherheit zu gewährleisten.»

Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass vorab kleinere Gemeinden mit eigenen Netzen zu den «Günstigen» zählen. Hinzu kommt, dass Gemeindewerke in der Regel über sehr schlanke Strukturen verfügen. So arbeitet etwa die Elektra Neuendorf mit einem Globalbudget und einer Leistungsvereinbarung und wird von einer nebenamtlichen Kommission geführt. «Aus unserer Sicht hat sich diese Form für unsere kleine Gemeinde gut bewährt und soll weitergeführt werden», sagt Elektra-Präsident Linus von Arx.

Freier Markt ab 2014

Ob diese grossen Preisdifferenzen langfristig Bestand haben werden, wird sich ab 2014 weisen. Auf diesen Zeitpunkt hin ist die vollständige Strommarktliberalisierung geplant. Jeder Haushalt kann dann den Stromlieferanten frei wählen. Nach Lehrbuch sollte dies die Preise in Bewegung bringen.

Übersicht: www.elcom.admin.ch