Elvira Bader
Stolz darauf, Blocher während der ganzen Amtszeit nie gewählt zu haben

Die CVP-Politikerin Elvira Bader tritt nach 12 Jahren im Nationalrat von der politischen Bühne ab. Im Interview rund einen Monat vor den Wahlen erzählt sie von Bischof und Leuthard und warum sie Blocher nie gewählt hat.

Andreas Toggweiler
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Beim Streitgespräch zur Fristenregelung am Radio 2002
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Mit Enkelkindern 2002
In der Wandelhalle des Nationalrats
Die Politkarriere von Nationalrätin Elvira Bader
Beim Amtsantritt der aktuellen Legislatur mit den Ratskollegen
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Bei den Kälbern im Stall
Am Dreikönigstreffen der CVP Solothurn 2010

Beim Streitgespräch zur Fristenregelung am Radio 2002

Solothurner Zeitung

Sie sind 1999 als Senkrechtstarterin in den Nationalrat gewählt worden und hatten zu Beginn eine gute Presse. In der vergangenen Legislatur hat man wenig von Ihnen gehört, und Sie haben auch Ihren Rücktritt früh bekannt gegeben. Sind Sie amtsmüde?

Elvira Bader: Nein, überhaupt nicht. Wenn nicht Wahlen wären, hätte ich auch noch zwei Jahre oder mehr angehängt. Ich engagiere mich gern, bin aber für klare Verhältnisse. Und 12 Jahre sind ja keine kurze Zeit.

Wie stark ist Ihnen in den letzten vier Jahren Pirmin Bischof in der Sonne gestanden?

Natürlich gibt es Leute, die ihre Medienpräsenz bewusster und vielleicht auch besser managen als andere. Mit der politischen Arbeit hier im Rat hat dies aber nichts zu tun. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, Pirmin Bischof stehe mir in der Sonne – wie Sie es formulieren.

Ihr letzter Vorstoss wurde 2008 eingereicht und will, dass die Schweizer die Nationalhymne wieder lernen. Vor 10 Jahren haben Sie sich immerhin noch für gemeinnützigen Wohnungsbau eingesetzt ...

Das täuscht und ist gerade umgekehrt. Meine politische Arbeit ist in den jüngsten Jahren intensiver und wichtiger geworden. In der Öffentlichkeit wurde das vielleicht nicht so unmittelbar sichtbar. Aber seien wir doch ehrlich: Was bewirken denn die Fluten von persönlichen Vorstössen ausser Profilierung in den Medien? Die Wirkung ist gleich null! Sie belasten nur die Traktandenliste und binden Ressourcen in der Verwaltung. Statt einen Vorstoss einzureichen, würde mancher besser den Telefonhörer in die Hand nehmen und einen Sachverhalt abklären. Bei diesem Spiel wollte ich einfach nicht mitmachen. Ich glaube aber, dass ich dafür umso mehr in der Kommissionsarbeit, in der Urek (Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie) und in der GPK (Geschäftsprüfung) etwas erreicht habe.

Und das wäre?

Etwas vom wichtigsten finde ich, dass es uns gelungen ist, eine funktionierende Schuldenbremse einzurichten. Gesunde Finanzen sind die Voraussetzung, um in schwierigen Situationen überhaupt reagieren zu können. Ich bin auch sehr stolz darauf, dass wir jetzt jährlich sechs Prozent mehr für die Bildung und Forschung ausgeben können. Es ermöglicht uns auch, als Land ohne eigene Rohstoffe wirtschaftlich vorn dabei zu sein. Auch die gelungene Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes war mir ein grosses Anliegen. Es wurde eine gesunde Balance gefunden zwischen Schutz und Nutzung.

Sie gelten als Vertreterin der Bauern. Konnten Sie deren Erwartungen erfüllen?

Ich konnte die Agrarpolitik 2007– 2011 als Kommissionssprecherin begleiten. Es war viel Überzeugungsarbeit nötig, insbesondere gegenüber der SVP, die sich zuerst querstellte. Wir konnten aber das Direktzahlungssystem sichern, um das uns viele Nachbarländer beneiden. Es ist für uns Bauern elementar, dass wir für unsere Dienstleistungen im Sinne von gesunden Nahrungsmitteln aus gesunder Natur auch entschädigt werden.

Wo hätten Sie lieber mehr erreicht?

Generell ist zu sagen, dass durch die politische Polarisierung immer öfter gute Lösungen oder zumindest nötige Kompromisse verhindert wurden. Beispiele sind Abschaffung von Krankenkassenprämien für Kinder, die ich sehr begrüsst hätte, die Flexibilisierung des Rentenalters oder das lange und bisher vergebliche Ringen für ein besseres Raumplanungsrecht. Persönlich habe ich sehr bedauert, dass die Fristenlösung eingeführt wurde und wir jetzt in einem Land leben, das das ungeborene Leben nicht schützt.

Solche stark durch persönliche Ethik geprägte Stellungnahmen – haben sie nicht auch zu einer Aussenseiterrolle geführt?

Persönliche Überzeugungen soll man nicht gleich preisgeben, wenn der Wind die Richtung wechselt. Ich bin mir bewusst: Als praktizierende Katholikin bin ich in Bern als konservativ abgestempelt. Ethik ist aber mehr. In der parlamentarischen Gruppe Vision Schweiz, die ich fast acht Jahre präsidiert habe, haben wir wichtige Diskussionen geführt mit interessanten Persönlichkeiten. Auch der Bundespräsident war oft dabei.

Wer war oder ist Ihr «Lieblings-Bundesrat»?

Doris Leuthard. Sie ist sachkompetent und hat einen offenen Zugang zu allen Bevölkerungsschichten.

Haben Sie 2006 auch mitgeholfen, Blocher abzuwählen?

Ich habe Christoph Blocher nie gewählt und bin auch stolz darauf.

Warum?

Weil er nicht der Typ ist, der in den Bundesrat gehört. Er ist ein Alphatier, das sich nicht in ein Konkordanzgremium einbinden lässt. Das hat sich ja auch gezeigt: Er hat sehr viel Unruhe in den Bundesrat und ins Parlament gebracht.

Das letzte Jahrzehnt war geprägt von politischen Ränkespielen. Gehören die einfach dazu oder ist dieser Trend von übel?

Es ist sicher eine schlechte Entwicklung. Das politische Messerwetzen gehört zwar ein Stück weit dazu, hat aber bisweilen tatsächlich überbordet. Ich habe aber das Gefühl, dass der Höhepunkt erreicht bzw. schon überschritten ist. Es wird zum Glück wieder etwas ruhiger, seriöser, auch anständiger.

Es droht aber bereits wieder eine Abwahl ...

Ja, leider. Eveline Widmer-Schlumpf macht einen hervorragenden Job. Ich würde sie jedenfalls aus Überzeugung wiederwählen – wenn ich könnte (lacht). Die Nichtwahl von amtierenden Bundesräten ohne gewichtige Gründe finde ich sehr schlecht für das Land.

Was war für Sie das schönste Erlebnis?

Es gab viele, immer wieder, bei den unterschiedlichsten und kleinsten Ratsgeschäften. Es ist beispielsweise erstaunlich, in was wir bei der GPK alles Einblick haben. Speziell gefreut haben mich auch Kontakte zu Menschen, z.B. zu ausländischen Botschaftern oder Parlamentariern.

Wie sieht Ihr Leben nach der Politik aus?

Es geht ein spannender, aber auch zeitraubender Lebensabschnitt zu Ende. Ich habe eine grosse Familie, einen Bauernhof und etliche ehrenamtliche Projekte: allen voran das Museum Haarundkamm in Mümliswil. Mir wird bestimmt nicht langweilig.

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