E-Bikes? «Mit einem normalen Velo ist das für mich nicht möglich», erzählt der 66-jährige Grädel. Lungentumor, mehrere Operationen, ein Lungenflügel gar entfernt. «Meine Ausdauer ist stark eingeschränkt, und ich muss noch immer starke Medikamente einnehmen», so Grädel. Aber Velofahren, das geht. Mit gütiger elektrischer Unterstützung. «Sämtliche medizinischen Untersuchungen wurden gemacht, die Ärzte gaben grünes Licht. Und trainiert habe ich schon viel. 1500 Kilometer allein in diesem Jahr.»

Da kann Wälti, erst «bald 60», nicht mithalten. Aber er ist auch noch berufstätig, als medizinischer Masseur. «Und kerngesund», lacht der langjährige Betreuer der SC-Blustavia-Frauen. Dort, beim Tschutten, haben sich beiden jetzigen Reisegefährten vor über 40 Jahren kennen gelernt. Als Grädel seinen Plan 2016 gefasst hatte, war Wälti sofort dabei.

Der für alles vorgesorgt hat

«Ich plane gern!» Das ist im Fall von Roland Grädel gelinde gesagt untertrieben. Der Perfektionist hat in seinem Road Book jede der 48 Etappen akribisch genau festgehalten, jede Abzweigung, aber auch jede Sehenswürdigkeit fotografisch dokumentiert, «denn Sightseeing gehört dazu. Dafür machen wir Abstecher mit dem Auto, beispielsweise zum Grand Canyon.» Die ganze Route hat er per Google Streetview auf sein Navi übertragen. «Tom hat sie zur Sicherheit auf dem Natel, über den Laptop haben wir immer Zugriff auf sämtliche Daten», so Grädel.

Doch damit nicht genug: «Am 7. Mai letzten Jahres bin ich die ganze Route virtuell abgefahren. Mit den aktuellen Wetterbedingungen wie Wind und Regen.» Die längste Etappe durch die Mojave-Wüste misst 180 km, nur zweimal nach 60 Kilometern gibts eine Tankstelle, darunter das berühmte «Roy’s Café». Für Tom Wälti steht fest: «Das wird heavy.» Da beide immer in Motels übernachten wollen, müssen sie die Wüste in einem Tag durchqueren, bei 47 Grad Hitze. Da hat auch Grädel Respekt.

Daher hat er 2017 die Königsetappe schon mal mit dem Auto inspiziert. Anderes wurde in der Schweiz simuliert. «Für die längste Steigung von 2500 Höhenmetern vor Santa Fé bin ich letzten Sommer den Flüela hochgefahren.»

Durch acht Bundesstaaten

Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexiko, Arizona und zuletzt Kalifornien, diese acht US-Bundesstaaten befährt das Duo bis zum 4., vielleicht 5. Juli. «Wir möchten am 4., dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, in Santa Monica sein, zumindest aber in Hollywood», so Grädels Wunsch. «Aber wir haben bis zum 11. Juli spatzig», ergänzt Wälti. «Etliche behaupten, die Route 66 gebe es so gar nicht mehr. Was keineswegs stimmt», verteidigt Roland Grädel seine Vision. Zu 63 Prozent existiere die legendäre Route noch, die der langjährige Harley-Pilot so nie erlebt hat, jetzt aber mit einem andern Zweirad befahren will.

Unausweichlich müssen dazu auch die Pannenstreifen der US-Autobahnen, der Interstate-Highways, benützt werden. «Aber in den USA ist das mit Velos erlaubt», weiss der Landeskenner Grädel, der seit 1974 schon mehr als zehnmal die USA bereist hat. «Damals war Las Vegas noch sehr viel überschaubarer.» Allein durch Arizona aber läppern sich 139,7 der total 330 Highway-Meilen zusammen – die damit knapp 14 Prozent der gesamten Route ausmachen.

Der offene Türen einrennt

Das Budget beträgt insgesamt gegen 40'000 Franken. Doch Roland Grädel hatte und hat ein goldenes Händchen bei der Sponsorensuche. Schon bald erhielten die beiden Abenteurer von der Firma TS Velo in Etziken in Kooperation mit Flyer Bikes ihre zwei Bikes zur Verfügung gestellt – jedes hätte über 5000 Franken gekostet, plus zwei Ersatzakkus à je 1000 Franken. Die Flyer TX Modell 2019, voll gefedert, wurden unter Berücksichtigung von Grösse, Gewicht oder den Witterungsumständen eigens für die beiden zugeschnitten. «Die Firma Ortlieb unterstützt uns mit Sattel- und Gepäcktaschen für 1200 Franken.» Und dann der Clou: Swiss sponsert dem Duo die Flüge Zürich-Chicago und Los Angeles-Zürich.

Dazu kamen Einzelsponsorings auch von bekannten Grössen wie Chris von Rohr, Gölä, Roman Kilchsperger oder Florian Ast. Aber auch Organisationen wie die Lungenliga haben sich am Projekt beteiligt. «Die Firma Enz, sie beschäftigt 250 Mitarbeitende, spendete spontan 500 Franken», zeigt Grädel sichtlich bewegt das entsprechende Schreiben. Gleich viel beigesteuert haben die Firmen Marcel Bützer AG, René Stofer Bodenbeläge und Faul Bootswerft.

Nebst den Velohosen wurde sogar die Gesässcrème durch die Assos gesponsert – und die wird es brauchen: «Nach sechs Tagen tut es schon beim Aufsitzen am Morgen weh», weiss Tom Wälti aus Erfahrung. 40 Franken rechnen sie für die Tagesverpflegung, 90 Franken fürs Übernachten, «doch ein grosser Posten ist der Transport der Velos nach Übersee.» Er schlägt mit 2400 Franken zu Buche – nur für einen Weg. «Und so werden uns wohl Kosten von je 10'000 Franken bleiben», ist Grädel vorsichtig optimistisch, noch Sponsoren zu finden.

«Das wird pickelhart»

Für das Abenteuer hat Roland Grädel eine eigene Homepage mit technischer Unterstützung der Webgearing AG in der Solothurner Vorstadt erstellen lassen. Dort laufen alle Daten zusammen und werden von Fränzi Rutz weiterverarbeitet. Von ihrem Trip auf der Route 66 wird ständig rapportiert in Blogs auf der Website, auf Radio 32 und auf den Social-Media-Kanälen.

Auch Grädels beide Söhne Daniel und Michael werden in den USA vor Ort für Support sorgen, allerdings nur auf den letzten Meilen der Route. Dennoch ist Tom Wälti überzeugt: «Das Ganze wird pickelhart.» Roland Grädel widerspricht ihm nicht.