Montagmorgen. Emsiges Treiben hinter der Reithalle. Mit steigenden Temperaturen wachsen auch altbekannte Gerüste an Fixierseilen in die Höhe. Bald schon prangen vier bekannte Buchstaben auf dem Gerüstbogen des Zirkuszelts. Rund 100 Männer sind beim Auf- und Abbau des Circus Knie beschäftigt. Es herrscht trotz erbarmungsloser Sommerhitze und trotz «Chnochebüez» lockere Stimmung. Verordnete Trinkpausen schaffen die nötige Erfrischung, bevor es weitergeht: Blachen werden ausgebreitet, Erde und Sägemehl geschaufelt und manegenrund ausgebreitet, technisches Equipment für Ton und Licht wird entladen, und etliche Zirkuswagen werden parkiert.

Beispielsweise der Wagen mit der Nummer 42: «Ah, da kommt mein Büro», kommentiert Silja Hänggi, seit Anfang Jahr Medienverantwortliche des Circus Knie, und deutet auf ihren rollenden Arbeitsplatz. «Einen, wie es ihn kein zweites Mal gibt in der Schweiz», schwärmt die 36-Jährige. Genauso, wie die Zeltsteller während der Vorführzeit andere Funktionen wie Tierpfleger, Billettkontrolleur, Platzanweiser oder als Security wahrnehmen, ist sich auch ihr Pflichtenheft ungewohnt vielfältig: «Von der Journalistin über die Web-Managerin hin zur Gästebetreuerin gehört alles zu meinem Job.»

Vielseitig auch: «Ich lerne im Nu die ganze Schweiz kennen». Obwohl: Im Moment steht Silja Hänggi auf heimischen Boden. Im Moment ist es die ursprüngliche Solothurnerin selbst, die den anderen Kollegen die Freizeittipps für den Tourneehalt steckt. «Der St. Ursenturm sehen hat etwas von Heimkommen.» Dies, obwohl Hänggi ihre Wohnung in Zürich hat.

Fachlich komplett umgesattelt

«Können Sie reiten?» war die erste Frage, die Silja Hänggi von Fredy Knie Junior gestellt bekam, als sie im vergangenen Jahr auf ihre Bewerbung hin eingeladen wurde. «Nach meinem ‹Nein› war ich mir sicher, dass dies wohl das kürzeste Bewerbungsgespräch meines Lebens gewesen war.» Denn ihr Bezug zu den circensischen Künsten beschränkte sich darauf, was die meisten mit der Manege verbinden: Kindheitserinnerungen. «Ich war von der Unternehmenskommunikation bei Comparis und später einem Software-Startup in die Zirkuswelt gewechselt – fachlich eine komplette Umstellung.»

Doch ihre Begeisterung fürs Neue bescherte ihr die Zusage bei Knie. «Was Du machst, musst Du cool finden», so ihre Devise. Nach dem Winterquartier wurde Mitte Februar der Zeltbetrieb testweise in der Knie-Stadt Rapperswil aufgebaut. «Damit die Artisten das neue Programm in der Manege proben können und auch, weil der Aufbau des neuen Gerüstbogens, der die Sichtverhältnisse für Zuschauer verbessert, geübt werden musste.» Und für sie selbst? Damit sie sich an das Leben und Arbeiten im Zirkuswagen gewöhnen konnte – an Genügsamkeit, an Temperaturspannen zwischen minus 25 und plus 40 Grad und ans Zusammenleben in einer 230 Menschen und 16 Nationen umfassenden «WG», wie sie sagt. «Es ist wunderbar, mit dem Musiker aus Polen oder dem Artisten aus Kanada ‹eis go z’zieh.›» Und: «Es gibt jeden Tag was Neues zu lernen – Fachbegriffe oder Gepflogenheiten.»

Zirkus Knie stellt in Solothurn auf. Franco Knie Jr.: «Es ist ein enger Platz. Wir müssen einen Wagen nach dem anderen auspacken.»

Zirkus Knie stellt in Solothurn auf. Franco Knie Jr.: «Es ist ein enger Platz. Wir müssen einen Wagen nach dem anderen auspacken.»

Silja Hänggi hat eine unbefristete Anstellung bei Knie – und freut sich darauf, das nächstjährige 100-Jahr-Jubiläum des National-Circus zu begleiten. Traurige Arbeit hatte sie hingegen zu verrichten, als sie im Nachgang des Freitods von Peter Wetzel alias Clown Spidi auch in dieser Sache die Medienarbeit wahrnahm. Ein Fall, von dem man hoffe, dass er nie eintrifft. Und persönlich? «Alle sind traurig und erschüttert. Doch niemand wurde mit seiner Trauer alleingelassen. Als Zirkusfamilie gibt man sich gegenseitig Halt.»

Das «Drumherum» interessierte ihn

Eine Zirkusfamilie, die seit Anfang Jahr weiteren solothurnstämmigen «Zuwachs» erhalten hat. Der 33-jährige Klemens Martin, der vor 11 Jahren von hier wegzog, amtet neu als administrativer Leiter Transport und Wagenpark. Im vorigen Berufsleben Chauffeur, Disponent und Tontechniker, vereint sein neuer Beruf vieles von alledem: Planung und Büroarbeit gehören ebenso dazu wie Handwerk. Und auch seine Kindheit ist geprägt von Zirkuserinnerungen. «Wir waren jeweils im Zelt am Dornacherplatz.» Viel mehr noch habe ihn aber das Drumherum des Zirkus interessiert – jenes «Drumherum» also, das heute seinen Arbeitsalltag ausfüllt.

Mit in den Wohnwagen – 10 auf 2,5 Meter Fläche – zogen auch seine Frau, seine drei Kinder zwischen 7 Monaten und 6 Jahren und zwei Hunde. Kurz nacheinander waren er und seine Frau unabhängig auf dasselbe Stelleninserat gestossen: «Es war also nicht allein meine Idee.» Der Ausbruch aus der Komfortzone des Eigenheims in Menziken sollte eine Frage beantworten: «Was braucht man eigentlich zum Leben?» Tatsächlich erkennt er an seinem neuen Arbeitsplatz, «der teilweise nur zehn Meter vo seinem Zuhause entfernt ist», sehr viel neugewonnene Lebensqualität – trotz weniger Pfannen und vieler Eintopfgerichte. Trotz den Umständlichkeiten des ständigen Umzugs. Silja Hänggi, die Klemens Martin von früher kennt, bestätigt: «Es ist gewonnene Lebenszeit.»

Tatsächlich war Martin als Chauffeur täglich 13 bis 14 Stunden auf Achse. «Jetzt kann ich einfach für ein Käfeli nach Hause.» Nicht viel weiter ist der Schulweg seiner ältesten Tochter: Sie besucht seit gestern den zirkuseigenen Unterricht, erste Primarstufe. Und nicht nur deshalb ist für die Jungmannschaft der Martins der neuer Arbeitsplatz von Papa ein Zugewinn. «Es ist schön, den eigenen Kindern zu zeigen, wie man harmonisch mit Menschen anderer Herkunft zusammenleben kann.» Zwar steht das Haus in Menziken leer und bereit, falls Martins den Rückzug in die Komfortzone planen sollten. Bis jetzt aber – und das bestätigen beide Heimwehsolothurner – ist das Leben im Zirkus ein eindeutiges Plus.