Solothurner Gastronomie
«Zum Fritz» schliesst: Solothurn verliert «’s bescht vor Wäut!»

Das Traditionsrestaurant an der Judengasse schliesst Ende Mai ein für allemal seine Pforten. Fritz Haudenschild will ins Gäu umziehen.

Wolfgang Wagmann
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Fritz Haudenschild steht nur nochwenige Tage hinter dem Herdseines stadtbekannten Restaurants.

Fritz Haudenschild steht nur nochwenige Tage hinter dem Herdseines stadtbekannten Restaurants.

Wolfgang Wagmann

«Wenn ich ehrlich bin – nein, ich bin schon froh, wenn ich aufhören kann.» Fritz Haudenschild hat die Küche gesehen. Seit er 1976 die damalige «Walliserkanne St. Urs» an der Judengasse 2 von seinen Eltern übernommen hat, schwingt er den Kochlöffel – und das meisterlich. Aber davon später. Denn 1987 verschlug es ihn nach Schwarzenburg, wo er in zehn Jahren zwei Restaurants führte. Nun wirtet er schon seit fast 20 Jahren im elterlichen Haus, seit 1959 im Besitz der Familie. Die es nun verkauft hat, an die kantonale Pensionskasse. «Unten kommt ein Ladenlokal rein, oben Wohnungen.»

Ende Monat ist Schluss. Doch, ein bisschen weh tue es schon. «Wir hatten zu 99 Prozent feine Gäste.» Auch weit über die Stadt hinaus bekannte, wie alt Bundesrat Samuel Schmid. Die Stammgäste waren entscheidend, dass «Zum Fritz» eben «zum Begriff» wurde. «Von der Laufkundschaft kannst du nicht leben», weiss der versierte Wirt.

Neben der Küche – davon später – mag das rustikale Ambiente zum Erfolg beigetragen haben. Sicher aber auch die persönliche Ambiance. «Wir sind eine grosse Familie.» Die auch eine «Mutter» hat: Seit 16 Jahren verwaltet Mira Toth umsichtig das Buffet und sorgt für einen tadellosen Service im «Fritz». Eine Berufung, die sie ab 1. Juli im Restaurant Stalden weiterpflegen kann – vielleicht auch dank «Fritz»-Gästen wie dem bald verwaisten Freitagsstamm.

Ein Japaner flippt aus

Beliebt bei den Gästen machte sich Fritz Haudenschild aber mit seinen Gerichten – die er mit viel Selbstbewusstsein zelebrierte. Sein Kräuterbutter Café de Paris ist natürlich ein ständig verfeinertes Geheimrezept, gereicht zum legendären aufgeschnittenen Entrecôte, «’s bescht vor Wäut!», wie völlig unbescheiden auf der grossen Schiefertafel draussen vor der Beiz zu lesen ist. Neben dem bodenständigen «Elefantenohr», einem geradezu gigantischen Wienerschnitzel, oder Fondue brach bei Haudenschild stets eine zweite Liebe durch: «Wir verbrachten unsere Ferien oft im Tessin.»

Und dort entdeckte der Wirt und Koch sein schon fast perfektionistisches Faible für Tessiner oder italienische Spezialitäten. «Ich habe meine Pasta stets frisch gemacht, frisch eben, und nicht getrocknet», fügt er mit Nachdruck an. Ein Japaner, der seit längerem in Italien lebt, sei ihm einst um den Hals gefallen. «So gute Spaghetti wie bei mir habe er zehn Jahre lang in Mailand nirgends bekommen.»

Um gleich nachzudoppeln: Das gelte auch für sein Filet Stroganoff. Das Bodenständige liegt Fritz Haudenschild schon von jung auf im Blut: «Zu meines Vaters Zeiten verkauften wir hier am Märet jeweils 180 Essen – Kalbskopf, Kutteln und Pastetli. Und 80 bis 100 Schnitzel haben wir immer gehabt.»

Treffpunkt der Vereine

Noch zu Fritz Haudenschild Juniors Zeiten war die Mazot-Bar im Obergeschoss ein wichtiger Teil des Solothurner Nachtlebens gewesen. Später entstand ein Stübli für Gesellschaften. Den Namen «Zum Fritz» habe er als Hommage an seinen Vater Fritz gewählt. Dieser, ein bekannter Hornusser, hatte seine Sportkameraden zu Gast im Restaurant. Aber auch andere Vereine mit langer Tradition gingen an der Judengasse 2 ein und aus: die Stadtschützen ebenso wie die Tambouren, die Stadtmusik Konkordia oder die Arioner.

Nur eine Fasnachtsbeiz, die habe er nie gehabt. Zwar stets viele Gäste, aber kaum Schnitzelbänke. Dabei war Fritz Haudenschild für Gags durchaus zu haben: «1997 organisierten wir einen regelrechten Alpaufzug in der Judengasse. Mit Bierfuhrwerk und allem, was dazugehört.» Darunter die legendäre Kunststoffkuh, ein beliebtes Reitobjekt für Kinder, für dessen Verbleib in der Gasse Haudenschild sich erfolgreich eingesetzt hatte – in dem er die notwendigen zwei Quadratmeter für den Standplatz einfach mietete. Nun ist die Kuh bereits weg, ein Anzeichen für das nahende Ende.

Fehlende Gastfreundschaft

Nun steht fest: Es wird wohl kein Restaurant mehr an der Judengasse auf «den Fritz» folgen. Die Lampen und anderes Inventar sind schon verkauft, Fritz Haudenschild will ins Gäu umziehen. Der Wirt von altem Schrot und Korn stellt seiner Branche nicht unbedingt ein gutes Schlusszeugnis aus: «Heute gibt es keine Patrons mehr. Dafür irgendwelche Geschäftsführer, die ihre Gäste kaum mehr richtig grüssen. Es fehlt an der Gastfreundschaft.»

Früher habe er jeweils «Dübeli» aus Zopfteig an ältere Damen im Restaurant verteilt – «die haben mich dafür vergöttert. Und gekostet hat es nicht viel.» Doch sieht Haudenschild auch die allgegenwärtigen Probleme der Gastro-Branche. «Heute wird einfach ganz anders gegessen», verweist er auf die auch in Solothurn allgegenwärtigen Take-away-Betriebe. Bei ihm selber sei es im letzten halben Jahr allerdings gelaufen «wie lätz».

Mit Fritz Haudenschild verliert Solothurn den wohl letzten Wirt, der noch im familieneigenen Haus leben und wirken konnte. Doch neben dem weinenden hat er auch ein lachendes Auge für seine Zukunft: dem Reisen und seiner Leidenschaft, dem Wein, will er sich widmen. Oder in Kurzform: «Das Leben geniessen und den Pulver brauchen!»

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