Solothurn Anfang 1981. Da rund 300 türkische Familien in Solothurn leben, wollen sie im Mai eine Moschee eröffnen. Die Zeitungsmeldung in den ersten Januartagen wirft keine Wellen. Nicht in einer Kleinstadt, wo der grösste Aufreger jener Zeit ist, wie der Friedhofplatz umgestaltet werden soll. Jugendkrawalle in Zürich? Die finden für die Solothurner auf dem Mond statt. Doch am 23. Januar, einem kalten Freitag, auch in Solothurn. Fassungslos starrt eine erwachende Stadt auf ihre Baudenkmäler: Die St.-Ursen-Kathedrale quer über die Fassade versprayt, 22 Häuser und Brunnen insgesamt auch.

Eine tief getroffene Stadt

Die Botschaften sind eindeutig der Zürcher Jugendkrawallszene zuzuordnen. Und stehen im Zusammenhang mit «Züri brännt», einem Doku-Streifen zu den Jugendkrawallen, der an den 16. Solothurner Filmtagen gezeigt wird. Dies im Kontext mit anderen, ähnlich gelagerten Filmen zum selben Thema. Was viele Solothurner jedoch speziell erbost: Gesprayte Botschaften wie «Solothurn gähn» oder «Mehr Subkultur» am Stadttheater werfen den Provinzlern im Kleinstadtmief an den Kopf, wie weit sie vom aufregenden, aufgewühlten Zürich weg seien.

Auch Filmschaffende rühren in der Wunde. So meint der Berner Peter von Gunten nach den Sprayereien: Er hoffe, dass die Filmtage-Organisatoren und die Behörden den Mut aufbringen, dass solche Zwischenfälle dazugehören, wenn die Filmtage weiterhin ernst genommen werden sollten. Sonst sei «auch hier Packeis und Solothurn eine tote Stadt». Was natürlich die Gemüter in Solothurn keineswegs beruhigt. Tatsächlich sind bald Reaktionen zu hören, die Filmtage-Macher sollen Solothurn den Rücken kehren, statt das Klima in der Stadt zu vergiften. In der damaligen breiten Solothurner Wahrnehmung sind die «Filmtägeler» nur ein «seltsames Völklein», das einmal im Jahr in der Stadt einfällt, ohne bei der breiten Bevölkerung sonderlich auf Interesse zu stossen. Mit den Sprayereien ist nun alles ganz anders geworden und der Volkszorn über «die aus Zürich» geweckt.

Rauchpetarde im Landhaus

Und die tun alles, um aufzufallen und den Kleinstadt-Provinzlern mal so richtig zu zeigen, wie in Zürich die Post abgeht. Schon vor den Schmierereien hatte der damalige Kulturredaktor der «Solothurner Zeitung», Hanspeter Rederlechner in seinen Filmtage-«Randnotizen» Grossstadt-Freaks beschrieben, die «mit ihrem arroganten, teilweise rüpelhaften Benehmen dem Film wie auch dem Anlass selbst einen schlechten Dienst erweisen». Offenbar gehen selbst grosse Filmtage-Fans zu radikalen Elementen auf Distanz. So schreibt Rederlechner: Selbst die tolerante Bedienung des Restaurants Kreuz trage derzeit Protestknöpfe mit der Aufschrift: «Lieber zehn tote Filmer als ein gestresster Genossenschafter.»

Doch die Bewährungsprobe steht Solothurn noch bevor: Nachdem zwei Tatverdächtige trotz angeblich farbverschmierten Fingern mangels Beweisen wieder auf freien Fuss sind, muss die Polizei mit einem Grossaufgebot erst einmal die Vorführung von «Züri brännt» am Freitagabend absichern. Die befürchteten Krawalle bleiben aus. Doch nachher versuchen bei der Filmdiskussion im Landhaus rund 50 bis 80 Zürcher Aktivisten die 400 Anwesenden verbal und mit Konfetti zu provozieren. Zuletzt wird in der Säulenhalle gar eine Rauchpetarde gezündet – Panik kommt auf. Eine Fensterscheibe geht zu Bruch, um an frische Luft zu kommen. Eine Schrecksekunde, die ohne Folgen bleibt. Am Samstag wird festgestellt, dass die ungebetenen Zürcher Gäste sich Richtung Osten verzogen haben – sie hinterlassen eine erleichterte, aber auch ziemlich verstörte Kleinstadt.

Unterschiedliche Reaktionen

Hätte «Züri brännt» gar nicht gezeigt werden sollen? Eine klare Mehrheit des offiziellen Solothurn bejaht wie beispielsweise Stadtammann Fritz Schneider diese Frage. Die «Solothurner Zeitung» schreibt: Nach Urs Reinhart, Mitglied der Filmtage-Geschäftsleitung, wäre es undenkbar gewesen, Filme wie «Züri brännt» nicht zu zeigen. Der damalige Filmtage-Geschäftsführer Stephan Portmann doppelt nach: «Wenn die Zürcher Filme nicht ins Programm aufgenommen worden wären, hätte man die Filmtage gar nicht durchführen dürfen. Denn die Statuten legen klar fest, dass die Filmtage einen Querschnitt durchs Schweizerische Filmschaffen geben müssen. Letztlich gehört es zur Informationspflicht, solche Filme zu zeigen.» Dies hätten auch ausländische Filmfachleute so gesehen – vor allem deutsche Medien sind auch wegen der Eskalation in Solothurn breit vertreten.

Angst vor einem Flächenbrand

Gar nicht milde gestimmt ist in diesen Tagen Polizeileutnant Kurt Howald, der gegenüber den Medien erklärt, die Filmtage in der Form wie sie jetzt durchgeführt würden, brächten Solothurn überhaupt nichts mehr. Die Befürchtung, dass mit den Vorkommnissen auch die Solothurner Jugend aufgewiegelt werden könnte, dementiert an dieser Stelle der damalige Stadtschreiber Peter Gisiger: «Bis jetzt haben wir noch immer das Gespräch mit der Jugend gefunden.» Und wiederholt fast mantra-artig, was sein Chef, Fritz Schneider, und auch die Zeitungs-Kommentatoren immer wieder betonen: «Unsere Jugend ist nicht die Zürcher Jugend.» Tatsächlich: Der insgeheim wohl befürchtete Flächenbrand, von den Zürchern provoziert, bleibt aus.