Stadttheater Solothurn

Zu Unrecht vergessener Opernschatz: Die Premiere von Paul Burkhards «Casanova in der Schweiz» wird bejubelt

Grandiose Wiederentdeckung: Neuaufführung von Paul Burkhards «Casanova in der Schweiz».

Grandiose Wiederentdeckung: Neuaufführung von Paul Burkhards «Casanova in der Schweiz».

Mit Masken ins Theater zu gehen, gehört mittlerweile zum Alltag. Nicht jedoch, vor 30 Zuschauern und trotz Ausfall einer der Hauptpartien zu spielen. Auch in Coronazeiten machte dies den Premieren-Abend speziell. Zumal eine echte Operntrouvaille serviert wurde, die jedoch mit einer Aufführungspause belegt wird.

Die Neuinszenierung der Oper von Paul Burkhards (1911–1977) «Casanova in der Schweiz» wird als grandiose Wiederentdeckung in die Tobs-­Annalen eingehen. Uraufgeführt 1943 unter der musikalischen Leitung des Letten Victor Reinshagen, dessen Karriere 1927 als Chorleiter und zweiter Dirigent im damaligen (neugegründeten) Städtebundtheater Biel-Solothurn begann. Auf der Zürcher-Bühne die ehemaligen Publikumslieblinge Marko Rothmüller und Max Liechtegg. Kriegsbedingt verschwand das Werk in der Versenkung, bis Tobs-Intendant Dieter Kaegi im Rahmen der 2000-Jahr-Feier der Stadt Solothurn die Frivolität aus dem Dornröschenschlaf weckte.

Das volle Potenzial kann nur erahnt werden

Wer Paul Burkhards Welthit «O mein Papa» und die Gassenhauer aus der Kleinen Niederdorfoper im Ohr hat, den wird die erotisch-sinnliche «Casanova»-Oper überraschen. Das stringent konzipierte und durchkomponierte Werk erinnert an den «Rosenkavalier» von Richard Strauss. Reich an musikalischen Farben und Formen, besitzt es einige Ohrwürmer wie das «Nachtigall»-Ensemble im dritten Bild, die Duette Casanova-Madame von Roll, Casanovas Bravour-Arie «Jauchze mein Herz» und viele mehr. Zum Schwelgen animieren die Vorspiele der einzelnen Bilder: spätromantisch gefärbter Soundtrack für den Herzensbrecher. Francis Benichou arbeitete die facettenreiche Instrumentierung mit dem Sinfonie Orchester Biel-Solothurn glänzend heraus. Störend war einzig, dass Bühne und Orchestergraben nicht immer präzise zusammen waren.

Dem international tätigen (auch bei den Opernprojekten auf Schloss Waldegg) Regisseur Georg Rootering, Kostümdesigner Rudolf Joost und Ausstatter Vazul Matusz ist die optische Opulenz zu danken. Prächtige Kostüme und Barock-Stühle zaubern eine Atmosphäre, wie sie die Ambassadorenstadt bei Casanovas Besuch umfangen haben mag.

Rootering erzählt Casanovas Entschluss, ins Kloster einzutreten, die Umkehr dank einer schönen Frau («Sie sind aus Solothurn?»), das Werben, Locken und Tändeln aber auch die Intrige um Madame Latente geradlinig, entfaltet ein Kaleidoskop der Gefühle. Anstelle der erkrankten Judith Lüpold alias Madame Latente war ihr Kostüm auf einer Schneiderpuppe präsent, wurde in die Handlung miteinbezogen. Welch Potenzial die Oper in Vollbesetzung (mit Erzkomödiantin Lüpold) hergibt, kann nur erahnt werden. Auch wenn Josy Santos innert Stunden die Ensembles und Latente-Arien lernte und vom Blatt sang. Dies neben ihrem Part als Madame Binz – eine tolle Leistung.

Die Krone indessen gebührt dem ganzen, hoch motivierten Sängerensemble. Allen voran Simon Schnorr in der Titelpartie, ein Womanizer vom Scheitel bis zur Sohle. Ein Casanova-Sänger mit Don-Giovanni-Qualitäten, toller Stimme und empathischem Spiel. Quasi als Leporello an seiner Seite sein Diener Leduc. Konstantin Nazlamov zeigt, welch Improvisationstalent in ihm brodelt, wenn er als Leduc in den Schritt greift und mit der nur stimmlich anwesenden Schlüsselfigur Latente fightet. Hervorragend – wie das sich auf hohem Niveau bewegende Solistenensemble Rebekka Maeder, Wof Latzel, Céline Steudler, Martin Mairinger, Chelsea Zurflüh, Horst Lamnek, Tereza Kotlanova und Nuno Santos.

Sie alle verhelfen einer zu Unrecht vergessenen Perle in Paul Burkhards Œuvre und dem kleinsten Theater der Schweiz zu Glanz und Ehre.

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