Solothurn
Zu seiner Zeit war Maler Emil Scheller eine Grösse

Der fast vergessene Maler Emil Scheller stand bis 1942 für eine Solothurner Kunst-Epoche.

Wolfgang Wagmann
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Kunstmaler Emil Scheller im Selbstbildnis mit seiner Frau Anna, eine geborene Sperisen, die er 1930 heiratete.

Kunstmaler Emil Scheller im Selbstbildnis mit seiner Frau Anna, eine geborene Sperisen, die er 1930 heiratete.

ZVG/ww

Im damaligen Solothurn war er eine feste Grösse: der Kunstmaler Emil Scheller. Heute, an seinem 75. Todestag, ist er beinahe vergessen, ausser bei jenen, die vielleicht noch ein Porträt seiner Vorfahren oder eine Landschaft aus der engeren Region an der Wand hängen haben. Denn diese zwei Spezialitäten pflegte Scheller, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert mit Kunstmalen möglich war, denn wer etwas auf sich hielt – Fabrikanten, noble Damen oder auch deren Kinder – liess sich in Öl malen.

Im höheren Alter widmete sich der dem Realismus verpflichtete Maler vermehrt religiösen Motiven. So durfte er beispielsweise Altar- und Wandbilder im aargauischen Birmenstorf oder in Subingen gestalten. Seine Frau Anna Sperisen, mit der er Mitte der 30er-Jahre sein Eigenheim an der St. Niklausstrasse 37 bezogen hatte, beliess sein dortiges Atelier, wie er es vor dem Tod verlassen hatte. Sie überlebte ihren seit 1942 in der Kirche St. Niklaus ruhenden Gatten um mehrere Jahrzehnte. Und so stand im hohen Raum mit Nordlicht, wo er malte, auch noch 1990 auf der Staffelei eine vor fast 50 Jahren begonnene Kreuzigungsszene.

Das gemalte Rathaus (rechts) von Emil Scheller erhielten 1940 alle Solothurner Jungbürger als Andenken. Links die Loretto-Kapelle.

Das gemalte Rathaus (rechts) von Emil Scheller erhielten 1940 alle Solothurner Jungbürger als Andenken. Links die Loretto-Kapelle.

ZVG/ww

Was von ihm blieb

Emil Scheller, in Einsiedeln aufgewachsen, absolvierte seine Ausbildung zum Maler unter anderem in Würzburg, München und Paris, ehe er sich definitiv in Solothurn niederliess. Er galt als geselliger Mensch, der gerne die Laute spielte und sich nicht zu schade war, auch Festkarten für Studenten- oder Schützenfeste zu gestalten. Sein grösster Erfolg war 1940 die Ausstellung von 60 Werken im Kunstmuseum. Dort ist er heute noch mit fünf Ölbildern vertreten, die alle aus den 1920er- und 1930er-Jahren stammen. Zwei davon gehören zur Sammlung des Kunstvereins Solothurn, von dem sie anlässlich der Weihnachtsausstellungen 1938 und 1940 erworben wurden.

Drei davon sind Schenkungen aus Privatbesitz an das Kunstmuseum Solothurn. Konservator Christoph Vögele erinnert sich: «Die letzte Schenkung, eine kleine Landschaft von 1921, durfte ich selbst 2009 entgegennehmen. Ich habe sie 2012, anlässlich der Ausstellung Treidelpfade. Gegenständliche Schweizer Malerei aus der Sammlung – 1920 bis 1970 – ausgestellt.»

Ein Künstler seiner Zeit

Vögele beurteilt den fast vergessenen Maler recht positiv: «Scheller vertritt eine sehr gepflegte gegenständliche Malerei, die von der französischen Kunst, vor allem vom Impressionismus beeinflusst ist.» Damit stehe Scheller für eine konservative Tradition, die aber zwischen den Kriegen durchaus verbreitet gewesen sei. «Nach dem 1. Weltkrieg und den avantgardistischen Strömungen des Expressionismus, Fauvismus und Kubismus, strebten viele nach einem ‹Retour à l’ordre›.

Bereits damals aber kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen den Anhängern von Avantgarde und Tradition», weiss Vögele. «Ich schätze die differenzierte Malweise von Emil Scheller. Alles ist mit grosser Sorgfalt und einer subtilen Palette ausgeführt. Besonders die Umsetzung von Lichtwirkungen gefällt mir; dabei kommt es innerhalb weniger Farbtöne zu einem grossen malerischen Reichtum», findet der Konservator.

Für Christoph Vögele ist es stets interessant zu sehen, wann und warum Bilder Anklang oder Ablehnung finden. «Scheller war in den 1930er- und 1940er-Jahren besonders beliebt – als auch in der Schweiz konservative Strömungen herrschten.» Der damalige «Landi-Geist» mit seinem Appell zur «geistigen Landesverteidigung» habe einen realistischen Stil mit typischen Schweizer Motiven bevorzugt. «Schellers Bilder in unserem Depot kommen diesen Wünschen entgegen», zieht Vögele die Titel «Alter Bauersmann» von 1938 oder das «Trachtenmädchen», entstanden um 1930, als Beispiele heran.

«Kunst-Krach» in Solothurn

Dass Maler wie Scheller zunehmend in den Hintergrund rückten, sieht Christoph Vögele auch im damaligen Zeitgeist begründet, «Nachdem in den 1930er Jahren und den folgenden Kriegsjahren eher konservative Malströmungen Oberhand gewonnen hatten, brach der Streit zwischen Avantgarde und Tradition nach dem 2. Weltkrieg umso heftiger wieder aus.»

Gerade in Solothurn, wo mit den Sammlern Josef Müller und Gertrud Dübi-Müller zwei grosse Anhänger der Moderne lebten, habe der Streit hohe Wellen geworfen. Als 1950 im Museum der Stadt Solothurn die Ausstellung «Hundert Jahre Malerei aus Solothurner Privatbesitz» gezeigt wurde, die vor allem. Werke aus den Sammlungen der Geschwister Müller präsentierte, sei es zu heftigen Protesten aus der Bevölkerung gekommen. «In der Ausstellung waren nämlich kaum Maler der eigenen Region vertreten.»

Dass unter den wenigen Solothurner Künstlern immerhin auch der acht Jahre zuvor verstorbene Emil Scheller zu sehen war, spricht laut Christoph Vögele für «die Qualität, die die Kunstsachverständigen dem Traditionalisten doch zugestanden hatten».