Solothurn

Zoff um Schulweg - Jetzt spricht die Schuldirektorin

Solothurner Schuldirektorin Irène Schori:  «Ich will, dass die Kinder heil ankommen»

Solothurner Schuldirektorin Irène Schori

Solothurner Schuldirektorin Irène Schori: «Ich will, dass die Kinder heil ankommen»

Dass Kindergärteler von der Vorstadt ins Hermesbühl müssen, sorgt in Solothurn für Unmut und Kritik an der Schuldirektorin. Nun erklärt sie, wie es zur Schulraumplanung kam und warum sie an ihrem Entscheid festhält.

Irène Schori, ist Ihnen die Sicherheit der Solothurner Schulkinder egal?
Irène Schori: Das kann ja nicht sein. Alle wollen, dass die Kinder heil im Schulhaus ankommen. Das ist doch selbstverständlich.

Der Vorwurf wurde von Eltern aus der Vorstadt erhoben. Sieben Kinder müssen ins Hermesbühl, drei Parteien haben sich beschwert.
Wenn gesagt wird, der Schuldirektorin sei die Sicherheit der Schulkinder egal, dann schmerzt das sehr. Für mich steht das Kind im Fokus.

Zankapfel ist die «Zumutbarkeit». Sie halten den Schulweg für zumutbar – dies im Gegensatz zur Stadtpolizei.
Der Schulweg vom Dornacherplatz bis zur Wassergasse und vom Dornacherplatz bis ins Hermesbühl ist vergleichbar weit. Ich habe argumentiert, dass die Länge des Schulwegs zumutbar sei. Bezüglich der Sicherheit hingegen habe ich den Beschwerdeführenden gesagt, dass ich als Mutter und Grossmutter meine vier- und fünfjährigen Kinder oder Grosskinder auch nicht allein durch die Stadt schicken würde. Wenn man aber die Sicherheit beurteilt, geht es nicht nur um die Vorstadtkinder, sondern auch um Kinder aus der Altstadt oder die von der Landi herkommen. Sie haben auf dem Weg zum Hermesbühl genau die gleichen Verkehrswege zu bewältigen, zum Beispiel die Überquerung der Bielstrasse oder des Amthausplatzes. Der Schwierigkeitsgrad ist für diese also genau gleich. Bisher war dies jedoch weder von der Stadtpolizei noch von den Eltern ein Thema. Deshalb hat sich meine Beurteilung hinsichtlich Gefahrenquellen vorwiegend auf das Teilstück vom Dornacherplatz bis zum Storchenplatz bezogen.

Weshalb stuft die Beschwerdekommission den Weg als nicht zumutbar ein?
Die Kommission kommt zum Schluss, dass die Länge kombiniert mit den Gefahren der Grund ist, weshalb der Weg nicht zumutbar ist. Nun muss man sich fragen, ob die drei Parteien, die Beschwerde führen, den Weg vom Dornacherplatz bis zum «Chutz» als zu gefährlich einstufen. Denn vom nördlichen Ende der Wengibrücke gehen zahlreiche weitere Kinder seit Jahren diesen Schulweg.

Dann haben Eltern die Kinder begleitet?
Dies funktioniert seit Jahren so. Denn der Schulweg gehört in den Verantwortungsbereich der Eltern. Die Eltern haben die Obhutspflicht, so ist es im Gesetz vorgeschrieben. Die wenigsten vier- oder fünfjährigen Kinder sind in der Lage, den Schulweg in der Stadt Solothurn alleine zu bewältigen.

Können Sie die scharfen Reaktionen und die Beschwerden der drei Familien nachvollziehen?
Nachdem die Situation so plakativ dargestellt und einseitig beleuchtet wurde, musste man sich ja fragen: Was macht eigentlich diese Schuldirektorin? Das hat mich sehr verletzt. Doch man muss die Komplexität der Situation und die Hintergründe kennen. Die Eltern scheinen den Fokus vor allem auf dem Schulweg zu haben. Ich habe den Fokus zwar auch auf dem Schulweg, aber primär auf dem Geschehen im Klassenzimmer. Die Herausforderung ist es, die Klassengrössen so zu gestalten, dass ein guter Unterricht stattfinden kann und ein gutes Wohlbefinden für Kinder, Lehrpersonen und Eltern ermöglicht wird.

Ihnen wurde ihr Kommunikationsstil vorgeworfen, sie würden Anfragen der betroffenen Familien abblocken.
Bezüglich der Kindergartenzuteilung habe ich allen Parteien einen Brief geschrieben und die Situation erklärt. Alle sieben Kinder aus der Vorstadt wurden bei der provisorischen Planung in den Kindergarten Wassergasse II eingeteilt. Aufgrund der vielen Wegzüge haben wir festgestellt, dass wir in der Vorstadt nicht drei Kindergärten führen können. Mit der beschlossenen Schliessung des Kindergartens Wassergasse II wurden die sieben Vorstadtkinder ins Hermesbühl eingeteilt. Dazu habe ich angeboten, ein Gespräch mit mir zu führen, oder aber eine anfechtbare Verfügung zu verlangen. Niemand verlangte ein Gespräch, drei Parteien jedoch die Verfügung. Als diese verschickt war, verlangte eine Partei das Gespräch und beharrte darauf, dass ihr Kind ins Dreibeinskreuz eingeteilt wird. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass ich auf sieben Kinder Rücksicht nehmen muss.

Ausnahmen sind nicht möglich?
Ausnahmen sind in Härtefällen möglich, etwa bei einer Handicapierung. Interessanterweise hat eben jener Vater erwähnt, seinerzeit auch im Hermesbühl zur Schule gegangen zu sein. Dass Vorstadtkinder ins Hermesbühl eingeteilt werden, ist offenbar kein Novum.

Es bleibt also bei der Einteilung?
Ja, und ich habe den Eltern mitgeteilt, dass ab Dienstag eine Wegbegleitung organisiert ist. Am ersten Schultag sind ja ohnehin die Eltern zuständig. Wir prüfen sowohl einen Pedibus wie auch die Variante mit dem öffentlichen Verkehr, also mit dem Bus von der Vorstadt bis zur Zentralbibliothek zu fahren. In beiden Fällen werden die Kinder begleitet. Der Schulweg wäre somit zumutbar. Die Varianten werde ich den Vorstadteltern am Montag präsentieren und sie in die Schulwegentscheidung einbeziehen.

Die Beschwerdeführer wollten wissen, wer ihre Kinder auf dem Schulweg begleiten wird.
Ja, doch ich gebe keine internen Informationen auf telefonische Anfrage an Einzelne heraus, alle Parteien sollen zum gleichen Zeitpunkt über dieselben Informationen verfügen. Ich stehe in der Verantwortung, für diese Begleitung geeignete Personen zu finden. Darauf muss man sich verlassen können. Ein Name ist dafür nicht entscheidend. Die drei Parteien haben mich zudem für ein Gespräch am Montag vergangener Woche angefragt. Da ich im Ausland in den Ferien war, konnte ich diesen Termin nicht wahrnehmen. Dass sie dann zur Presse gingen, fand ich nicht fair. Ich habe ein Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt angeboten, jedoch mit den anderen betroffenen Parteien.

Sind die Vorwürfe der Bürokratie aus der Luft gegriffen?
So stur, wie ich dargestellt werde, bin ich nicht, aber ich habe eine Linie. Individuelle Wünsche im Bildungsbereich sind an der Tagesordnung, da braucht es Orientierungspunkte. Ich bin immer bereit, nach alternativen Lösungen zu suchen. Ich bin nicht unflexibel, aber kann nicht auf Partikularinteressen eingehen, sondern muss in diesem Fall alle sieben Kinder und die Gesamtsituation im Auge behalten.

Haben Sie schon ähnliche Situationen erlebt?
Nein. Ich amte nun in meinem fünften Jahr, und die Bildung der Klassen ist jedes Jahr eine Herausforderung. Es braucht kreative Lösungen, die wir meist finden, und wo die Eltern meist toll kooperieren, manchmal auch über ihren Schatten springen. Dafür bin ich dankbar. Dass ich nun so etwas erlebe, erschüttert mich. Ich setzte auf Kreativität, Kooperation und engagiere mich gerne für die Sache und die Menschen. Ich bin überzeugt, dass die Strategie inhaltlich stimmt. Der Standort Hermesbühl für einen Kindergarten ist längerfristig richtig.

Wie geht es nun weiter?
Ich wünsche mir für die Kinder, dass sich die Aufregung in den nächsten Wochen legt und dass sie gerne im Hermesbühl sein werden. Es tut mir auch leid für die drei Parteien, denn ich kann nachvollziehen, dass sie nicht erfreut sind. Es geht hier aber nicht um Siegen oder Verlieren. Ich hoffe, dass uns ein konstruktiver Austausch gelingen wird.

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