Tatkräftig wird in der Küche Rösti gebraten und Kaffee ausgeschenkt. Eine Käseplatte und mehrere Krüge, gefüllt mit Orangensaft, stehen bereit. Frühlingsblumen und farbiges Geschirr schmücken die Tische. Abwechslungsreich unterhält die Solothurner Band Supersiech. Das 10-Jahre-Jubiläum des «z’Morgetisches» der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Solothurn wird gefeiert. Zahlreiche Helfer, Sponsoren und Zmörgeler haben zu einem ausgiebigen Jubiläumsfrühstück den Weg in das Gotteshaus an der Bielstrasse gefunden.

Eine stolze Anzahl von 40 309 «Frühstücker» hat der «z’Morgetisch» der Kirche in den vergangenen zehn Jahren verköstigt. Das sind 4479 Personen jährlich. Seit 2003 bereiten die Koordinatorinnen und Koordinatoren Evi Hostettler, Annarös Vonlan-
then und Fritz Stettler sowie 25 freiwillige Helferinnen und Helfer ein Frühstück für Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu.

«Frühstücken mit der Ersatzfamilie»

Am 12. Mai 2003 war der Startschuss des «z’Morgetisches». Seither sind unzählige Drogenabhängige, Asylsuchende oder Arbeitslose montags bis samstags von 7 bis 8 Uhr durch die Kirchentür geschritten. Manche Menschen wie Roland stossen von jeher zum Frühstück hinzu. «Die Helfer sind sehr gutmütig und gutgläubig», drückt er seine Dankbarkeit aus. Hier werde wirklich die Nächstenliebe gelebt. Schwester Sara Martina, die seit 1993 auf der Gasse Dienst tut, misst der gemeinsamen Mahlzeit grosse Wichtigkeit zu: «Der ‹z’Morgetisch› ist ihre Ersatzfamilie. Sie kommen morgens hierher, sehen immer dieselben Kameraden und essen gemeinsam.» Das gebe ihnen ein gewisses Heimatgefühl. Auch der Solothurner Richard besucht regelmässig den «z’Morgetisch»: «Von vielen werden wir Randständigen behandelt wie Strassenhunde, aber hier stehen die Leute aus Überzeugung zu uns.» Es fühle sich gut an, in herzlicher Atmosphäre zu frühstücken.

Nachfrage geht zurück

«Das Gratis-Frühstück wird sehr geschätzt», unterstreicht Pfarrer Urs Rickenbacher die Aussagen der zwei Männer. Aus ganz Solothurn und Umgebung suchen Personen in schwierigen Lebenssituationen den «z’Morgetisch» auf. Die Besucherzahlen schwanken jährlich zwischen 2500 und 6300 «Frühstücker». «Pro Morgen trudeln aktuell 5 bis 14 Personen ein», konkretisiert der Pfarrer. Die Anzahl sinke aber jährlich: Vor zehn Jahren seien es teilweise 40 Männer und Frauen gewesen. «Die Angebote für Randständige haben sich nachhaltig verbessert», begründet Rickenbacher die positive Entwicklung. Die Nachfrage nach dem Frühstück habe sich aber noch nicht ausgependelt. Deshalb lautet seine Devise: «Wir ermöglichen den ‹z’Morgetisch›, bis er nicht mehr genutzt wird.»

Vom Kloster in die Kirche

«Schwester Sara Martina hat ursprünglich den Stein ins Rollen gebracht», blickt Urs Rickenbacher auf die Anfänge zurück. Bevor das Solothurner Kapuzinerkloster im Jahr 2002 geschlossen wurde, hatten die Betroffenen dort ihren «z’Morgetisch» vorgefunden. Nach der Schliessung sei Schwester Sara Martina von den Randständigen immer wieder auf die fehlende Frühstücksmöglichkeit angesprochen worden: «Sie wollten, dass ich den Tisch wieder ins Leben rufe», so die Schwester über die ihr übertragene Verantwortung.

Als die Kirche mit anpacken wollte, schlug die Schwester ihnen das Weiterführen des Frühstückstisches vor. «Es war nicht einfach, die Aufgabe zu übertragen. Regeln mussten befolgt werden», erklärt die Expertin. Ihre jahrelange Tätigkeit auf der Gasse habe sie vieles gelehrt. So kommt es, dass der «z’Morgetisch» bis heute beispielsweise nur Löffel mit Löchern, keine Toilette und keine Untertassen besitzt.