An manchen Tagen braucht es bloss ein Konfibrot, eine Tasse Kaffee, Gipfeli und ein freundliches Wort, um ihnen, die es nicht leicht im Leben haben, einen geordneten Einstieg in den Tag zu ermöglichen. Was diese Menschen an der Bielstrasse 26 neben der Stärkung fürs leibliche Wohl finden, ist Struktur, Motivation, Hoffnung, Kontakt. Seit zwölf Jahren organisiert die evangelisch-methodistische Kirche von Solothurn (EMK) den «Zmorgetisch» für Randständige. Von Montag bis Samstag kümmert sich ein Team aus 25 freiwilligen Helfern aus dem Umfeld der EMK um Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen.

«Kraft für den Tag»

Mehrheitlich sind es Gäste mit Drogenproblemen. Ebenso finden sich hier auch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ein – so wie der 47-jährige Mann, der sich im Kreise einer kleinen Gästeschar ebenfalls an den Tisch gesetzt hat. Arbeitsstelle verloren und in ein tiefes, psychisches Loch gefallen – erzählt er in Kurzform aus seiner Vergangenheit. «Dieser Ort hier gibt mir Kraft für den Start in den Tag», sagt der türkischstämmige Mann, der bei Solodaris tätig ist. «Hier fühle ich mich mit meinen Sorgen nicht allein.» Und auch später trifft er auf der Strasse auf jene Leute, die er hier schon am Morgen begrüsste. Überdies sei es für ihn als Muslim kein Problem, dass das Angebot des «Zmorgetischs» unter religiösem Dach stattfindet: «Offenheit gegenüber allen Religionen ist mir wichtig.»

Seitens Helfer ist dafür genau dieser Grundantrieb massgeblich: «Es ist auch im christlichen Sinne, dass wir jemandem helfen, dem es nicht gut geht», sagt Fritz Stettler. Der 78-jährige Rentner leitet in einem Dreierteam das Angebot und ist zudem für den Einkauf und die Koordination der Arbeitseinsätze zuständig. In der Gretchenfrage sieht es seine Frau Elisabeth ähnlich wie er: Ihre Tochter geriet in die Drogensucht, konnte sich aber wieder fangen und hat heute eine Familie mit drei Kindern. «Ich helfe hier aus Dankbarkeit zu Jesus, der unserer Tochter geholfen hat», sagt sie mit Überzeugung. Fast seit Anbeginn dabei ist auch Regula Reinhard: «Der ‹Zmorgetisch› gibt mir die Möglichkeit, mich einzusetzen und mit Menschen in Kontakt zu treten, zu denen man sonst überhaupt keinen Zugang hätte.»

Ein Rückgang ist spürbar

Im Mai 2003 öffnete der «Zmorgetisch» erstmals seine Pforten. Mit der damaligen Schliessung des Kapuzinerklosters verloren viele der damaligen Randständigen einen wichtigen ersten Anhaltspunkt ihrer Tagesstruktur. Im Kloster nämlich war ihnen ein Frühstück bereitet worden. Dann sprangen die Initianten der EMK in die Bresche: Von Schwester Sara Martina, die sich selbst bis heute bei der Gassenarbeit engagiert, wurden sie über die Besonderheiten einer solchen Dienstleistung informiert. «Da mussten wir erfahren, dass in jedes Löffelchen ein Loch gehört», sagt Stettler und hält einen Teelöffel in die Höhe. Gerade Heroinabhängige benötigen nämlich kleine Löffel, um das Rauschgift für die Injektion vorzubereiten und versuchen dementsprechend, an geeignetes «Bschteck» ranzukommen.

Während im Jahr 2004 über 6200 Randständige das Angebot nutzten, waren es vor sechs Jahren noch 2600, 2013 dann aber wieder 4400 Gäste. An Spitzentagen machten sich bis zu 40 Besucher auf den Weg zum «Zmorgetisch». Bis heute pendelte sich der Schnitt bei weniger als 10 Gästen ein. «Viele der Gäste sind unterdessen gestorben», sagt Fritz Stettler: «Es macht traurig, dass auch solche darunter waren, die sich das Leben nahmen.» Zudem wird vermutet, dass die Schliessung der offenen Drogenszene gegen Ende der 1990er und die Rückkehr der Abhängigen in ihre Gemeinden den Rückgang mitbeeinflussten.

Das Angebot der EMK finanziert sich mit Kosten von 3000 bis 4000 Franken im Jahr. Brot vom Vorabend wird von der Konsumbäckerei zur Verfügung gestellt, Kirchenmitglieder steuern selbst gemachte Konfitüre bei und kleine Spenden decken weitere Kosten – obwohl diese in letzter Zeit etwas zurückgegangen seien, wie Stettler festhält. Von öffentlichen Geldern wird der «Zmorgetisch» in der Regel nicht unterstützt, dafür erhalten die Helfer auf Anfrage Zuwendungen vom Armenverein der Stadt Solothurn.

Wertvolle Stunde an Zuwendung

Für einen sporadischen Abstecher schaut an diesem Morgen auch Kai vorbei. Er ist für einen gemeinnützigen Einsatz in Solothurn. Der 31-jährige Mann aus Rumisberg wohnte vor zwölf Jahren hier: «Jetzt habe ich eine Frau kennen gelernt und bin wieder im Bernischen daheim», sagt er. Zerrüttete Familienverhältnisse und ein Drogenabsturz zeichnen seinen Lebensweg. Und doch kommt er gerne hierher zurück.

«Der ‹Zmorgetisch› dauert halt jeweils nur eine Stunde», sagt Fritz Stettler von der Teamleitung des Angebots. Und doch ist die Wertschätzung der hier geleisteten Ehrenarbeit auch in dieser kurzen Zeitspanne spürbar – so auch beim 50-jährigen Samuel aus Moutier. Nach der Abgabestelle Gourrama beim Westbahnhof ist der «Zmorgetisch» seine nächste Station. In der Westschweiz gebe es wenige solcher Strukturen wie hier, sagt Samuel. «Ich fühle mich vom Team hier ernst genommen.» Wichtig ist für ihn auch, dass kein kirchlicher Bezug nötig ist, um hier Gast zu sein. «Man muss nicht beten, sondern kann einfach nur mit den Helfern reden.» Geld gibt es keines für die Randständigen, nur Kost und Kontakt. «Und wenn jemand unsere Hilfe beansprucht, die wir ihm geben können, helfen wir natürlich», sagt Stettler.

Nicht häufig, aber doch manchmal gibt es Lichtblicke: Menschen, die wieder Fuss im Leben fassen und die aus diesem Grund nicht mehr am «Zmorgetisch» erscheinen. Oft schätzen die Gäste, dass sie neben der menschlichen Wärme auch etwas Wegbrot mitnehmen können. «Möchtest du noch etwas?», klingt es von einer Helferin aus der Kochnische. «Ich bin wunschlos glücklich», ist aus der anderen Ecke zu hören. «Essen, reden, eine gute Zeit haben, der Ort hier erschafft einen positiven Moment im Tag», so Samuel. Denn negative hat er genug hinter sich.