Solothurn

Wo sich Gassengeflüster und Polit-Talk gute Nacht sagen

Moderator Jens Wachholz mit Gast Franziska Roth, Regieassistenz Vera Probst und Studiomusiker Basil Medici

Moderator Jens Wachholz mit Gast Franziska Roth, Regieassistenz Vera Probst und Studiomusiker Basil Medici

In der Kulturgarage feierte mit «11 nach 9» eine Bühnenform Premiere, die als Talkshow daherkommt.

Ein Fazit gleich am Anfang: Dieses Format hat Solothurn gerade noch gefehlt. So ganz plötzlich fasst an einem Donnerstagabend die mondäne, bunte und vor allem lustige Welt der spätabendlichen Talkshows in den Niederungen einer Kleinstadt Fuss. «Dabei ist es eine Theaterveranstaltung, die so tut, als ob sie eine Sendung wäre», erklärt Jens Wachholz und ergänzt: «Aufgezeichnet wird der Mist auch noch.» Unter dem Titel «11 nach 9» hat der Schauspieler zusammen mit Regiefachfrau Vera Probst am Donnerstagabend in der Kulturgarage eine durch Satire überzeichnete und mit Lokalkolorit überpinselte Veranstaltung aus der Taufe gehoben. Eine, die damit beginnt, dass Anchorman Wachholz die musikalische Ein-Mann-Combo namens Kuga Libre oder Basil Medici beim Stadion des FC Solothurn stehen lässt. Musikalisch in die Lücke springt das zum Singen animierte Publikum: Folkloristisch wird auf die aktuelle Zeit zwischen HESO und Weihnachtsmann angestimmt. Im Sinne einer Presseschau wird davor gewarnt, ferienhalber aus der Stadt zu fliehen – nicht nur wegen des persönlichen CO2-Fussabdrucks. Apropos Abdruck: Mit «Esel trampelt deutsche Touristin (67) tot», dämmt die an die Leinwand gebeamte «Bild»-Schlagzeile die Ferienlaune. Das finden zumindest auch die anwesenden Zuschauer der Talkshow, die – was zu beweisen war – an diesem Abend in die Kuga strömten.

«Wir haben viele Kosten, aber keine Mühen gescheut», wiederholt Wachholz an diesem Abend mehrmals und zeigt das aufgemotzte, frisch möblierte Kuga-Studio mit «neu ausgerichteten Scheinwerfern.» Auch für einen VIP-Tisch mit Schämpiskühler und Gesehenwerden-Garantie hats noch gereicht. Doch was ist mit besagten Kosten? Diese werden – neben Crowdfunding – durch die Sponsoren und Ausstatter getragen, deren Name immer und immer wieder fällt. Was in Form einer patriotischen Ehrerbietung für ein 70-Jahr-Firmenjubiläum gipfelt. Dabei: Produkteplatzierungen in extremis haben Wachholz und Probst ja nicht selbst erfunden. Sie kokettieren aber gerne und ausgiebig damit – live oder in Filmeinspielern, die aber auch noch anderes zeigen: Beispielsweise, wie Kurt Fluri und Bundesrat Maurer nach der HESO-Eröffnung zum Umtrunk in die «Krone» davonschleichen; oder welche Zukunft dem Hoffnungsträger FC Solothurn bevorsteht; oder Einspieler, die die Malaise der Bahnhofssicherheit satirisch ad absurdum führen: «Es zeigt, dass es zwischen Bankomat und ‹Avec› ein mobiles Piano braucht, um die Gemüter zu beruhigen», so Wachholz.

Wenn Roth plötzlich weiss mag

Doch was wäre eine Talkshow ohne Talkgast? Ein integraler Bestandteil auch bei «11 nach 9», zur Premiere bestritten durch die «ehemalige Fast-Stadtpräsidentin» und Heilpädagogin Franziska Roth. Da wird aus dem Nähkästchen geplaudert. «Jedes meiner Schulkinder weiss, dass ich die weissen Gummibärli mag und nicht die roten», sagt Roth zum Verpflegungsangebot auf dem Studiotisch. Wie es ihr denn ergangen sei nach der Wahlniederlage vom 2. Juli? «Gut, ich habe vielen politisch die Leviten gelesen», sagt Roth. Gemeint sind wohl die abtrünnigen Fluri-Wähler aus den eigenen Reihen. Freude hatten ihre Schüler – darüber, dass ihnen Frau Lehrerin erhalten bleibt. Derweil blickt Wachholz auf einen «fast schon amerikanisch geführten Wahlkampf» zurück. Roth erwidert: «Man las nur, was man hätte anders machen sollen – in einer Studentenverbindung oder Fasnachtsclique sein. Doch als Frau? Als Mann wäre ich zu 100 Prozent gewählt worden.» Und hätte in diesem Amt wohl gut verdient. Doch ihr Image als linkste Nationalratskandidatin, das nehme sie gerne auf sich. Ihr Kampf gehe indes weiter, fürs CIS und gegen den Dornröschenschlaf im Solothurner Nachtleben. Der einzige Schlagabtausch zwischen Wachholz und Roth wurde in Form eines «Campus Sportivo» vors Publikum gebracht, ein kurzweiliger Ping-Pong-Match im Kuga-Keller. Gefolgt von einer eher langatmigen Schlussgerade des Talkabends. Spätestens, als die Diskussion aus der Sphäre des Lokalen in eine globale energiepolitische Debatte um die «Rolle des Atoms» abgleitet, beginnt das Publikum unruhig zu werden, und Anchorman Wachholz zündet sich in TV-Manier der Sechziger eine Zigarette an. Auch so darf Unterhaltung.

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