Solothurner Marktleute
Wo Hofhund «Sämi» auftaucht, beginnt ein Paradies

Die Familie Reinhart vom Heissackerhof zwischen Oberrüttenen und Oberdorf ist vom Solothurner Märet nicht mehr wegzudenken. Wir haben die Marktfahrerfamilie zuhause besucht.

Katharina Arni-Howald
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Die Familie Reinhart (hinten, v.l.): Denise, Martin und Hanni Reinhart; vorne, v.l.: Hofhund Sämi, Carole, Michelle und Fabienne.

Die Familie Reinhart (hinten, v.l.): Denise, Martin und Hanni Reinhart; vorne, v.l.: Hofhund Sämi, Carole, Michelle und Fabienne.

Wolfgang Wagmann

Ein kleines Paradies hoch oben über dem Aaretal. Im Osten der Wald, im Süden der Blick auf die Alpen, im Westen aufs Drei-Seen-Land und bergwärts neben einem Gerstenfeld Gemüsekulturen, so weit das Auge reicht. Wer sich dem Heissackerhof zwischen Oberrüttenen und Oberdorf nähert, wird vorerst von geschwätzigen Hühnern und Sennenhund Sämi begrüsst, der sich vertrauensvoll an die Besucher schmiegt. Keine Frage: wer so wohnt, braucht nicht in die Ferien zu fahren – oder doch? Denise Reinhart lacht: «Ich würde ganz gerne hie und da ein bisschen wegfahren, das wäre bloss eine Sache der Organisation. Aber die Kinder werden jedes Mal krank vor Heimweh.»

Auf dem Märet: Wer dahinter steht

Jeden Samstag stehen sie bei Wind und Wetter hinter ihrem Märetstand und verkaufen ihre Produkte ab dem Hof. Manche Marktfahrer sind gleich mit zwei Generationen in der Solothurner Altstadt präsent, und manchmal hilft auch schon die dritte Generation mit. Doch die wenigsten Kundinnen und Kunden wissen genau, bei wem sie einkaufen. Wir stellen deshalb in den nächsten Wochen einige Marktfahrerfamilien vor, die schon seit vielen Jahren Solothurn die Treue halten. (ww)

Auch die Stammkunden auf dem Solothurner Märet würden die junge Bauernfamilie vermissen, was nicht weiter erstaunt. Nebst dem saisonalen Gemüse und den frischen Eiern haben Denise und Martin Reinhart stets auch frisches Brot, selbst gemachte Konfitüre und Sirup im Gepäck, wenn sie am Mittwoch und Samstag in die Stadt fahren. Dann schiebt die junge Bäuerin morgens um fünf Uhr bereits 50 frisch geknetete Brote in den Ofen, während sich Martin Reinhart ums Gemüse kümmert und Mutter Hanni Reinhart Blumen pflückt, mit denen sie den Stand hübsch dekoriert.

Ein gut funktionierendes Team

Hanni Reinhart kennt den Solothurner Märet seit ihrer Kindheit. «Ich habe mich immer gefreut, wenn ich mit meinem Vater und dem Bockwagen von Attiswil in die Stadt fahren durfte», erinnert sie sich an die Zeiten, als es noch keine eigentlichen Marktstände gab und man die Ware in Körben auf der Strasse zum Verkauf anbot. «Einmal bin ich über den Trottoirrand gestolpert und im Eierkorb gelandet», lacht sie. «Damit wurde ich immer wieder gehänselt.»

Heute sind Schwiegertochter, Sohn und Mutter ein gut funktionierendes Team. «Jeder tut das, was ihm am besten liegt», sagt Denise Reinhart. Wenn neue Setzlinge geliefert werden, helfen auch die drei Töchter, zwei davon Zwillinge, beim Anpflanzen mit. «Wir sind glücklich, wenn wir den Leuten in der Stadt Freude bereiten können», betont sie.

In jeder Jahreszeit steht die Familie Reinhart an den Markttagen vor der Leinenstube, und etliche Kunden bedanken sich dafür mit kleinen Aufmerksamkeiten. «Im Winter kann es sein, dass sie uns eine Tasse Kaffee bringen. Und hie und da erhalten wir auch ein kleines Geschenk, wenn unsere Kunden ferne Länder besuchen.» Einige erzählen auch aus ihrem Leben, berichten von Krankheiten und Schicksalsschlägen. Viele kenne man beim Namen und wisse auch, woher sie kämen – oft sogar aus Basel, Zürich oder Biel. Nicht gezählt wurden die, die plötzlich wegblieben. In solchen Fällen hat Hanni Reinhart auch schon angerufen – meist hat sich ein schlimmer Verdacht bewahrheitet.

Neid ist ein Fremdwort

Und wie verträgt man sich am Märet? «Mir heis gäbig mitenand», sagt Hanni Reinhart. Man sei wie eine grosse Familie, gehöre zusammen. Neid? «Nein, ich mag es jedem gönnen, wenn er gut arbeitet. Aber wenn wir vor allen anderen einen frischen Salat oder ein Gemüse anbieten können, macht uns das stolz.»

Auch mit der Marktpolizei ist das Verhältnis gut. Das war nicht immer so. «Früher», sagt Hanni Reinhart, «als ich noch mit dem Vater z’ Märet fuhr, waren die Polizisten Herren, denen man Respekt zollen musste.» Man habe Angst vor ihnen gehabt und stets aufgepasst, dass keine Rostflecken an der Sauerkrautgabel waren. «Das heisst aber nicht, dass wir keinen Respekt mehr vor der Polizei haben», ergänzt Martin Reinhart. «Sie sind heute nur viel freundlicher als früher.»

Die Zeit auf dem Heissackerhof, auf dem auch Milchwirtschaft, Aufzucht und Ackerbau betrieben wird, ist rasch vergangen. Am Ende des Gerstenfeldes sieht man ein junges Mädchen auf einem Pferd galoppieren. Wen wundert es da, dass die Reinhart-Töchter ihr Paradies nur ungern verlassen?