Solothurn

Wo die Überlebenden von sexueller Gewalt Kraft schöpfen können

«Sogar meine Mutter gab mir das Gefühl, selbst schuld zu sein», erzählt eine «Überlebende».

«Sogar meine Mutter gab mir das Gefühl, selbst schuld zu sein», erzählt eine «Überlebende».

Eine neue Selbsthilfegruppe widmet sich in Solothurn einem schwierigen, wichtigen Thema: der sexuellen Gewalt an Frauen.

Ein kleines Kätzchen erspäht sein eigenes Spiegelbild und sieht darin einen ausgewachsenen stämmigen Tiger. Mit diesem Flugblattmotiv macht eine jüngst gegründete neue Selbsthilfegruppe in Solothurn auf sich aufmerksam. Seit Mai treffen sich monatlich Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, und dies zum Teil unter dem eigenen Familiendach. Das Tigermotiv löst bei ihnen ganz besondere Assoziationen aus: Stärken dort erkennen, wo in der Vergangenheit ein zerstörerisches Trauma gewütet hat, dort, wo der Schatten des Erlebten das Selbstbild verfinstert und die Selbstachtung schwächt.

Viele Erinnerungen fehlen

Bei Barbara*, heute 38, begann diese Verfinsterung der Seele bereits im Kindergartenalter. Der Täter war der Vater, und er wurde es täglich von Neuem, psychisch und eben auch physisch, mit Schlägen oder sexuell – und dies, bis sie 20 war. Die Mutter schaute zu, dann weg und schwieg, richtete im Erdgeschoss des Hauses ein Zimmer ein, um die inständigen Erniedrigungen ihrer Tochter ausser Sicht- und Hörweite zu halten. Die meisten Erinnerungen und Zusammenhänge fehlten Barbara lange Zeit – und viele fehlen bis heute. Oftmals beschäftigen sie Wahrnehmungsstörungen – das Gefühl, nicht gehen, sich nicht spüren zu können.

Die Psyche schützt sich selbst, heisst es, aber eben nur bis zu einem bestimmten Grad. Doch immer schon bestand das Gefühl, das etwas nicht stimme, erinnert sich Barbara. Die Familie leugne bis heute was geschah, und sogar die Mutter steht nicht zu ihr: «Sie gab mir das Gefühl, selbst schuld zu sein.» Und: Dass ihr niemand glauben würde. Aussage gegen Aussage. «Erzähle ich von den erfahrenen Übergriffen, ernte ich meistens Unverständnis: Die Leute wenden sich von mir ab.» Im Dorf, in dem sie aufwuchs, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu schweigen. Unverstanden fühlt sie sich aber auch von jenen sozialen Auffangnetzen, die sie in der Verarbeitung unterstützen sollten. Antidepressiva oder andere Psychopharmaka will sie nicht nehmen, stattdessen nimmt sie sich vor, stark zu sein, ihr Trauma nicht mit aufschiebender Wirkung zu betäuben – und nicht ruhiggestellt zu werden. Sie schreibt zur Aufarbeitung Zeilen, über ihren Vater und Peiniger, und an ihn: «Bin in Fesseln gelegt, bewegungslos. Du bist stärker, ich habe verloren. Du hast die Macht.»

Die Aufarbeitung beginnt

Barbara ist heute Hausfrau, Mutter von drei Kindern im Schulalter und lebt in der Trennung. Erst durch eine Traumatherapie, die sie seit vergangenem Jahr macht, begann die Aufarbeitung und das Bewusstwerden seelischer Wunden. Durch den Therapeuten sei sie letztlich auch auf die neu entstehende Selbsthilfegruppe aufmerksam geworden. Während ihr in der Welt «draussen» die Unterstützung, das Verständnis fehlt, fühlt sie sich umso mehr von der Selbsthilfegruppe getragen und ermutigt, zu sich selbst und zur Lebensgeschichte zu stehen, sich nicht als «Opfer» oder als Schuldige zu sehen, sondern als «Überlebende». «Es ist auch wichtig zu erkennen, dass ich nicht die Einzige bin und dass wir zusammen stark sind.»

Im Zentrum der Gespräche stehen denn auch nicht Ratschläge, Tipps oder die extreme Konfrontation mit dem eigenen Schmerz. «Wir sprechen auch nicht direkt über unsere Schicksale.» Vielmehr sei es Ziel, ein lebenswertes und unbeschwertes Leben leben zu können – und das ohne Medikamente, vor allem auch ohne Selbstverletzung und ohne Suizidversuche, sagt Barbara. Darüber hinaus soll die Selbsthilfegruppe aber auch noch ein Signal der Überlebenden sein. «Unser Anliegen ist es, zu einer grossen Zahl Überlebenden zu werden», sagt Barbara. Noch seien es lediglich vier Frauen, die Teil der Gruppe sind – will heissen: «Noch liegt ein langer Weg vor uns.»

* Name der Redaktion bekannt

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