Vom roten Bierdeckel mit dem stilisierten Chutz bis zum riesigen Wandgemälde an der Mauer aus Originalbruchsteinen atmet alles den Geist von Ferdinand Kaus, dessen Familienwappen der Eulenvogel ziert. Der 1996 verstorbene Kunstmaler hatte am 1. Juli 1963 ein Restaurant eröffnet, das im Solothurn der bürgerlichen Beizen und barocken Zunftstuben Staunen auslöste: den «Chutz».

«Sichtbeton war damals noch völlig unbekannt», erzählt Marta Kaus, die am 10. März 1965 erstmals im Restaurant ihres Mannes war - und seither dort geblieben ist. Zuerst hinter der Theke und damit etwas im Schatten der magistralen Frontfrau, «Louisli» Böhler, die 1992 verstarb. Seither ist Marta Kaus mit ihrem seit Jahrzehnten bestehenden Team die Seele des «Chutz», und bekocht auch ihre Gäste. Beispielsweise mit Forellenknusperli, die sie selbst aus frischem Fisch herstellt. «Und am Freitag und Samstag gibts auch immer ein Menü.»

Ein Treffpunkt für alle

Architekt Ferdinand Zaugg hatte vor 50 Jahren ein ganz spezielles Haus geschaffen, die Galerie mit dem Beton-Treppengeländer, auf dem die Gäste gerne hinunterrutschten, ist in Solothurn immer noch einzigartig. Auch wenn heute vom «SolHeure» bis zum «Salzhaus» nebenan viele In-Lokale wieder auf die frei gelegten Bruchsteinmauern aus alten Zeiten setzen - keins von ihnen kann die Nikotin-Patina des «Chutz» vorweisen, der 1963 mit dem Abbruch der alten Mostwirtschaft im vorderen Bereich und einer Wohnung gegen die Gerberngasse entstanden war.

«Eigentlich ist noch alles gleich wie vor 50 Jahren, mal abgesehen vom Fumoir», erklärt Marta Kaus. Die nicht ganz billige Glas-Schiebewand trennt das stimmige Lokal im Parterre in zwei Hälften. «Bei den Jazz-Matinées können wir sie öffnen» - denn noch immer wird im «Chutz» gefeiert und «gmusiget», was das Zeug hält. Hier stand die Wiege der Kult-Gugge Gugaaggeri, aus dessen Kreis Rolf Rickenbacher die Jazz-Matineen mit Grössen wie den Amis du Jazz de Cortaillod lancierte.

Unvergesslich die Babblers-Konzerte im Advent, die Jam-Sessions aller Art. Und noch immer ein spezieller Moment ist alljährlich der Nachmittag des 24. Dezember, wenn alte und neue Stammgäste zum Weihnachtsbier Erinnerungen austauschen.

Eine Institution für Solothurn

«Der ‹Chutz› ist eine Institution und gehört zu Solothurn wie St. Ursen», meint Marta Kaus als längst dienstälteste Wirtin der Stadt. Sie hat viel gesehen und erlebt. «Ich wohne im Haus und habe mein Leben hier verbracht - auch die Ferien.» Sie lacht. Obwohl es auch harte Zeiten gab, als in den achtziger Jahren draussen auf dem Landhausquai Dealer flanierten.

Und die Wirtsfrauen sich energisch dagegen wehren mussten, dass die Szene den «Chutz» in Beschlag nahm. «Auch mit vielen Hausverboten», erinnert sich Marta Kaus. Vieles habe sich gebessert, auch dank neuen Lokalen entlang des Quais. Die «Chutz»-Wirtin macht mit beim Landhausquai-Fest, das wieder am 27. Juli steigt, und freut sich jeden Tag über ihre Gästeschar. «Jetzt kommen ja schon die Mütter mit dem Kinderwagen.» Der «Chutz» war zehn Jahre vor dem «Kreuz» Anlaufstelle für den jungen Peter Bichsel, lange die einzige Beiz mit Aareterrasse in town, und ist immer noch eine Oase für viele geblieben. «Den einst blauen Flügel mussten wir seinerzeit durch einen neuen schwarzen ersetzen», zeigt Marta Kaus auf das lackglänzende Instrument in der Restaurantmitte.

Wie immer steht eine Vase mit prächtigen Blumen drauf. «Wenn jemand spielen will, kann er bei mir den Schlüssel verlangen.» Marta Kaus ist Schlüsselfigur auch für die «Chutz»-Gäste, «und solange es geht, will ich das bleiben.»