Solothurner Vorstadt

Wirt entfernt die schönsten Jugendstil-Fenster, weil er mehr Licht will

So sahen die alten Fenster aus. H

So sahen die alten Fenster aus. H

Weil er mehr Licht in seinem Lokal wollte, entfernte der Betreiber des indischen Restaurants Lucky in der Solothurner Vorstadt seine Jugendstilfenster - sehr zum Leidwesen der Denkmalpflege. Sie will die Fenster zurückhaben.

Der Raum ist hell und gemütlich – obwohl draussen die Wolken tief hängen. Die Gäste des Restaurants Lucky sitzen an der Fensterfront, lösen Kreuzworträtsel oder lesen die Zeitung. Bis vor kurzem wäre das ohne zusätzliche Lampen nicht möglich gewesen. Denn im Haus am Rossmarktplatz waren Jugendstilfenster eingebaut und diese liessen nur wenig Licht herein.

Vor sechs Monaten übernahm Lakhvir Singh hier als Pächter und richtete ein indisches Restaurant ein. «Die Fenster waren schön, aber nicht praktisch», sagt Singh. Sie seien verzogen gewesen, sodass ständig Durchzug geherrscht habe. Zudem hätten die Fenster das Innere des Restaurants düster wirken lassen. «Unsere Gäste wünschten, dass es hier heller wird», sagt Singh. Deshalb hätten er und der Besitzer des Hauses beschlossen, die Fenster auszuwechseln.

Überraschung für die Denkmalpflege

«Wir waren überrascht zu erfahren, dass die Fenster weg sind», sagt dazu Urs Bertschinger, Bauforscher der kantonalen Denkmalpflege. Ein Mitarbeiter habe vor rund zwei Wochen das Fehlen der Fenster bemerkt. «Wir von der Denkmalpflege haben nichts von diesem geplanten Umbau gewusst.» Es habe sich um einige der schönsten noch erhaltenen Jugendstilfenster der Stadt gehandelt. «Deshalb ist das für uns eine verrückte Geschichte», so Bertschinger.

Das Haus am Rossmarktplatz steht zwar nicht unter Denkmalschutz, dennoch müssen Veränderungen mit dem Stadtbauamt abgesprochen werden. Wird die Fassade eines Hauses verändert, muss die Altstadtkommission ihr Einverständnis geben. Ob in diesem Fall mit dem Ersetzen der Fenster automatisch auch eine Veränderung der Fassade einherging, ist gemäss Denkmalpflege nicht klar. «Dieser Fall bewegt sich in einem Graubereich», sagt Bertschinger. Er sei jetzt am abklären, ob eine Bewilligung nötig gewesen wäre. «Im Moment ist es noch zu früh, um sagen zu können, ob rechtliche Schritte nötig werden.»

Sicher ist, dass die Denkmalpflege die Jugendstilfenster zurückhaben will. «Soweit wir informiert sind, wurden sie nicht weggeworfen», so Bertschinger. Ein Gast habe die Fenster dem Besitzer der Liegenschaft abgekauft. «Wir sind in Kontakt mit dem Besitzer und sind dabei herauszufinden, wo die Fenster jetzt sind», so Bertschinger. Der Besitzer konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.

Zufriedenheit der Gäste erstrangig

Martin Tschumi, Präsident der Vereinigung Pro Vorstadt, findet es gut, dass die Häuser in der Vorstadt renoviert werden. «Und ich kann den Standpunkt der Betreiber des Restaurant Lucky nachvollziehen», sagt Tschumi. Allerdings müssten bei Renovationen die Regeln eingehalten werden, damit das Stadtbild harmonisch bleibe.

Für den Pächter Lakhvir Singh ist klar, dass die Fenster wertvoll waren. «Mir sind Kultur und Tradition von Gebäuden sehr wichtig», sagt Singh. Ein denkmalgeschütztes Bild im Inneren des Restaurants habe er mit einer Plexiglasscheibe schützen lassen. «Dieses Bild hätten wir natürlich nie entfernt», so Singh. Auch eine Jugendstil-Lampe an der Decke und die alten Fenster an der Seite des Hauses würden dort bleiben, wo sie jetzt sind.

Aber für ihn stehe die Zufriedenheit der Gäste im Vordergrund: «Ich muss dazu schauen, dass meine Gäste jeweils nach dem ersten Besuch zurück kommen, und dafür ist eine gemütliche Atmosphäre sehr wichtig.» Dazu tragen seiner Ansicht nach grosse Fenster und gutes Licht bei. «Mit den neuen Fenstern haben wir nun auch mehr Gäste», sagt Singh.

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