Solothurn
«Wir wurden total allein gelassen» — Paar leidet unter Schäden von Sturm Burglind

Der Baum, der auf das Dach ihrer Wohnung an der Bergstrasse gekracht war, hat das Bewohnerpaar traumatisiert.

Wolfgang Wagmann
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Am Mittwoch war die Bergstasse den ganztags gesperrt, weil per Kran ein Notdach für das Haus mit einem Schaden von 200'000 Franken installiert werden musste.

Am Mittwoch war die Bergstasse den ganztags gesperrt, weil per Kran ein Notdach für das Haus mit einem Schaden von 200'000 Franken installiert werden musste.

Wolfgang Wagmann

182 Telefonanrufe liegen hinter dem Ehepaar H*. Von Pontius bis Pilatus sind sie gerannt, und nach allem überwiegt ein Eindruck: «Wir wurden allein gelassen». Von den Gemeinden, Verbänden und Versicherungen. Seit dem Sturmtag am 3. Januar ist nichts mehr so, wie es gewesen ist.

«Plötzlich hetts dätscht!», erinnert sie sich. «Und dann dachte ich: «Jetz isch sie cho. Jetz müesse mer nümme Angscht ha!» Doch B. stand unter Schock, oben in ihrer Wohnung an der Bergstrasse 53. Der Baum war aufs Dach gekracht.

«Ich sass da, und links und rechts von mir waren Äste. Auch meine zwei Hunde waren geschockt.» Ihr Mann habe sie dann aus dem Zimmer gezogen. Die beiden Eheleute nächtigten vorerst einmal im Gästezimmer. «Als wir um Mitternacht heimkamen, war das Schlafzimmer unterstüpert.» Und beim Geknatter der Plastikblachen hätten sie kaum ein Auge zugebracht.

Wo unterkommen?

Dann war klar: Hier können wir nicht mehr bleiben. Die Erkenntnis, dass trotz der Warnung ihrer Vermieter vor dem gefährlichen Baum, nichts geschehen war, um dem Unheil vorzubeugen, nagte an ihnen. Auch eine Begegnung mit der Nachbarin, der Besitzerin des Königshofs und des Baumparks, hatte B. zu denken gegeben: Ja wenn man neben Bäumen wohne, könne immer etwas passieren, habe sie gesagt. Und auch dass niemand verletzt worden sei, findet sie stossend. B: «Ich wurde traumatisiert und muss seither regelmässig eine Spezialistin aufsuchen.» Mit dem öV, kilometerweit ins Wasseramt.

Doch am meisten nervt sich ihr Mann noch immer über die schwierige Suche nach einer Unterkunft. In Rüttenen wollten oder konnten weder die Einwohnergemeinde noch die Bürgergemeinde Hand bieten für eine Lösung. «Dabei waren wir ein echter Notfall», so P. Bei der Stadt Solothurn habe man ihn ans Tourismusbüro verwiesen.

«Doch die Ferienwohnungen waren besetzt vor allem auf die Filmtage hin. Und mit Hunden wird es ohnehin sehr schwierig. Auf dem Campingplatz gibt es nur ein Häuschen, wo Hunde geduldet sind.» So gesehen war auch das Angebot des Hotels Roter Turm nur ein Tropfen auf den heissen Stein, zumal auch dort die Filmtage für ein volles Haus sorgen. «Wir mussten regelrecht umziehen. Nur gerade zwei Zimmer sind von den Reparaturarbeiten so ausgespart, dass wir dort die Möbel einstellen konnten, die wir nicht brauchten.»

Niemand wollte ein Kurzmiet-Verhältnis eingehen – für das obdachlose Paar war schlicht einfach niemand zuständig, auch vom Hauseigentümerverein wie vom Mieterverband fühlten sich beide im Stich gelassen. Und so sorgte zuletzt nur Meister Zufall für eine Lösung: Ein mit den Arbeiten betrauter Zimmermann konnte schliesslich dem Ehepaar zu einer Unterkunft verhelfen. «Mit zwei, drei Monaten müssen wir rechnen, bis wir wieder einziehen können.»

«Ihr müsst alles fotografieren»

Bei B. wurden posttraumatische Störungen diagnostiziert, ihr Mann hatte einen Schock zu verarbeiten. Trotzdem musste das Ehepaar irgendwie funktionieren. Und sich beispielsweise mit Versicherungen herumschlagen. «Von denen kam niemand vorbei. Es hiess: Ihr müsst einfach alles fotografieren.» Es geht um Zuständigkeiten, einen Selbstbehalt von 600 Franken und x Details. Wie beweisen, dass die schockierten Hunde auf die Polstergruppe uriniert hatten? «Man wird total alleingelassen», sind sich B. und P. einig.

«Ganz schwach» sei das Verhalten der Behörden gewesen. «Ich bin doch keine Touristin», ärgert sich B. «Ich liebe diese Wohnung, aber ich weiss nicht, ob wir je hier weiterleben können – ich bin noch gar nicht im Alltag angekommen.» Ausser mit den Hunden spazieren, gehe für sie noch nichts. Bei jedem Geräusch «stehen wir im Bett», sagt er. Seit sie im Oktober 2016 eingezogen seien, habe man das mit dem Baum «sehen kommen». Und nichts sei passiert – bis es dann eben passiert ist.

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