Thema Wilhelm Tell. Friedrich Schiller hatte den Mythos – oder besser das Mythengeflecht – in seinem Schauspiel in Form gebracht: Der Einzelkämpfer Tell, der aus Rache für den grausamen Befehl, auf seinen Sohn schiessen zu müssen (Apfelschuss), Vogt Gessler ermordet (Hohle Gasse). Der erfolgreiche Freiheitskampf unterdrückter Volksgruppen, die auf einer Wiese (Rütli) eine Eid-Genossenschaft gründen. Damit verbunden der Herkunftsmythos – nein, die Urner, Schwyzer und Unterwaldner sind keine «Ureinwohner», sondern Eingewanderte.

Daniela Janjic nimmt in ihrem Schauspiel «Tell» Schiller beim Wort, konfrontiert aber junge Männer und Frauen («wir sind eine Gruppe von überallher») aus der multikulturellen Stadt Biel mit diesen Mythen. Diese Menschen stellen fest, dass «die Welt aus den Fugen», vieles «ziemlich beschissen» ist.

Oder was soll man von einer Gesellschaft halten, in der funktionierende Abläufe wie die Abfallentsorgung oder der öffentliche Verkehr als Grundrechte betrachtet werden? Das Gute an einem Mythos sei, dass es klar verteilte Rollen gibt. Aber eben, man lebt nicht einen Mythos.

Im Schauspiel «Tell» wird dieser auf die Realität heruntergebrochen. Da wird frisch von der Leber weg assoziiert: Melchtal (Tom Kramer) und Pussy Riot, Gessler (Günter Baumann) und Adolf Eichmann, Madame Attinghausen (Barbara Grimm) und Christoph Blocher, Wilhelm Tell (Vincent Fontannaz) und Robin Hood, Hedwig Tell (Atina Tabé) und Michelle Obama.

Lebhaft und differenziert

Die Auseinandersetzung der jungen Menschen mit den ganz hervorragend umgesetzten Szenen aus «Wilhelm Tell» ist lebhaft und differenziert. Moderiert wird das Geschehen von drei «Helvetiae» in den Landessprachen, die für «Swissness» stehen (Waffenexporte? Aber Nein). Und ein manchmal französisch parlierender Tell, der mit dem Wort «Schächental» seine Mühe hat. Die «Willensnation» hat sich seit 1291 vergrössert…

Sehr gut herausgearbeitet und kraftvoll umgesetzt von Tatjana Sebben ist die Figur des Ulrich von Rudenz beziehungsweise der Ulrike von Rudenz. Erst dem «Fortschritt» zugewandt und obrigkeitsgläubig, schlägt sie sich – nachdem sie Zeugin des Apfelschusses geworden ist – auf die Seite der «Freiheitskämpfer». Überzeugend mit Handtäschchen und schickem Outfit.

Das Happy End mit dem «Intellektuellen» Berthold (Raphaël Oliver Tschudi) ist einer der vielen humorvollen Farbtupfer der Inszenierung von Jérôme Junod, die den Perspektivenwechsel elegant meistert und mit gelungenen, erfrischenden Einfällen wie etwa die «lebendige» Hohle Gasse durchweg überzeugt. Überzeugend auch die Choreografie von Marc Ugolini: wunderbar der getanzte Sturm auf dem Urnersee.

Mehrsprachig, generationenübergreifend, augenzwinkernd – doch immer hart am Stoff, am Mythos bleibend: «Tell» ist ein Spektakel, das zu denken gibt. Die jungen Menschen verschiedener Herkunft postulieren am Schluss: «Wir sind von hier – und das ist ein Status.» Das hätten die Menschen damals auf dem Rütli ebenso sagen können.

Aufführungen am Stadttheater in Solothurn: So, 27.5. 17 Uhr; Mi, 30.5. 19.30 Uhr; Fr, 1.6., 19.30 Uhr und weitere. www.tobs.ch