«Erinnern Sie sich noch an den Fuchs vom Glutzenhübeli, der vor etwas mehr als zwei Jahren ein besonderes Hobby pflegte?», begrüsste Graue-Panther-Präsident Hans Rüd die über 40 Zuhörenden zum Vortragsnachmittag. In dessen Fuchsenhöhle fand man nämlich 65 Schuhe, die Meister Reineke bei seinen Streifzügen durch die Stadt Solothurn gesammelt hatte. Unvergessen dürfte auch sein, dass eine Rotte Wildschweine immer wieder versuchte, den Autobahn-Zaun südlich von Obergerlafingen zu durchbrechen, um auf die andere Waldseite zu gelangen. Die heutige Wildbrücke über die Autobahn, einen Kilometer südlich auf dem Gebiet von Utzenstorf, lässt Tiere inzwischen gefahrlos passieren. «Denn seit alters her brauchen die Fernwanderer unter den Wildtieren, dazu zählen Wildschweine, aber auch Rehe, Hirsche, Luchse und neuerdings auch Wölfe eine durchlässige Landschaft», beschrieb Wildbiologe Mark Struch vom kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei mögliche Konfliktpunkte mit Siedlungs- und Verkehrswesen. Deshalb sei es wichtig, sogenannte Wildkorridore zu schaffen. Im Kanton Solothurn seien allerdings Dreiviertel dieser Korridore nicht funktionsfähig, mahnte Struch zukünftige Aufgaben an. Es bestehe Handlungsbedarf, die weitere Zerschneidung der Landschaft zu verhindern.

Schutz und Nutzen

Wie die Grabungen in Sutz-Lattrigen am Bielersee zeigen, waren die hiesigen Menschen seit der Jungsteinzeit (8000–4000 v. Chr.) auf Wildtiere als Lieferanten von Fleisch, aber auch von vielfältigem Material für Kleidung (Felle/Leder), Sehnen, Knochen, Geweih zur Herstellung von Werkzeugen angewiesen. «Sie waren Bauernjäger mit Pfeil und Bogen», erläuterte Struch deren sorgfältige Verwertung ihrer Jagdbeute. Zur Ausrottung vieler Tierarten ausser den Gämsen habe das Aufkommen von Schusswaffen geführt, bis endlich 1876 ein bundesweit gültiges Jagdgesetz die Grundlagen für Schutz und Nutzen sowie Regulierung der Wildtier-Bestände legte. Mehrheitlich seien die heutigen Wild-Populationen durch Zuwanderung aus den Nachbarländern entstanden.

Berliner Luft für Wildschweine

Mit Bildern aus Berlin zeigte Struch, wie sich ganze Wildschweinkolonien in Stadt und Umland gemütlich eingerichtet haben. Im Abfall finden sie als anpassungsfähige Kreaturen genügend Nahrung, fallen aber unangenehm auf, wenn sie in einer Nacht etwa Sportplätze, Wiesen und Ackerland völlig umpflügen. Offenbar sind die Schweine so geschickt im Verstecken, dass eine regulierende Jagd wenig ausrichtet. «Auch bei uns zeigt sich am Verbiss und an Feldschäden, wenn Hufwild-Populationen zu gross werden», unterstrich der Referent.

Toleranz von beiden Seiten

Wildtierkameras zeigen, dass es besonders nächtlich in unseren Städten und manchen Gärten sehr lebhaft zugeht. Füchse haben sich laut Struch seit etwa 20 Jahren ganze Stadtreviere zu eigen gemacht. Man rechne mit 10 Füchsen auf 100 Hektaren. Füttern soll man sie aber keinesfalls, warnte der Wildbiologe vor falscher Tierliebe. Denn der Fuchs sei häufig Überträger von Krankheiten wie Räude als durch Milben verursachte Hautkrankheit, Staupe, die als Viruserkrankung das Zentralnervensystem auch von Hunden und Katzen befällt, für den stark verbreiteten Fuchsbandwurm und schliesslich die Tollwut. Gegenwärtig sei die Schweiz aber zum Glück tollwutfrei. Für Menschen bestehe keine Gefahr, wenn mit Wurmeiern verschmutzte Waldbeeren oder Salat aus dem Garten gewaschen werden. Kothaufen sollten entfernt und nicht von Haustieren gefressen werden. Haustiere könne man mit Entwurmung und vor allem Impfung (Staupe, Tollwut) schützen. Auch ausgelegte Entwurmungsköder führen laut Wildbiologe zu gewissem Erfolg. Anfällig gegenüber diesen Krankheiten seien zudem andere Wildtiere wie Luchs, Wildschwein und Gämsen.

Lästige Marder und Dachse

Längst hat sich der verloren geglaubte, geschützte Biber wieder als Landschaftsgestalter angesiedelt. Wenn er nicht gerade Keller überflute, Strassen und Dämme unterhöhle, sei er sehr willkommen, befand Struch, der aber eine Bestandesregulierung nicht ausschloss. Die unterirdische Bauten in Gärten anlegenden Dachse könne man ebenso wie Zündkabel anknabbernde Marder mit im Handel erwerbbaren Duftstoffen vertreiben. «Schadensverursacher kann man mit vielerlei Mitteln vergrämen», riet der Vortragende. Hausmarder, die gerne auf Dachböden wohnen, veranstalteten in der Regel nur während der Paarungszeit viel Lärm. «Mit unseren heutigen Möglichkeiten ist das Nebeneinander von Mensch und Wildtier durchaus möglich, wenn wir gewisse natürliche Eigenarten akzeptieren.»

Rücksicht auf die Tiere nehmen

Der heutige «Freizeitmensch», der als Skifahrer, Mountainbiker, Läufer tief in Wälder und Rückzugszonen für Wildtiere eindringt, sollte sich an bestehende Regelungen zum Schutz der Tiere halten, bekräftigte der Biologe, um vielerlei Risiken für die Tierwelt zu vermeiden. «Zahlreiche Konzepte, Management und Rechtsverbindlichkeit sorgen für einen sicheren Rahmen im Zusammenleben von Mensch und Tier.» Ob eigentlich regelmässig veranstaltete Waldkindergärten nicht auch für eine deutliche Störung sorgten, fragte eine Zuhörende. Hier gelte es abzuwägen, lautete die Antwort aus dem Plenum und vom Referenten: Erziehung der Kinder zur Achtung der Natur sei ein ebenso wichtiger Wert.