Komposition
Wie Urs Joseph Flury eine Leidensgeschichte in Mundart schuf

Urs Joseph Flury hat unter dem Titel «Passion» die Vertonung einer Dichtung von Beat Jäggi geschaffen. Die Entstehungsgeschichte der Komposition ist lange und vielseitig.

Gundi Klemm
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Komponist Urs Joseph Flury mit seinem Werk, das ihm nicht eitel Freude bescherte.

Komponist Urs Joseph Flury mit seinem Werk, das ihm nicht eitel Freude bescherte.

Gundi Klemm

Das begonnene Jahr ist reich an Höhepunkten für Komponist und Dirigent Urs Joseph Flury. Neben seinem 75. Geburtstag und der jetzt 45 Jahre umfassenden Dirigententätigkeit im Solothurner Kammerorchester SKO feiert sein Werk «Passion» am 18. März Uraufführung in der Jesuitenkirche in Solothurn. Die Partitur ist betitelt «Frei no de vier Evangelie i Värse vom Beat Jäggi».

Der Wort- und der Tondichter lernten sich 1975 im Verlagshaus Habegger kennen, das alle Werke des Fulenbachers Jäggi herausbrachte. Gemeinsam verabredete man die textliche und musikalische Arbeit an einem «Weihnachtsoratorium», das 1983 uraufgeführt und später von Chören der Region zu musikalischen Ereignissen gestaltet wurde.

1987 fand die Zusammenarbeit ihre Fortsetzung, indem Jäggi das Manuskript der «Passion» an Urs Joseph Flury übergab. Zu dieser Zeit allerdings standen für den Komponisten viele andere Aufgaben im Vordergrund. Zu einer Fortführung der künstlerischen Partnerschaft kam es aber nicht mehr, weil Jäggi 1989 starb.

Erst ein Auftrag aus einer Oberaargauer Kirchgemeinde zu Jahresanfang 2012 gab Flury den Anstoss, die Vertonung der «Passion» in Angriff zu nehmen. Zu seinem grossen Bedauern zog sich die Kirchgemeinde von der mündlich geschlossenen Vereinbarung erst drei Jahre später zurück.

Inzwischen aber hat der Komponist einen anderen Weg für die Aufführung von «Passion» gefunden. Gemeinsam mit der Zürcher Sing-Akademie und den Zürcher Symphonikern ist das Werk einen Tag nach dem Solothurner Konzert in der Fraumünster-Kirche in Zürich zu erleben.

Die Leidensgeschichte Jesu

Der Komponist, der eine spätromantische Tonsprache schreibt, ist davon überzeugt, dass dieser Stil gut zu Jäggis Worten passt. «Mein Dichterfreund hatte keinen Sinn für moderne Musik». Das jetzt rund 75-minütige Werk, das in 20 «Nummern» mit 18 Chorbeteiligungen die Leidensgeschichte Jesu erzählt, enthält viele kleine Auftritte für Jesus, Petrus, Pilatus, die beiden Schächer und eine Magd.

Alle Soli sind weitgehend fast wie Rezitative in Chorpassagen eingewoben. «Ich war bestrebt, das bedrückende, dramatische Geschehen harmonisch mit starken Modulationen zu gestalten und dabei eine singbare Melodik zu wahren. Eine differenzierte Instrumentierung will den Charakter der einzelnen Nummern unterstreichen», betont Flury, dem geistliche Würde und Symbolkraft dieses Werks am Herzen liegen.

Besondere Behandlung erfahren etliche chorische Auftritte des Volkes, das Jäggi kennzeichnend als sich einmischenden «Pöbel» bezeichnet hat. Ähnlich wie in den früheren «Turba»-Chören der Alten Meister greift der Komponist hier zum Mittel des Sprechgesangs, der rhythmisch und spannungsvoll instrumental unterlegt ist.

Einzig Maria hat eine grosse Arie erhalten, die ihre Klage und Trauer ausdrückt. Die nachfolgende «Elegie» für Oboe und Orchester vertieft den Eindruck der Verzweiflung, den das Passionsgeschehen hervorruft.

Der Bericht wird von einem Evangelisten vorgetragen. Die Mehrzahl der Solisten sind Mitglieder der Singakademie (Christof Breitenmoser, Tenor; Yves Brühwiler, Bass; Marcel Fässler, Tenor; Chasper-Curo Mani, Bariton; Ingrid Alexandre, Mezzosopran). Über die Beteiligung der Solothurner Künstler, nämlich der Sopranistin Lilian Rohrer (Maria), Bariton Patrick Oetterli als Jesus und Hansjörg Jäggi als Sprecher, freut sich Flury besonders.

Die gesangliche Einstudierung lag in den Händen von Andreas Felber/Singakademie. Bei diesem Ensemble handelt es sich um den offiziellen Chor der Tonhalle Zürich. Die Leitung der beiden Aufführungen in Solothurn und Zürich nimmt Urs Joseph Flury wahr.

Uraufführung: Freitag, 18. März, 20 Uhr in der Jesuitenkirche. Vorverkauf: Zentrale Vorverkaufsstelle, Buchhandlung Säli, Ritterquai 4. 4500 Solothurn, Telefon 032 621 80 80.

Die Auftraggeberin besann sich anders: Drei Jahre unentgeltlich gearbeitet

Der Auftrag an Flury stammte aus der Oberaargauer Gemeinde Seeberg. Der dortige reformierte Pfarrer Pius Bichsel, begeistert von einer Aufführung des erwähnten Weihnachtsoratoriums, hatte Beat Jäggis Text zur «Passion» gelesen, einige Kürzungen vorgenommen und sich mit dem Kirchgemeinderat verständigt, Urs Joseph Flury den Kompositionsauftrag zu erteilen. Uraufgeführt werden sollte das Werk zum 500-Jahr-Jubiläum der Kirche in Seeberg 2016. Flury machte sich mit Feuereifer an die Arbeit und gewann Renate Dänel als tüchtige Kopistin zur Mitarbeit. Um der Kirchgemeinde Kosten zu ersparen, hatte er seine Kompositionsarbeit unentgeltlich angeboten, obwohl ihm versichert wurde, «Geld spiele keine Rolle». Er bot sogar eigene Mittel für die Mitwirkung von Orchester und Chor an. Weihnachten 2014 lagen die 300-seitige Partitur, der Klavierauszug sowie die Chor- und Solistenauszüge vor. Erst im Frühling 2015 folgte eine Absage aus Seeberg mit der Begründung, man hätte ein «Osterspiel» bestellt, und es sei eine «veritable Passion» daraus geworden. Für Flury war diese unerwartete Mitteilung mit Enttäuschung und Schmerz verbunden.
Christian Zurflüh, Präsident des Kirchgemeinderates Seeberg, erklärt dazu, dass er persönlich die Gefühle Flurys gut verstehe. «Das Werk ist aber viel grösser geworden als beauftragt. Es sprengte unsere Möglichkeiten bezüglich Kosten, Professionalität und Kirchengrösse.» Im Gespräch mit dieser Zeitung wird ihm selbst klar, dass der nur mündlich und nicht schriftlich fixierte Vertrag juristisch bindend ist. Mit einem freiwilligen Werkbeitrag der Kirchgemeinde von 2000 Franken wurde Flury «abgefunden».
Pfarrer Pius Bichsel, über den die meisten Absprachen mit Flury liefen, bezog direkt keine Stellung und liess ausrichten, dass der Kirchgemeinderatspräsident bereits alle nötigen Auskünfte gegeben habe. (GKU)