Solothurn
Wie sieht die Arbeit der «Médecins Sans Frontières» aus?

Im Ärztekittel ins Krisengebiet: Die Organisation «Médecins Sans Frontières» präsentiert bis am 27.September auf dem Kreuzackerplatz in Solothurn in einer Wanderausstellung «Face It» ihre Arbeit.

Andreas Kaufmann
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Ursula Feuz (l.) und Katrin Arnold waren in Krisengebieten im Einsatz. Die beiden Pflegefachfrauen und andere MSF-Mitarbeitende erzählen von ihren Erlebnissen.

Ursula Feuz (l.) und Katrin Arnold waren in Krisengebieten im Einsatz. Die beiden Pflegefachfrauen und andere MSF-Mitarbeitende erzählen von ihren Erlebnissen.

Andreas Kaufmann

Haiti, 2010: Mindestens 200 000 Menschen verlieren bei einem schweren Erdbeben ihr Leben, drei Millionen weitere sind sonst von der Katastrophe betroffen. Tschad, 2011: Die Dürre, die alljährlich 15 Millionen betrifft, schlägt ausserordentlich heftig zu. Besonders Kinder bis fünf Jahre leiden an Mangelernährung. Kongo, 2011: Eine Cholera-Epidemie erfasst Tausende von Menschen, Hunderte sterben.

Heute, Irak: Im Flüchtlingslager Domiz leben als Folge der Syrienkrise 45 000 zum Teil traumatisierte Flüchtlinge. Nackte, kühle Zahlen, die im reissenden Fluss täglicher Nachrichten kaum das Leid hinter der Statistik erahnen lassen.

Die Perspektive der Mediziner

«Face It» heisst die Wanderausstellung der Organisation «Médecins Sans Frontières» (MSF), auch bekannt als «Ärzte ohne Grenzen», die diese geografischen und medizinischen Problemfelder aus erster Hand kennt. Nun präsentiert die interaktive Ausstellung die Arbeit der MSF bis 27. September auch auf dem Kreuzackerplatz. Interessierte schlüpfen in den Ärztekittel und versuchen unter Anleitung, in einem von vier Szenarien bei der Bewältigung humanitärer Katastrophen mitzuhelfen – so wie es die MSF ebenfalls tun. Notabene sind in jüngster Zeit die Brandherde nicht weniger geworden: Syrien, Irak oder seit Jüngstem die Ebola-Epidemie in Westafrika.

Katrin Arnold erklärt vor Ort die Arbeit der MSF. Sie kennt den Ernsteinsatz aus nächster Nähe, half unter anderem in Tschad bei der Bekämpfung von Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren. Die Pflegefachfrau erinnert sich: «Eine Frage, die sich am Anfang stellte: Wie kann man die Leute in ihren Dörfern erreichen?» So habe sich gezeigt, dass man idealerweise Einheimische rekrutiert und in die Dörfer entsendet. Auch die Kontaktpflege mit den Dorfältesten helfe mit, die Absichten der MSF darzulegen. «Bei unserer Arbeit geht es meistens um Qualitätssicherung und um Supervision der einheimischen Mitarbeiter, die auch einen Lohn für ihre Tätigkeit erhalten.» Die MSF agieren nicht in der Entwicklungshilfe, sondern als Nothelfer. Sind diese Notfälle gebannt, kommen andere Partnerorganisationen zum Zug.

Wen behandelt man zuerst?

An ihre Arbeit auf einer Intensivstation in Niger erinnert sich auch die Pflegefachfrau Ursula Feuz. 2012 weilte sie dort während sechs Monaten. Weil durch die Mangelernährung gerade bei Kleinkindern auch das Immunsystem betroffen ist, sind diese auf Krankheiten wie Malaria besonders anfällig. Insbesondere zur beginnenden Regenzeit vor der Ernte verschärfte sich die Situation: Auf 60 Spitalbetten kamen 100 Kinder. «Anfänglich wendet man sich jenen Kindern zu, deren Zustand am schlechtesten ist – doch diese sterben meistens», weiss sie. «Deshalb muss man sich auf jene konzentrieren, deren Überlebenschancen intakt sind.»

Mit Triageentscheidungen wird auch der Besucher konfrontiert: Nach dem Erdbeben in Haiti wurde notfallmässig ein Operations«saal» im Innenhof eines Spitals installiert. Doch wen behandelt man zuerst? Die Hochschwangere mit schweren Verletzungen oder die ältere Dame mit Beinverletzungen und Wundbrand? Schwierige Entscheidungen, die der Besucher im inszenierten Rahmen treffen muss. Schier unüberwindbar wirken die Situationen dann, wenn die Ärzte ohne Grenzen sie im realen Arbeitsalltag bewältigen müssen.

Auch Ausnahmesituationen psychischer Tragweite gehören zur Arbeit der MSF. Wie im Fall der Flüchtlingssiedlung Domiz in Nordirak. Syrische Kinderzeichnungen illustrieren, was Heimat war und «Heimat» ist: ein bombardiertes Dorf, Minenfelder, eine fliehende Familie und ein Meer aus Notzelten. Daneben die Zeichnung eines Schweizer Kindes: Sonne, Haus, Blume und Herzchen, die aus dem Kamin steigen. In Flüchtlingszentren wie Domiz ist es die zentrale Aufgabe der MSF, seelische Wunden zu versorgen – bei Alt und Jung.

«Die Ausstellung», so Arnold, «soll in erster Linie zeigen, wie wir arbeiten. Und gerade bei jungen Menschen ist die MSF noch wenig bekannt.» Nicht zuletzt erhofft man sich, dass sich hier auch Interessierte finden, die sich bei den MSF engagieren wollen. Denn die Arbeit, die geht den Helfern ohne Grenzen – leider – kaum aus.