Solothurn

Wie sich Freiwillige für Asylsuchende einsetzen können

Domenika Senti, Leiterin der Sozialen Dienste der Stadt Solothurn, informierte über die hiesige Arbeit und Begegnung mit zugeteilten Asylsuchenden.

Domenika Senti, Leiterin der Sozialen Dienste der Stadt Solothurn, informierte über die hiesige Arbeit und Begegnung mit zugeteilten Asylsuchenden.

Die Grünen der Stadt Solothurn luden zum Infoabend. Die zentrale Frage: Wie kann man sich als Freiwilliger für Asylsuchende einsetzen?

Auch wenn sich die Geister in der mehr denn je aktuellen Asylfrage scheiden: Unter den Wohlgesonnenen gibt es jene, die mehr tun wollen, als nur dem Bild der humanitären Schweiz wohlwollend zuzustimmen. In Solothurn zum Beispiel. Hier folgten der Einladung der städtischen Grünen zu einem Infoanlass rund 50 Personen – zur Frage, wie man sich mit Freiwilligenarbeit für Asylsuchende und Flüchtlinge stark machen kann.

Bereits im Herbst hatten sich die Grünen dieser Frage gewidmet, wie Organisatorin Marguerite Misteli vorausschickte. «Seither ist einiges passiert. Und auch wenn die Flüchtlingsströme im Winter abnehmen, wird sich das im Frühling wieder ändern.» Diesen Entwicklungen kommt es entgegen, dass Zivilcourage ebenso vorhanden ist, wie sie seitens der Behörden erwünscht scheint.

So zeigte sich als erste Referentin des Abends auch Claudia Hänzi, Chefin des kantonalen Amts für soziale Sicherheit, erfreut über die private Hilfsbereitschaft und bot einen Überblick über die Entwicklungen und Hilfestrukturen im Asylwesen. «Die Schweiz leistet einen veritablen Beitrag», verwies Hänzi auf über 39 500 Asylgesuche im vergangenen Jahr. Allerdings seien während des Balkankriegs mehr Menschen aufgenommen worden als jetzt. «Auch damals liess sich die Aufgabe bewältigen», so Hänzi weiter.

Ein Viertel der Asylsuchenden stammt heute aus Eritrea, ferner aus Afghanistan, Syrien, Irak und Sri Lanka sowie zu einem stattlichen Teil aus Einzelstaaten. Ebenso relativierte sie die Last, die auf Solothurns schultern ruhte: 3,5 Prozent fallen laut Verteilschlüssel auf den Kanton Solothurn, «während Zürich bei 17 Prozent mit Schwierigkeiten kämpft, auch wegen der Wohnkosten.»

Im Kanton Solothurn werden die aus Bundesempfangszentren überwiesenen Asylsuchenden in aktuell neun Zentren mit über 650 Plätzen, sowie weiteren Kleinstrukturen und Wohnungen untergebracht, bevor sie dann auf die Gemeinden verteilt werden. Doch hier zeigen sich die Engpässe: «Auch wenn die Anlage in Gretzenbach in Betrieb genommen wird, braucht es noch mehr, um Menschen aufzunehmen.» Konkrete weitere Standorte nannte sie indes nicht.

Integration für Minderjährige

Ein besonderes Augenmerk legte Hänzi auf die sogenannten UMA, die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, in den meisten Fällen männliche Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahre alt. Von allen seien bei ihnen die Integrationsmassnahmen am wichtigsten: «Wir dürfen uns nichts vormachen.

Die bleiben hier und bauen sich eine Zukunft auf, das ist in Ordnung so.» Nach einer zentralen Unterbringung werden die UMA in individuelle Strukturen eingegliedert, beispielsweise in Pflegefamilien, oft auch Wohngemeinschaften – oder sie finden in Familiensystemen Anschluss. «Gerade Pflegefamilien sind wir zurzeit am Suchen», betonte Hänzi. Wichtig seien auch sprach- und ausbildungsfördernde Jugendprogramme.

Nach Hänzi rückte Domenika Senti, Leiterin der Sozialen Dienste, als zweite Rednerin die Stadt in den Fokus. Von den kantonal zugewiesenen Asylsuchenden 7,2 Prozent hierher. Während die Stadt 2015 ihr Soll von 36 Personen um 12 überschritten hat, muss sie 2016 bereits 105 aufnehmen. Mehr als die Hälfte stammt aus Eritrea, ferner kommen die Asylsuchenden aus Syrien und Afghanistan.

Vieles sei für die Ankommenden nicht selbstverständlich: «Oft muss man ihnen mehrfach zeigen, wie hier gewisse Dinge funktionieren. Und am Anfang unterhält man sich mit Händen und Füssen.» Umso dankbarer zeigte sich Senti, dass sie bei der Begleitung auf die Unterstützung einer Freiwilligengruppe zählen kann, sowie auf Partner wie das Seraphische Liebeswerk oder die Scalabrini-Missionarinnen, die Unterstützung bei den Sprachkursen bieten. Gerade für den Deutschunterricht bestehen Engpässe: «Das A und O ist das Erlernen unserer Sprache. Aber für Unterricht fehlts an Lehrkräften.» Selbiges stellt aus kantonaler Perspektive auch Claudia Hänzi fest.

Ein wichtiges Thema sei zudem die Verhütung: «Zurzeit wissen wir in der Stadt von sieben Schwangerschaften unter Asylsuchenden», so Senti. «Für die Aufklärung brauchts dann einen Dolmetscher.» Als Unterstützung wichtig sei auch, dass junge, wissbegierige Asylsuchende bald eine Ausbildung machen können: «Wenn wir fragen: Was wollt ihr? – dann hören wir oft: Arbeiten und Geld verdienen».

Wohnraum ist knapp

«Unsere Strategie ist es, kleinere und mittlere Wohneinheiten zu schaffen, neben Kollektivunterkünften, worüber einige Asylsuchenden froh sind. So sind sie mit Menschen mit derselben Ethnie, Sprache und demselben Speiseplan zusammen.» Im März kommen zudem drei zugemietete Wohnungen zum Angebot hinzu.

Zu schaffen mache der Stadt, dass die anerkannten Flüchtlinge kaum Wohnraum finden und somit lange in den Gemeinschaftsunterkünften verweilen. «Dadurch gibt es kaum Rotation.» Und ob Solothurn bald auch ein Durchgangszentrum haben wird, ist unklar: «Der Kanton hat uns noch kein Gesuch zukommen lassen», sagt Senti. Als Standort im Gespräch ist unter anderem das Kapuzinerkloster.

«Es läuft viel Gutes», findet Senti zum Ensemble ehrenamtlicher Arbeit. «Aber wir suchen noch Betten, Schränke, Fernseher, Kühlschränke für die 22 Plätze, die im März hinzukommen.» Auch die Freiwilligengruppe soll erweitert werden.

Das Modell «Götti»

Seitens Kanton betonte Hänzi das Göttisystem als wichtige Unterstützung: «Gerade jungen Menschen bietet es eine praktische Lebenshilfe, wenn sie jemanden an ihrer Seite haben.» Ebenfalls soll den Engpässen bei der Sprachkursen Dialoggruppen, Gesprächszirkel oder andere Freiwilligengruppen entgegenwirken.

Dass es zwischen dem professionellen Asyldienstleister im Kantonsauftrag, der ORS AG, und den Freiwilligen zu Reibungsflächen kommen könnte, denkt Hänzi indes nicht: «Die ORS hat einen klaren Leistungsauftrag. Aber sie kann Aufgaben wie die soziokulturelle Animation oder das Göttisystem nicht übernehmen.» Und: Die ORS unterliege strengen, oft unangekündigten Kontrollen durch den Kanton. Die Stadt Solothurn, so Domenika Senti, arbeite ihrerseits nicht mit der ORS zusammen, dafür mit anderen Hilfswerken: «Aber das ist eine Haltungsfrage.»

Wenig zur Sprache kam die Möglichkeit der Privatplatzierung von Asylsuchenden, auch wenn Senti dies kurz zum Thema machte: «Bei der Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli ging eine Aufnahme auch ohne Schwierigkeiten...»

Private Hilfe konkretisiert sich

Am Anlass erhielt auch der neu gegründete Verein «Solothurn hilft» eine Plattform, seine Aktivitäten vorzustellen. Deren Präsident Michel Lüthi zeigte sich erfreut am sichtbaren Engagement.

Bereits habe man einen Kochmontag mit syrischer oder eritreischer Küche in der Pittaria organisiert. «In Arbeit ist auch die Planung von Deutschkursen.» Ausserdem lud Lüthi zum Abschluss der Veranstaltung dazu ein, sich auch mit unkonventionellen Projekten beim Verein zu melden.

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