Die 68er waren vorbei, nun, im neuen Jahrzehnt, folgte ein Nachbeben auch in Solothurn: 1973 entstand im «Kreuz» die erste Genossenschaftsbeiz der Schweiz. Mit dabei war Armin Rigert, Architekt, Künstler und Koch-Quereinsteiger. Nur drei Jahre später gründete er mit drei kreativen Mitstreitern eine einfache Gesellschaft, um das Restaurant Löwen an der Schaalgasse zu mieten und eineinhalb Jahre später zu kaufen.

«Dann gabs Krach», erinnert sich Franz Heger, der heutige Finanzverantwortliche der Genossenschaft Baseltor. Denn der «Leue» sollte mehr als nur Beiz sein, ein Treffpunkt für Kreative mit Kultur-Events, Werkstätten und anderem mehr. So richtig «zum Fliegen» kam das Konstrukt jedoch nicht, nur das Beizenteam, angeführt von Rigert, funktionierte prächtig.

Heftige Diskussionen entbrannten und sollten in der Folge so eskalieren, dass gleich zweimal der freisinnige Stadtammann Fritz Schneider schlichtend eingriff. «Das Ganze lief chaotisch ab», so Herger, denn es ging um den Kauf und die Finanzierung der Liegenschaft. Dann gründete man 1978 die Genossenschaft Löwen mit Schang Hutter als erstem Präsidenten.

Angeworben als Genossenschafter wurden vor allem Gäste des «Leue», für den 1982 ein zehnjähriger Pachtvertrag abgeschlossen wurde. Angesichts der ständigen Querelen um die Räumlichkeiten hatte man zuvor schon andere Standorte ausgekundschaftet, wie das «Commerce», das «Schlachthaus» (heute «Bindella») oder den Kauf des «Bismarck» in Küttigkofen. Doch war nun der «Leue» eine gesuchte Adresse mit Wartezeiten auf das berühmte Bami Goreng, die Fegato Veneziana oder auch das Fohlensteak mit Kräuterbutter.

Von den «Kreuz»-Gängern wurden die «Leue»-Gäste verächtlich «Salon-Sozialisten» genannt – fanden sich doch unter der Gastig nebenan auch viele bürgerliche Kreise. Die ganze Beizenlandschaft sei damals noch weitgehend bürgerlich geprägt gewesen, der «Leue» sorgte für ein ganz anderes Ambiente. Franz Herger: «Mit dem ‹Kreuz›, ‹Wengihaus› und dem ‹Chutz› bildeten wir damals ein fast magisches Bermuda-Viereck.»

Der Sprung ins «Baseltor»

Anfang der neunziger Jahre musste sich die Genossenschaft nach einer neuen Adresse umsehen. Der «Leue»-Besitzer wollte wesentlich mehr Mietzins, und Investitionen standen im Haus an. 1991 wurde man mit Gaston Derron einig und kaufte dessen Haus mit dem nach ihm benannten Restaurant. Viel zu viel bezahlte die Genossenschaft «und wir waren zu 97 bis 98 Prozent fremdfinanziert, bei damals 8 Prozent Hypothekarzinsen»; erinnert sich Franz Herger. Ein halbes Jahr nach dem Kauf folgte der Immobilien-Crash mit dem Untergang der Kantonalbank, der Umbau war 1992 fertig, doch überall mussten die Banken Wertberichtigungen vornehmen.

Das neu «Baseltor» genannte Restaurant kam dank seiner innovativen Küche und treuen Gäste ohne Bank-Rückforderungen gerade so über die Runden. Aus den sechs Hotelzimmern im Haus wurden durch Anmietung weiterer Räumlichkeiten 17. Und Ende der neunziger Jahre war der Betrieb soweit konsolidiert, dass sich die Genossenschaft an neue Ufer aufmachen konnte.

Alle zog es nun an die Aare, auch die Genossenschaft Baseltor. Zuerst vier Jahre mit dem Provisorium der «SolHeure»-Bar neben dem alten Schlachthaus. Dass dann zum Uferbau mutierte, in dessen Rohbau die Genossenschaft 2002 das neue Szenelokal SolHeure kreierte. 2009 sollte nach demselben Prinzip im ehemaligen Bregger-Lagerhaus ein weiteres Trend-Lokal entstehen: das Salzhaus. Mit der «Couronne» im Vorjahr erhielt die Genossenschaft ihr viertes Standbein. «Wir haben vier historische Häuser in der Altstadt zu neuem Leben erweckt», freut sich Martin Volkart, Delegierter des Verwaltungsrates und Gastro-Konzeptmacher der Genossenschaft. «Und wenn heute auswärtige Besucher der Aare entlang flanieren, staunen sie, und fühlen sich wie in den Ferien.» Dabei war die Expansion an die Aare laut Franz Herger in nicht unumstritten. «Beim ‹SolHeure› herrschte aber mehr Skepsis als beim «Couronne»-Entscheid.»

Zeitreise per Film

Den Aufstieg der Genossenschaft über 40 Jahre – heute zählt sie mit 110 Arbeitsplätzen zu den grösseren Arbeitgebern im Kanton – dokumentiert ein siebenminütiger Film. «Eine kleine Zeitreise», so Franz Herger. Und Präsident Stefan Batzli ist überzeugt: «Wir sind eine Genossenschaft ohne Shareholder geblieben und investieren das Erarbeitete in unsere Häuser.

Wertemässig stehen wir immer noch für ein faires Miteinander.» So wie noch zur alten guten «Leue»-Zeit, als um acht Ferienwochen und andere soziale Errungenschaften diskutiert wurde. Wie es weiter geht, sieht Batzli bereits als Gesetzmässigkeit auf die Genossenschaft zukommen – er rechnet vor: «Alle sieben Jahre übernahmen wir zuletzt ein neues Haus – 2024 wäre also das nächste dran.»

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