Solothurn

Wie sich das Leben im Discherheim in der Coronakrise veränderte

Heimleiter des Discherheim Stephan Oberli und Bewohner Ismail Redzepi.

Heimleiter des Discherheim Stephan Oberli und Bewohner Ismail Redzepi.

Bewohner Ismail Redzepi und Heimleiter Stephan Oberli erzählen, wie sich das Leben dieses Jahr im Discherheim verändert hat. Für alle bedeutete die Coronakrise eine grosse Umstellung.

«Am Anfang durften wir gar nichts mehr machen, nicht einmal mehr arbeiten», blickt Ismail Redzepi auf die ersten Wochen der Coronakrise und des Lockdowns zurück. Der 27-Jährige lebt zusammen mit mehr als 80 Klientinnen und Klienten im Discherheim in Solothurn. Das Heim bietet Erwachsenen mit stark beeinträchtigten Körperfunktionen ein Wohn- und Arbeitsumfeld.

Die Bewohner wurden dort im März und April in kleine, isolierte Gruppen unterteilt. «Ich webe sehr gerne. Autos innen zu putzen, macht mir Spass. Und ich helfe auch gerne dem Hausdienst, wenn es etwas zu reparieren gibt. Aber plötzlich durfte ich nichts mehr machen. Das Schlimmste war, dass ich nicht mehr zu meiner Familie durfte. Zuerst war ich traurig, dann habe ich mich geärgert und wurde sogar wütend. Jetzt bin ich glücklich, dass ich wieder zu meinen Eltern darf.» Zum Geburtstag bekam er im August einen Ausflug in den Basler Zoo geschenkt.

Grosse Herausforderung für die Heimleitung

«Es hat eingeschenkt und es schenkt noch immer ein», sagt Oberli. Als Heimleiter hat er eine ähnliche Sicht auf die vergangenen Monate wie die Klienten. «Am Anfang waren die Anordnungen hilfreich, weil ich nur sehr wenig wusste und die Entscheidungen nicht alleine treffen konnte. Aber je länger es geht, umso mehr muss man differenzieren. Wie soll ich einem Klienten nach Monaten der Isolation erklären, dass er immer noch nicht zu seiner Familie darf, während ich jeden Abend nach Hause gehen kann?»

Zu Beginn der Pandemie, als die Experten und Epidemiologen der Politik erklärten, wie man den hochansteckenden Virus in seiner Verbreitung bremsen muss, sei alles einem Ziel untergeordnet worden, nämlich die Gesundheit aller zu schützen und Todesfälle zu verhindern. «Es ist höchste Zeit, dass wir die Kollateralschäden in Betracht ziehen. Was tun wir eigentlich unseren Kindern an? Machen wir den alten Menschen und den Personen mit Einschränkungen wirklich einen Gefallen, wenn wir sie isolieren, weil wir sie um jeden Preis schützen wollen?», so Oberli. Und auch die wirtschaftlichen Auswirkungen gebe es zu bedenken: «Was ist, wenn wir in eine solche Krise schlittern, dass am Ende das Geld für unsere Seniorenheime und Institutionen wie das Discherheim nicht mehr zur Verfügung steht?»

Lieber Trickfilme als Bundesrat

«Es regt mich auf, wenn ich sehe, dass sich die Leute nicht an die Regeln halten», sagt Bewohner Redzepi. «Dann wird es wieder schlimmer und ich darf nicht mehr nach Hause und alles wird wieder verboten.»

Um Arbeiten und sich auch wieder einigermassen frei bewegen zu dürfen, ist Redzepi bereit, die Regeln einzuhalten. «Ich wasche meine Hände und halte Abstand. Ja, die Maske zu tragen, ist schon blöd, vor allem, wenn es heiss ist.» Er habe genug vom Coronavirus. «Am Anfang habe ich zugeschaut, wenn der Bundesrat etwas gesagt hat. Aber jetzt schalte ich gleich um, auf eine Serie oder einen Trickfilm», sagt Redzepi. «Ich wünsche mir nur noch, dass der Bundesrat sagt, dass es vorbei ist und dass wir wieder alles wie früher machen dürfen.»

Oberli erklärt, dass es nicht bekannt sei, ob seine Klientinnen und Klienten zu den Risikopatienten zählen oder nicht, da dies noch nicht erforscht sei. Das Leben sei ein konstantes Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit geworden. «Ich bin der Meinung, dass man für eine absolute Sicherheit nicht alles andere opfern darf. Wir müssen aufpassen, dass die Kollateralschäden der Schutzmassnahmen am Ende nicht schlimmer werden als das, was dieser Virus anrichtet.»

Absprachen mit Familien sind wichtig

Oberli findet, der Kanton Solothurn gehe mit seinen Empfehlungen pragmatisch vor, weil er den Heimleitungen viel Spielraum lässt. «Zusammen mit unserem Krisenstab übernehme ich die Verantwortung, indem wir uns mit den Familien absprechen. Es gibt Klienten mit Angehörigen, die selber zu einer Risikogruppe gehören. Diesen Klienten bieten wir im Discherheim die grösstmögliche Sicherheit.

Die meisten Angehörigen wollen zurück zu einer gewissen Normalität. Die Familien unserer Klienten werden kein unnötiges Risiko eingehen, denn sie haben das grösste Interesse daran, dass ihre Kinder gesund bleiben. Wir erwarten aber, dass wir nach einem Besuch eine vollständige Kontaktliste bekommen.»

So müsse die Heimleitung fast täglich Entscheide treffen, von denen man erst im Nachhinein wissen kann, ob sie richtig waren. «Vielleicht nicht einmal das. Vielleicht haben wir einfach nur Glück und man wird uns für unsere Entscheide loben. Vielleicht machen wir zwar alles richtig, haben aber Pech und dann wird man uns hart kritisieren.» Oberli nimmt den Druck, mit dem er nun leben muss, mit Humor: «Ein Heimleiter fragt den anderen: Wie hast du die Coronakrise erlebt? Sagt der andere: Das waren schwierige zwölf Jahre.» Redzepi muss über den Witz lachen, obwohl ihm gar nicht zum Lachen zumute ist.

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