Stadtbummel Solothurn
Wie lang sind lange Nächte, wenn die Abende kürzer werden?

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Nicht jeder Coiffeur hat das gleiche Verständnis für kurz oder lang.

Nicht jeder Coiffeur hat das gleiche Verständnis für kurz oder lang.

Keystone

Ich wurde meinem Coiffeur untreu und das war nicht gut so. Auf dem fremden Friseurstuhl fühlte ich mich nun verloren und das Gesicht des stämmigen Herrn, der mit der Schere an meinem Kopf hantierte, verdüsterte sich. Nein, nun schrie er mich gar an. Ob ich denn noch nie beim Coiffeur gewesen sei. Ich sei doch mindestens 30 und müsste wissen, wie das geht. Er war jetzt richtig laut. Und das waren die letzten Worte, die wir sprachen. Bis er mir den Preis nannte. Keiner wagte es danach noch, ein Wort zu sagen. Während die Haare kürzer wurden, fühlte sich die Zeit länger und länger an. Nur den Preis nannte er mir noch.

Bange fühlte ich mich in diesem Vorstadt-Salon, in den ich nur reinging, weil ich gerade davor stand, weil ich sonst keinen Termin bekam und weil ich wissen wollte, wie es ist für 20 Franken zum Coiffeur zu gehen. Meine Sünde: Ich habe nur zwei, drei mal nachgefragt, was der Herr auf meinem Kopf genau machen wollte. Fand ich verständlich. Ich muss ja damit herumlaufen. Er fühlte sich beleidigt. Aber wie kurz ist kurz und wie lange ist lange? Ich sage: Nicht zu kurz. Er findet: Das ist noch immer zu lang. Und schneidet sie kurz. Oder eben lang. Beim Coiffeur zeigen sich alle Abgründe der Kommunikation. Drum wechsle nie, wenn einer mal weiss, wie kurz kurz und wie lang lang ist.

Kürzer sind jetzt die Abende. Aber lange sitzen bleiben kann man trotzdem noch immer. Einen Sommer lang blickte ich auf die Boote unten bei der Hafebar. Einen ganz üblen Scherz hat sich da einer erlaubt. Ein Kleber mit Berner Wappen prangt dort unten an Solothurns schönster Kulisse. Man würde es gerne abkratzen. Aber man kommt dort nicht runter, wenn man nicht Boot und Schlüssel hat. Und so ist es halt: Wer privilegierten Zugang hat, kann sich mehr leisten. Alle anderen schauen von draussen zu.

Draussen ist und frisst der Solothurner eh gerne. Luft und Lebensmittel sind seine Liebe. Zuletzt Streetfood, demnächst Chästag. Und ab und an sieht man Altstadtsolothurner, die spontan den Tisch auf die Gasse gestellt haben und dort alleine oder mit Freunden getafelt haben. Wenn schon alle auswärtigen die Stadt belagern, warum soll man sich als Altstadtbewohner dann nicht auch ein Stückli Trottoir zurückerobern? Ein wenig Napoli-Feeling, wo die Türen oft offen sind und man direkt in die Küche der Nonna schaut. Lang wird es gehen, bis es wieder so weit ist. Kurz ist der Sommer, lange immer der Winter.