Seit über einem Jahr hat der 18-jährige Ahmadyar seine Eltern und seine Schwester nicht mehr gesehen, weiss nicht, wie es ihnen geht, weiss nicht, ob sie noch leben. Seit jenem Tag an der türkisch-iranischen Grenze, als die Familie aus Kabul auf ihrer Flucht in eine lebenswertere Zukunft durch Warnschüsse der Polizei auseinandergetrieben wurde.

Der Schüler kämpft gegen die Tränen, als er davon erzählt. Zumindest sein Bruder war bei ihm, als es geschah. Und er ist auch heute noch bei ihm, in der Asylunterkunft bei der Marienkirche. Das grossräumige ehemalige Pfarrhaus in der Weststadt biette seit Mitte November 20 afghanischen Männern zwischen 18 und 42 – einige davon Familienväter – eine Behausung, die an Nestwärme so nahe kommt, wie es halt eben geht.

An dieser Nestwärme massgeblich beteiligt ist die Freiwilligengruppe, die sich darum bemüht, den jungen Männern Orientierung im Alltag zu geben und den sozialen Austausch zu erleichtern. Angeleitet durch den reformierten Pfarrer Koen De Bruycker und durch Urs Dummermuth von der freikirchlichen BewegungPlus Solothurn, helfen zwei weitere Frauen sowie ein junges Pärchen als Freiwillige mit.

«Ohne sie ginge es nicht», sagt De Bruycker dezidiert. Beim Engagement der Landes- und Freikirchen der Stadt Solothurn wirkt ausserdem die römisch-katholische Kirchgemeinde mit, die ihrerseits den Sozialen Diensten die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat.

Deutschlernen per Youtube

Neben allgemeinen Räumen wie Küche und Aufenthaltsraum sind mehrere Vierer- und Zweierzimmer für die Asylsuchenden vorgesehen. Hier kochen, putzen, verweilen die 20 Männer – und je länger je mehr kommen sie hier an.

Die Sprachkenntnisse sind zum Teil erstaunlich gut: Qasim ist 23, floh vor dem Taliban-Regime – bis Teheran auf dem Fussweg – musste aber Frau und Tochter in seiner Heimat zurücklassen. Weil ihm hier die Möglichkeiten, Deutsch zu lernen bisher verwehrt blieben, macht er sich per Youtube schlau. Videokurse Farsi–Deutsch haben ihm schon ein stattliches Vokabular beschert, um sich zurechtzufinden.

«Die Männer haben einen grossen Wissensdurst, wollen die Sprache lernen», sagt De Bruycker. Ein anderer ruft vom Fenster aus dem Pfarrer zu: «Guten Morgen» – kokettierend und wohlwissend, dass es richtigerweise «Guten Abend» heissen müsste.

Es hat sich bereits nach kurzer Zeit ein vertrautes Verhältnis zwischen den Asylsuchenden und den Freiwilligen entwickelt. Nicht zuletzt dank wöchentlichen Treffs am Freitagabend, wie jenem morgen Abend, an dem auch Weihnachten vorgefeiert wird. Womit sich die Gretchenfrage stellt: Wie hat es die Gemeinschaft mit der Religion?

«Ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen», zitiert De Bruycker aus der Bibel und bringt mit dem Leitsatz auf den Punkt, welche Motivation hinter dem Engagement steckt. «Es ist die Verantwortung des Christseins, Bedürftigen und Notleidenden zu helfen», ergänzt dazu Dummermuth. Doch ums Missionieren gehe es nicht. «Und wir helfen, nicht weil es Flüchtlinge sind, sondern Menschen in Not. Und wie bei uns stehen auch bei ihnen Themen wie Familie und Beruf im Vordergrund», so De Bruycker weiter.

Ängste ernst nehmen

Seitens der Quartierbevölkerung gab es abgesehen von Befürchtungen im Vorfeld keine weiteren auffälligen Reaktionen, sagen Dummermuth und De Bruycker. Es sei zum Teil nicht einmal bemerkt worden, dass die Asylsuchenden eingetroffen sind. «Aber natürlich haben wir jetzt Winter, und so lässt sich dies noch nicht richtig beurteilen», weiss De Bruycker.

Auf jeden Fall müsse man vorhandene Ängste im Quartier ernst nehmen. Doch eins stellen die beiden schon jetzt fest: Die Asylsuchenden wollen keine geschlossene Gesellschaft sein, wollen mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt treten. Davon zeugt nicht nur, dass sie über Gebühr Deutsch büffeln. Einige seien an der Weihnachtsreise in der Altstadt dabei gewesen.

Während sich der eine auf einem Selfie mit dem Stall abbildete, sang der andere, der sonst mehrfach am Tag seinen Teppich nach Mekka ausrichtet, fleissig Weihnachtslieder mit. Oder dann bietet sich jemand fürs Putzen der Kirche an.

«Im Islam gilt Jesus als wichtiger Prophet», erklärt dazu Ahmadyar, der hier einmal beruflich als Informatiker Fuss fassen möchte. «Es ist wichtig, dass man von einander lernen kann – und einander hilft, über Religionen hinaus.»