Dissertation
Wie der St.-Ursen-Stift nach und nach seinen Einfluss auf Solothurn verlor

Der Solothurner Historiker Silvan Freddi hat für seine Dissertation die Geschichte des St.-Ursen-Stifts von 870 bis 1527 erforscht. Dieser hatte lange Zeit grossen Einfluss auf die Stadt Solothurn. Die Privilegien verlor er jedoch nach und nach.

Elisabeth Seifert
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Modell der alten, im Kern noch romanischen St.-Ursen-Kirche vor dem Abbruch 1762.

Modell der alten, im Kern noch romanischen St.-Ursen-Kirche vor dem Abbruch 1762.

zvg

Majestätisch thront die St.-Ursen-Kathedrale über der Aare im östlichen Teil der Stadt Solothurn. Heute dominiert der Sakralbau das Aarestädtchen in erster Linie durch seine imposante Architektur. Über rund tausend Jahre aber - von 870 bis 1874 - bildete die Kathedrale den Mittelpunkt der Solothurner Chorherrengemeinschaft und verfügte damit über einen bestimmenden Einfluss in der Stadt.

Obwohl die Bedeutung des St.-Ursen-Stifts in der Vergangenheit immer wieder untersucht worden ist, fehlte bis heute eine umfassende Analyse nach allen Regeln der modernen historischen Kunst.

Historiker Silvan Freddi

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Lebensläufe von 209 Chorherren

Die wissenschaftliche Arbeit analysiert die Stiftsgeschichte zu einem wesentlichen Teil auf der Basis detailliert aus den Quellen herausgearbeiteter Lebensläufe von Stiftsklerikern. Ausgewertet hat Silvan Freddi zu diesem Zweck zahlreiche Dokumente, unter anderem jene des Stiftsarchivs selber sowie der städtischen Kanzlei.

Im Jahr 1177 wird mit dem aus dem Waadtland stammenden Propst Nantelmus de Rubeomonte erstmals ein Stiftskleriker namentlich in den Quellen fassbar. Von da an bis zum Jahr 1527, dem Verzicht des Nikolaus von Diesbach auf die Propstwürde im Vorfeld der reformatorischen Wirren, dokumentiert der Mittelalter-Historiker die Lebensläufe sämtlicher Kleriker am St.-Ursen-Stift.

Insgesamt wirkten in diesem Zeitraum 421 Geistliche, davon erlangten 209 die Chorherrenwürde. Zudem versahen zahlreiche Altargeistliche am St.- Ursen-Stift ihren Dienst. Einige Kleriker hofften vergeblich auf ein Amt als Altargeistlicher oder Chorherr.

Wie der Titel der Dissertation erkennen lässt, spürt die Forschungsarbeit dem Wandel nach, den das Chorherrenstift im Verlauf des Mittelalters erlebt hat. Gegründet beziehungsweise eben «gestiftet» wurde dieses vor 870 durch das fränkische Königsgeschlecht der Karolinger. Diese haben eine Gruppe von Klerikern damit beauftragt, den religiösen Kult rund um die Verehrung des Thebäerheiligen Urs zu gestalten und gleichzeitig die Seelsorge der ansässigen Bevölkerung sicherzustellen.

Die Buchvernissage

Silvan Freddi präsentiert am 25. Februar anlässlich einer öffentlichen Buchvernissage im Museum Blumenstein (Beginn: 19.30 Uhr) die Ergebnisse seiner stadtgeschichtlichen Dissertation. Die Vorstellung des Werkes einleiten werden Erich Weber, Konservator des Museums Blumenstein, sowie Andreas Fankhauser, Staatsarchivar des Kantons Solothurn. Ein Grusswort entbietet zudem Bildungs- und Kulturdirektor Remo Ankli. Im Anschluss wird ein Apéro serviert. Silvan Freddi (Jahrgang 1967) arbeitet seit Oktober 1996 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatsarchiv Solothurn. Seine Dissertation wurde im Frühling 2011 von der Uni Zürich angenommen. (esf)

Das Buch: St. Ursus in Solothurn. Vom königlichen Chorherrenstift zum Stadtstift (870-1527), 2014, Böhlau Verlag Köln Wien Weimar.

Zur finanziellen Absicherung statten die königlichen Stifter die Klerikergemeinschaft mit Gütern sowie dem zugehörigen Personal aus und gewährten ihr weitgehende Rechte sowie Privilegien. Ebenfalls auf eine königlich-karolingische Stiftung geht in der Schweiz die bis zur Reformation bestehende Chorherrengemeinschaft am Grossmünster in Zürich zurück, die St. Ursen bei Problemen gerne anrief.

Solothurner Bildungselite

In Solothurn versah den Dienst am St.-Ursen-Stift bis zu dessen Aufhebung im Jahr 1874 - in der Folge des liberalen Kulturkampfes - ein Kollegium von zwölf Chorherren, denen der Propst vorstand. Im Unterschied zu einer Mönchsgemeinschaft handelte es sich bei den Chorherren um Weltkleriker. Sie verfügten über privaten Besitz und wohnten in eigenen Häusern, die in der Regel vom Stift gestellt wurden.

Rund um die St.-Ursen-Kirche bildete sich so ein eigentlicher Stiftsbezirk. In der Theorie waren die Chorherren zwar an das Zölibat gebunden, in der Praxis indes unterhielten sie öfter eheähnliche Beziehungen und zeugten Kinder (siehe Text unten).

Mit dem Amt als Chorherr war eine Reihe von Einkünften verbunden, die denjenigen hoher städtischer Beamter entsprachen. Im Unterschied zu diesen, die noch Ende des 15. Jahrhunderts nur über eine rudimentäre Bildung verfügten, hatten drei Viertel der Chorherren eine Universität besucht. Die Chorherrenwürde blieb dabei den Söhnen der gesellschaftlichen Eliten vorbehalten, in den Anfängen vor allem den Abkömmlingen des Adels und später dann zunehmend den Sprösslingen des städtischen Patriziats. Als Chorherr an einem - oder sogar mehreren Stiften - zu wirken, bildete zumeist den Abschluss einer geistlichen Karriere.

Ein explosives Nebeneinander

Aufgrund der königlichen und päpstlichen Rechte entzog sich das St.-Ursen-Stift während Jahrhunderten dem Einfluss der Stadt. Erst nach und nach gelang es den Solothurner Stadtbehörden - und auch jenen in Zürich - die geistliche Körperschaft innerhalb ihrer Stadtmauern unter das städtische Recht zu zwingen. Andere grosse Schweizer Stifte, etwa St. Vinzenz in Bern oder S. Nicolas in Fribourg, standen als ursprünglich städtische Gründungen nie in einem solchen Gegensatz zur Stadt.

Höhepunkt und gleichzeitig Umkehr des Konflikts zwischen Stadt und Stift war das Jahr 1251: Nach dem Tod von Kaiser Friedrich II. sah das Stift unter Propst Heinrich von Neuenburg die Zeit gekommen, beim Papst um weitgehende Rechte über die freien Stadtbürger nachzusuchen. Eine Urkunde bestätigte dem Stift dann auch tatsächlich das Recht, den Stadtschultheiss einzusetzen, das Münz- und Zollrecht wahrzunehmen sowie die Niedergerichtsbarkeit über die freien Stadtbürger auszuüben.

Dem Stift gelang es indes nie, diese weitgehenden Rechte über die Stadt durchzusetzen. Im Gegenteil: Nach dem Aussterben der Grafen von Buchegg ging etwa um 1360 die Schirmherrschaft über das Stift von diesen an die Stadt über. 1512 sicherte sich Solothurn das Recht, einen Teil der Chorherren einzusetzen. Mit den Reformationsmandaten 1527/28 verlor schliesslich das Stift sämtliche Steuerprivilegien, abgeschafft wurde auch das geistliche Gericht.

In der Zeit vor und auch nach 1500 wurden die Chorherren aufgrund ihrer Bildung immer wieder im diplomatischen Dienst eingesetzt. Zudem hatte die Verehrung des Heiligen Urs eine wichtige identitätsstiftende Funktion für den Solothurner Stadtstaat.

Chorherr: Flottes Leben und weltliche Geschäfte

Ein Amt als Chorherr am St.- Ursen-Stift - und nicht nur hier - war auch deshalb attraktiv, weil neben einträglichen Einkünften ein flottes Leben möglich war. Jeder zehnte Chorherr verstiess gegen das Zölibat. Die Chorherrengemeinschaft sowie die städtischen Behörden duldeten namentlich Liebesbeziehungen zwischen Stiftsklerikern und ledigen Frauen. Etliche dieser Beziehungen waren stabile Lebensgemeinschaften, aus denen auch Kinder hervorgingen. Eine solche illegitime Geburt war im Übrigen kein Hindernis, selbst Chorherr zu werden; es brauchte dafür zwar eine päpstliche Dispens, die aber durchaus zu erwerben war. Ein Beispiel dafür ist Nikolaus Leberlin, einer von zwei Söhnen des Chorherrn Johannes Leberlin. Trotz seiner illegitimen Geburt wurde er 1462 - mit dem sanften Druck der Stadtbehörden - zum Chorherrn ernannt. Solothurn hatte grosses Interesse daran, dass der Spross einer Solothurner Ratsherrenfamilie im Stiftskapitel vertreten war. Nikolaus Leberlin setzte sich sogar gegen einen Adligen aus Heilbronn durch, der eine eindrückliche geistliche Karriere vorweisen konnte.

Ein Chorherr konnte sich zudem - neben seinen geistlichen Aufgaben - weltlichen Geschäften widmen. Nikolaus Schaffhuser aus Büren a. d. A., der 1429 Chorherr und Propststatthalter wurde, zog nebenbei noch einen Weinhandel auf. Mit seiner Lebensgefährtin Adelheit Roprecht hatte er zwei Kinder, die Hans und Adelheit hiessen. Sein Sohn Hans führte dann später den Weinhandel fort. (esf)

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