Solothurn

Wie das Corona-«Geisterkonzert» dennoch zum begeisternden Musikanlass für viele wurde

Die Verordnungen zum Schutz vor dem Corona-Virus verhinderten, dass das Konzert des Solothurner Kammerorchesters vor Publikum durchgeführt werden konnte. Tondichtungen mit Engelsmusik standen im Zentrum dieses «Geisterkonzerts», das doch nicht ungehört blieb.

Als hätte Orchesterleiter Urs Joseph Flury geahnt, dass wir gegenwärtig belastungsreiche, geradezu irre Zeiten mit Virus-Bedrohung, Krieg und Flüchtlingselend am Rande Europas erleben; stellte er für diesen Konzertabend des Solothurner Kammerorchesters (SKO) ein auf die Seele beruhigend wirkendes Programm zusammen.

Zwar verhinderten Bundes- und Kantonsverordnungen die reguläre Durchführung dieses Konzertes mit Publikum wegen befürchteter Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus. Aber eine gänzliche Absage der Musikveranstaltung, für die alle Orchestermitglieder intensiv geprobt hatten, wollte auch niemand hinnehmen. So kam Flury die rettende Idee, eine Übertragung des Konzertes via SKO-Website mittels Livestream durch Jump TV zu ermöglichen. So wurde aus dem befürchteten Geisterkonzert ein begeisternder Musikanlass für viele Zuhörende.

Virtuose Harfenistin Anne-Sophie Vrignaud

Eigens für dieses Konzert war es nämlich gelungen, die aus Südfrankreich stammende und in Zürich unterrichtende und in verschiedenen Orchestern beteiligte Harfenistin Anne-Sophie Vrignaud zu gewinnen. Ihr Vortrag in «Danse sacrée et danse profane» von Claude Debussy (1862-1918) gemeinsam mit dem ausgezeichnet und sensibel mitgehenden Streichorchester wurde zum puren Genuss. Die Wiedergabe des Erfindungsreichtums des Komponisten in dieser Tondichtung wirkte wie eingefangene Poesie. Denn Debussy war lange Zeit Mitglied im Kreise symbolistischer Schriftsteller und intellektueller Idealisten. Das virtuose Spiel der Solistin auf ihrem Instrument, dessen Impulse diesem impressionistischen Werk einen besonderen Charakter wie Engelsmusik verliehen, gelang in differenziertem Gefühlsreichtum.

Traumhaftes «Seelenfutter» bot ebenso die bekannte «Meditation» aus der Oper «Thais» für Solovioline, Harfe und Orchester von Jules Massenet (1842-1912). Konzertmeisterin Franziska Grütter gestaltete ihren Violinpart tonschön und mit eindrücklicher Sicherheit. Die lyrisch agierende Harfe umrahmte mit adäquatem musikalischem Ausdruck.

«Gymnopedies» mit zauberhafter Ausstrahlung

Im antiken Sparta fanden für junge Männer nicht nur militärische Ertüchtigungsspiele, sondern auch künstlerische Wettbewerbe statt. Ihren Namen Gymnopedien erhielten sie daher, dass alle jugendlichen Beteiligten wie etwa in gymnastischen Übungen unbekleidet auftraten. Daran wollte Erik Satie (1866-1925) in diesen für Klavier schon deutlich expressionistisch geschriebenen Stücken erinnern. Debussy richtete sie für Orchester ein. Auch hier verlieh die Harfe in «Lent et doulourex» dem Stück eine zauberhafte Ausstrahlung.

Lieb, ordentlich, aber musikalisch ausdrucksvoll gefielen die «5 Tänze», die Urs Joseph Flury nach Skizzen der Dichterin Annette von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) zu deren geplanter Oper «Die Wiedertäufer» für Orchester instrumentiert hat.

Umrahmt waren die Programmpunkte durch Werke von Carl Ditters von Dittersdorf und Johann Baptist Vanhal. Beide 1739 geboren, kannten ihre Wiener Musikerkollegen Haydn und Mozart sehr gut. Zudem war der aus Böhmen stammende Vanhal Schüler von Dittersdorf. Seine dreisätzige Sinfonie a-Moll, die zur Eröffnung erklang, ist bereits durch die aufkommende Klassik geprägt. Das abschliessende Konzert für Harfe und Orchester A-Dur hatte Dittersdorf für Cembalo und Streicher komponiert. Umgeschrieben für Harfe und Orchester durch Hermann Pillney und erweitert mit Oboen und Hörnern strahlte das Werk des Vielschreibers Dittersdorf eine betont volkstümliche Melodik aus. Die Harfe mit ihren schwebenden Impulsen verband fantasievoll alle Stimmen des Orchesters. Als Zugabe spielte Vrignaud eine rhythmisch-jazzige Komposition.

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