Die Probe läuft an diesem Samstag seit gut eineinhalb Stunden, die Sängerinnen zwischen 7 und 20 Jahren hatten gestaffelt je eine Viertelstunde Pause, Dirigentin und Musiker haben durchgearbeitet. Um Stimmen und Stimmung steht es aber bestens. Als sich Dirigentin Lea Scherer plötzlich ungläubig zu Raphael Christen umdreht und fragt: «Ach, du spielst das auswendig?», bricht Gelächter aus.

Chor und Christen spielen das Stück «Anthemoessa» heute zum wiederholten Mal, die Dirigentin ist aber verständlicherweise auf Noten und Einsätze fokussiert. «Ja, ich kann nicht blättern», antwortet Christen lachend. Seine Hände sind mit vier Schlägeln und unzähligen, schnell aufeinander folgenden Tönen, die er auf der Marimba spielt, längstens ausgelastet.

Danach gefragt, ob ich das Instrument für unsere geschätzte Leserschaft als «grosses Xylophon» bezeichnen darf, lacht Christen wieder. Und kommt nach kurzem Überlegen zum Schluss: «Nein. Xylophon und Marimba kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt.» Wir einigen uns schliesslich darauf, dass eine Marimba aussieht, wie ein grosses Xylophon. Genau wie das Vibraphon, das daneben steht. Es ist etwas kleiner und seine Klangstäbe bestehen – im Unterschied zu jenen des Marimbaphons – aus Metall.

Anthemoessa für den Chor

Gespielt wird das Vibraphon momentan aber nicht, denn Roman Kündig sitzt auf der Bühne, hält die Noten von «Anthemoessa» in der Hand und lauscht dem Chor hoch konzentriert. Das Stück ist dem Mädchenchor Solothurn gewidmet, Kündig hat es auf Anfrage von Scherer den Sängerinnen auf die Stimmbänder geschrieben. Herausgekommen ist ein klanglich grossartiges Stück – Marimba und Chor harmonieren ausgezeichnet. «Mir war es wichtig, dass die Marimba nicht durch ein anderes Instrument – etwas ein Klavier – ersetzt werden kann», erklärt der Komponist.

Der Titel des Stücks ist Programm: Es entführt den Zuhörer auf die Insel Anthemoessa, auf der laut griechischer Mythologie weibliche Fabelwesen, die Sirenen, leben. Und Seefahrer mit ihren Gesängen anlocken, um sie danach zu töten. Der Chor hat im Stück eine ungewöhnliche Rolle: So singen die Mädchen und jungen Frauen nicht wie gewohnt einen Text, sondern ahmen Meeresrauschen und schöne, lockende, aber auch beunruhigende Sirenengesänge nach. Die Klänge untermalen sie mit halbszenischen Einlagen. Ihre Rolle ähnelt dabei nicht zufällig der eines Filmchors: «Ich komme von der Filmmusik her und mich fasziniert die Rolle des Chors im Film sehr», erklärt Kündig.

Der 32-Jährige spielt im 21st Century Orchestra, welches im KKL Luzern regelmässig Filme zeigt und die Musik dazu live einspielt. Dessen ehemaliger Lehrer Raphael Christen hatte Lea Scherer an einer Aufführung der Musikschule Cham beeindruckt, als er Chorlieder auf der Marimba vortrug. Womit die Zusammenarbeit zwischen Mädchenchor und Marimbaspielern aufgegleist war.

Nicht nur Sirenen im Chor

Während der Pause basteln die Mädchen fröhlich Papierschiffe für die Apérodekoration und überbieten sich gegenseitig in ihren Faltkünsten. Theres Pfluger– Mutter von Hannah Wirth und «Chor-Mami» – schwärmt derweil von der Einsatzbereitschaft der Mädchen und schildert die tolle Stimmung, die auch in den Lagern immer herrsche. Viele Mädchen erzählen, sie seien schon seit der ersten Klasse im Chor und bestätigen: «Es fägt!» Dem Archetypus der Sirene entsprechen sie damit aber nur bedingt.

Über die Aufteilung von Gut und Böse habe man entsprechend lange diskutiert, erklären die Chorleiterinnen Scherer und Hannah Wirth. Man habe sich auf das Thema «Von Sirenen und Seefahrerinnen» geeinigt und ein Konzertprogramm um «Anthemoessa» herum aufgebaut. Die Lieder würden im Original meist mit Klavier begleitet, erklärt Kündig.

Da ein Marimbaspieler zehn Fingern eines Pianisten nicht entsprechen kann, spielen er und Christen an zwei Instrumenten. «Mit dem Programm erzählen wir eine Geschichte», erklärt Wirth. Mit dieser, der Liedauswahl, den ungewöhnlichen Begleitinstrumenten und der halbszenischen Interpretation wird dem Publikum ein stilistisch, sprachlich und optisch abwechslungsreiches Programm geboten.

Nach drei Stunden ist die heutige Probe schliesslich rum. Hannah Wirth darf verkünden, dass die Schweizer Nati gegen Albanien gewonnen hat und alle zusammen sind sich einig, dass auch der Chor bestens aufgestellt ist. Scherer versäumt es nicht, die Mädchen für ihren Einsatz und ihren Fleiss zu loben. Und dafür, dass sie zwei Wochen vor dem Konzert sämtliche Stücke, Abläufe und halbszenischen Einsätze auswendig kennen. Sirenen und Seefahrerinnen sind bereit und wer nun noch wissen möchte, wie sie mit Marimba harmonieren, reserviert sich das letzte Juniwochenende.

«Von Sirenen und Seefahrerinnen» wird am 25. Juni um 19.30 Uhr in der katholischen Kirche in Wangen an der Aare und am 26. Juni um 17 Uhr im Konzertsaal Solothurn aufgeführt.