Der Regen plätschert auf die roten Baucontainer beim «Güggi»-Spielplatz neben der Schiffländte, Kinderlachen dringt nach draussen. Neun Jungs - man bleibt in diesem Alter gerne unter sich - sitzen konzentriert um eine Festbank und werkeln an Schuhschachteln herum. Ihre Mission: den Schachteln neues Leben einhauchen.

Aus Korkzapfen, Stofffetzen und Holz werden Möbel und Figuren gebastelt, ganze Familien aus der Taufe gehoben. Das Konstrukt Familie hat sich verändert, und damit auch das Verständnis von Ehe und Zusammenleben.

Zu den Kindern, die bei Vater und Mutter leben, gesellen sich solche, die in Patchwork-Familien, mit einem Elternteil oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. «Bevor die Kinder mit dem Basteln angefangen haben», erklärt Guda Hess, «haben wir ihnen gezeigt, welche Familienstrukturen es heutzutage gibt.»

Hess ist Koordinatorin der Quartierspielplätze und Leiterin des «Güggi». Über 60 Mädchen und Buben zwischen sechs und zwölf Jahren beteiligen sich an der Aktionswoche der Spielplätze und gehen der Frage nach, was Familie denn eigentlich bedeutet.

Das Ziel: ein trautes Heim

Während die einen nach den Herbstferien in der Schule damit prahlen, wie weit weg sie waren und von malerischen Stränden oder halsbrecherischen Achterbahnen erzählen, können die anderen nur staunend zuhören: Kinder aus Familien, die nicht in die Ferien gereist sind. Die Kinder, die bei der Aktionswoche der Quartierspielplätze dabei waren, sollten mit den Weitgereisten jedoch locker mithalten können. Wer kann schliesslich schon von sich behaupten, in der schulfreien Zeit eine Familie gegründet zu haben?

«Alle kommen vorbei und ich muss gar nie rausgehen», stellt sich der achtjährige Silas das Familienleben als Erwachsener vor. Wenn Kinder zur Lebensplanung aufgefordert sind, scheint die Vorstellung des trauten Heims als Vorlage besonders beliebt. Möglichst gross und kinderreich sollen die Wunsch-Familien werden, Haustiere und grosse Tische schaffen Geborgenheit im Kreis der Liebsten. Akzente werden vor allem bei der Einrichtung der Schuhschachteln, pardon: der Wohnungen, gesetzt.

Silas hat in seiner Bleibe einem grünen, langfaserigen Teppich ausgelegt. Die Holz-Dusche, die er gerade mit Sekundenleim befestigt, nimmt einen Drittel der Wohnfläche ein. Das sei eben mal was anderes, lacht er. Etwas aber hat Silas vergessen: «Gibt es in Deinem Zuhause denn kein WC?», fragt Miron.

Die Schuhschachtel des Zwölfjährigen glänzt in weisser Farbe. «Das wird ein Flugzeug», erklärt er. In diesem möchte er samt Grosseltern und Kindern in die Ferien fliegen. Gerade einmal einen Kopf grösser als seine Mitbastler, leitet Miron bereits eine Gruppe mit Kindern. «Ich habe mich beim Verein Quartierspielplätze zum Kinder-Coach ausbilden lassen», berichtet er stolz. «Aktive Kinderpädagogik» nennt Guda Hess das: «Die grösseren Kinder lernen, wie sie kleinere Kinder führen oder welche Spiele für welche Altersgruppe geeignet sind.»

Kleine Ahnenforscher

Anderer Spielplatz, anderer Ansatz: Während der Duft gekochter Zwiebeln auf dem Güggi-Spielplatz langsam das Mittagessen ankündigt, werden ein paar Kilometer westlich aus Dachlatten Familienfiguren gebaut. Auch in der «Villa 41» an der Weissensteinstrasse setzen sich Kinder mit dem Thema Familien auseinander. Beim Schreiben und Zeichnen von Stammbäumen kommen die Kinder ihren eigenen Wurzeln auf die Spur.

Wie Lis Dreier, Leiterin der «Villa 41», freudig feststellt, hätten viele Kinder bereits den Ahnenforscher in sich entdeckt: «Sie haben ihre Eltern ausgequetscht, damit sie ihre Stammbäume erstellen können.» Einige haben sich dazu gleich als Familienmitglieder verkleidet - Putzfrau und Grosseltern inklusive.

Wenn die Solothurner «Spielplatz-Kinder» ihr Familienleben ausleuchten, soll auch das Gestern nicht zu kurz kommen. Heute Mittwoch sind die Grossmütter und Grossväter der Kinder eingeladen, um mit ihnen über ihre Kinderzeit zu sprechen. Denn eines steht gemäss «Güggi»-Leiterin Guda Hess fest: «Früher gab es noch ganz andere familiäre Rituale.»