Journalismus
Wenn plötzlich der Wolf auftaucht – dann ist der Journalist nicht weit

Wie tickt der Journalismus, wenn sich ein Skandal anbahnt? Der Medienwissenschafter Vinzenz Wyss gab in der Akademie der Generationen erhellende Einblicke.

Wolfgang Wagmann
Drucken
Teilen
Vinzenz Wyss zog das Publikum in seinen Bann. ww

Vinzenz Wyss zog das Publikum in seinen Bann. ww

«Wenn am Morgen alle Züge pünktlich fahren, ist das normal. Wenn nicht ...» – dann könnte das der Anfang einer Story sein. «Denn der Journalismus folgt seiner eigenen Logik», hielt der Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften vor voll besetzten Stuhlreihen im Tertianum fest. Es sei unsinnig, über die Qualität des Journalismus oder über die Medienarbeit zu diskutieren, wenn keine klaren Vorstellungen bestünden, welche gesellschaftliche Funktion der Journalismus einnehme. Wyss sieht diesen als «eigenständiges gesellschaftliches Funktionssystem», das sich von allen anderen politischen Systemen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst oder Religion unterscheide. Doch verknüpfe der Journalismus die Kommunikation dieser auseinanderdriftenden Systeme zur gesellschaftlichen Selbstbeobachtung in der sogenannten «Mehrsystemrelevanz».

David und Goliath

Nach dem eher akademischen Einstieg näherte sich Vinzenz Wyss dem eigentlichen Thema an, dem echten oder scheinbaren «Medienopfer». Beispiele wie Elisabeth Kopp, Samuel Schmid, Thomas Borer, aber auch Roberto Zanetti zog er heran – ohne jedoch den Einzelfall im Detail zu behandeln. Wyss zeigte aber anhand einer Filmsequenz auf, wie tief getroffen beispielsweise seinerzeit der abgewählte Regierungsrat Zanetti auf die aus seiner Sicht «gnadenlose» Medienkampagne im Zusammenhang mit der «Pro-Facile»-Berichterstattung reagiert hatte.

Ob tatsächlich Opfer oder «ganz eifach säuber tschuld» interessierte den Medienwissenschafter in all diesen Fällen weniger als gewisse Konstanten, die immer wieder vorkämen – auch auf Kosten der zwar bemühten, aber nie zu erreichenden Objektivität. Das Narrative, Erzählende, treibe den Journalismus an, «da geht es um David und Goliath, Gut und Böse, den Sündenbock, den Verräter, das Opfer.»

Am Anfang ist die Krise

Wenn die Normalität unterbrochen wird – oder, wie Wyss Rotkäppchen ins Spiel brachte, «der Wolf auftaucht» – dann sei die Krise da. Und mit ihr die Medien. «Wenn die Dinge mal laufen, dann laufen sie, auch wenn die Justiz später die betroffene Person freispricht», so der Referent. Und diese Betroffenen machten auch immer die gleichen Fehler: «Sie merken zu spät, dass die Lunte brennt. Sie geben nur zu, was bekannt ist. Es fehlt ihnen an Sensibilität. Fehler werden zu spät eingeräumt, man versteift sich auf Formalitäten.» Und vor allem: «Die Zeit ist knapp, sie ist der Feind», wies Vinzenz Wyss auf einen weiteren wichtigen Punkt in einer laufenden Medienkampagne hin. Oder: «Der Journalismus reagiert vor allem dann (und solange) als der Ausgang noch nicht bekannt ist.»

Zweifel an der Medienqualität

Dass in vielen Fällen ein genaues Hinschauen der Medien wichtig sei, betonte der Referent ebenso wie die Logik: «Der Journalismus kann nicht anders.» Ob dieser seine Aufgabe auch in Zukunft mit dem für Wyss wichtigen Qualitätsanspruch lösen kann, das hingegen bezweifelte der Professor mit Solothurner Wurzeln. Es werde immer schwieriger, einen anspruchsvollen Journalismus über Werbeeinnahmen zu finanzieren. Vielenorts, auch in der Schweiz, sei «die Zitrone ausgepresst». Der Journalist werde zur «eierlegenden Wollmilchsau», ja es gebe die Tendenz zum «Prekariat» – junge Leute in prekären Verhältnissen leisteten Medienarbeit für wenig Geld und ohne Perspektiven.

Eine rege Diskussionsrunde über den Journalismus und seine Aufgabe rundete das Referat ab.

Aktuelle Nachrichten