«Ein Leuchter an der Decke verbreitete fahles, gelbes Licht» und «Wir passen eigentlich nicht zusammen» ist an die Wand projiziert. Zwei Künstler stehen vor Projektoren und zeichnen los. An der Wand entsteht ein Bild, gezeichnet von zwei Händen, die aufeinander eingehen, ohne sich abzusprechen und die Fragmente aus Franco Supinos Roman «Ciao, Amore, Ciao» illustrieren. Kurz darauf beenden die beiden ihre Arbeit und legen neue Blätter auf die Projektionsfläche – das eben entstandene Bild verschwindet, das gemeinsame Werk gibt es nicht mehr.

Künstlerhaus wird zur Werkstatt

Mit einer herkömmlichen Ausstellung hat die am Samstag im Künstlerhaus S11 in Solothurn eröffnete nicht viel zu tun. Es wird keine ausgewählte Atelierarbeit präsentiert; vielmehr wird die Ausstellungsfläche selber zum Atelier. Denn die präsentierten Werke entstehen vor Ort: Das Publikum kann den Kunstschaffenden bei der Arbeit über die Schulter schauen und dem Entstehungsprozess beiwohnen. «Seid ungeniert Voyeure», forderte Kunsthistoriker Martin Rohde die Gäste auf. Denn: Interaktivität ist ein zentrales Element des Projekts.

Genauso spontan, wie die Werke entstehen, entstand auch die Ausstellung. Weil eine andere Ausstellung kurzfristig abgesagt werden musste, fragte Rohde die Gruppe «Collaboration Eigenbrand» um den Solothurner Künstler Franco Müller an. Seit drei Jahren tritt dieses Netzwerk von Kunstschaffenden aus der Region mit seinen «Textprojektionen» im Kulturm auf. Das Schema ist immer dasselbe: Künstler zeichnen, experimentieren und improvisieren vor Publikum zu Textfragmenten aus der Literatur.

Ein Teil der Ausstellung ist denn auch den klassischen Textprojektionen gewidmet – es findet sich eine Auswahl von früheren Werken. Auch zu sehen sind aus der Ausstellung stammende Arbeiten, die regelmässig ausgewechselt werden sollen. Nebeneinander befinden sich da Zeichnungen verschiedener Künstler wie Jakob Rieder, Swen Keller oder Franco Müller selber, entstanden in unterschiedlichstem Kontext. Gemeinsamer Nenner der Werke sei, dass sie keiner Ästhetik, sondern einer «chaotischen Vielfalt» verpflichtet seien, erklärt Müller. «Mir kommt Streetart in den Sinn: eine Koexistenz verschiedener Sprachen.» Live zu zeichnen sei etwas ganz Spezielles und nicht jedermanns Sache: «Man muss sich getrauen und darf nicht Angst haben, etwas preiszugeben.»

Die Welt nach Solothurn holen

Doch die Ausstellung bietet mehr als die bereits erprobten Textprojektionen. Geplant sind auch musikalische Abende und weitere Projektionsaktionen. Darüber hinaus nützt die Gruppe Mittel der modernen Technik als neue Projektionsflächen: Per Internetdienst Skype sollen Gastkünstler aus ganz Europa in die Ausstellung geholt werden.

An der Vernissage war Verena Baumann aus Paris virtuell mit dabei. Via Webcam wurde ihr Schaffen live übertragen; vor Ort wiederum nahm die Gruppe den Faden auf und entwickelte die an die Wand projizierte Arbeit weiter. «Dass Leute irgendwo auf dem Globus am Moment teilhaben, wird ein Element sein, das aus der Ausstellung hinauswächst», sagt Franco Müller.

Die Ausstellung dauert bis zum 18. September. Am 29. September sind Collaboration Eigenbrand im Kulturm zu sehen.